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02.05.2012

11:27 Uhr

Zeitgenössische Kunst

Die letzte Utopie des Menschen

Was ist der Stand der Dinge bei den Menschenrechten? Das fragen 65 zeitgenössische Künstler eines großen Ausstellungsprojekts in der belgischen Stadt Mechelen. Das Thema ist brennend aktuell. Zeitkritik steht in diesem Jahr bei internationalen Ausstellungen hoch im Kurs. Die 7. Berlin Biennale verkündet gerade den „Kunststreik“ und plädiert für politischen Aktivismus; auch die Documenta in Kassel wird einen starken politischen Einschlag haben.

David Goldblatt: Fietas: Yaksha Modi, Tochter von Chagan Modi, im Laden ihres Vaters vor der Zerstörung im Rahmen des Group Areas Act, 17. Straße, Fietas (1976). (Ausschnitt) Newtopia Mechelen / David Goldblatt

David Goldblatt: Fietas: Yaksha Modi, Tochter von Chagan Modi, im Laden ihres Vaters vor der Zerstörung im Rahmen des Group Areas Act, 17. Straße, Fietas (1976). (Ausschnitt)

Berlin„Ich bin eine Griechin – und wenn ich rede, dann gleicht das einem Maschinengewehr.“ In der Tat – wenn die in Athen geborene, in Brüssel lebende, temperamentvolle Kuratorin Katerina Gregos über ihr neues Ausstellungsprojekt berichtet, dann fliegen dem Zuhörer konzeptionelle Ideen, Künstlernamen und Präsentationsvorschläge nur so um die Ohren. Es geht um eines der großen Ausstellungsvorhaben dieses an Großprojekten wahrlich nicht armen Kunstjahrs 2012: die Ausstellung „Newtopia: The State of Human Rights“, die vom 1. September bis 10. Dezember im belgischen Mechelen zu sehen sein wird.

Thema der Schau an fünf Ausstellungsorten in der belgischen Kleinstadt ist der Stand der Dinge bei den Menschenrechten, gespiegelt durch die Werke von 65 zeitgenössischen Künstlerinnen und Künstlern. Das ist ein Thema, dem sich Katerina Gregos bereits einmal in einer aufsehenerregenden Weise gestellt hat: als Kuratorin des dänischen Pavillons auf der 54. Biennale von Venedig 2011. Damals ging es um die Redefreiheit, die sie nicht nur von skandinavischen, sondern von Künstlern aus der ganzen Welt untersuchen ließ. Die engagierte Ausstellung stieß bei Biennale-Besuchern und Kritikern auf viel Beachtung.

Knotenpunkt Mechelen

Dass sich die 70.000 Einwohner zählende Stadt Mechelen, die eine knappe halbe Autostunde von Brüssel entfernt liegt, in diesem Jahr mit einer solchen Großausstellung profilieren möchte, hat einen konkreten Anlass: In diesem Jahr wird in der Stadt, die in der frühen Neuzeit mit dem Tuchhandel reich wurde und ein Zentrum des europäischen Humanismus war, eine Holocaust-Gedenkstätte eröffnet. Der Eisenbahnknotenpunkt Mechelen war während des Zweiten Weltkriegs der Ausgangsort für Deportationen durch die deutsche Besatzungsmacht. Mehr als 26.000 Juden, Sinti und Roma wurden von hier aus nach Auschwitz deportiert.

„Diese Geschichte der Stadt war für mich ein entscheidender Faktor, um das Thema Menschenrechte vorzuschlagen“, sagt Katerina Gregos. „Die Spanne reicht von Erasmus von Rotterdam, der sich in der Stadt aufgehalten hat, bis zum Massenmord an den europäischen Juden. Heute ist der Begriff Menschenrechte in der öffentlichen Debatte häufig eher negativ besetzt. Man denkt an Stacheldraht und hungernde Kinder, wenn man das Wort hört. Und gleichzeitig muss man feststellen, dass einige Menschenrechte seit den Terrorangriffen vom 11. September 2001 direkt vor unseren Augen eingeschränkt worden sind.“

Brennpunkte am Rand Europas

Höchste Zeit also, einmal Zwischenbilanz zu ziehen, wie es weltweit um die Menschenrechte steht. Einige der Künstler, die Katerina Gregos nach Mechelen einladen wird, hat sie bereits in ihrer Biennale-Ausstellung gezeigt. Etwa den Berliner Thomas Kilpper, der mit dem vermeintlich altmodischen Mittel des Holzschnitts brennend aktuelle Themen bearbeitet, etwa die Ankunft von hoffnungslos überfüllten Booten mit Migranten aus Afrika auf der italienischen Insel Lampedusa einem Außenposten Europas. Dort werden die Flüchtlinge mit einem ungelösten europäischen Konflikt konfrontiert – dem Konflikt zwischen den Menschenrechten, die auf diesem Kontinent geboren wurden und angeblich unverhandelbar sind, und der Angst vor einer wirtschaftlichen und kulturellen Überforderung durch die Flüchtlinge.

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