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28.11.2012

09:41 Uhr

Zeitgenössische Kunst

Ich poste, also bin ich

Sich selbst entblößen ist heute fast eine Art Kulturtechnik geworden. Wie Künstler darauf reagieren, zeigt die Ausstellung „Privat“ in der Frankfurter Schirn Kunsthalle.

Evan Baden: "Emily", aus der Serie "Technically Intimate", Druck, 2010. (Ausschnitt) Evan Baden

Evan Baden: "Emily", aus der Serie "Technically Intimate", Druck, 2010. (Ausschnitt)

FrankfurtAls der Bürger König sein wollte, fing alles an: Er musste sich  inszenieren, das Persönliche nach außen kehren. Die im 19. Jahrhundert aufkommende Fotografie lieferte dazu immer perfekter, immer intimer das nötige Bildmaterial. Heute, im Zeitalter der Post-Privacy, ist dank Internet, Facebook und Co. die Selbst- und Fremdentblößung triviales, aber auch künstlerisches Programm. Zwischen dem historischen und dem aktuellen Pol des Verlusts der Privatheit oszilliert mal trashig, mal romantisch intim und ganz ohne Respekt vor Political Correctness die Ausstellung „Privat“ in der Frankfurter Kunsthalle Schirn.

Die Spuren im Bett

Wer da meint, hier ginge es wieder einmal gesellschaftspolitisch und sozialkritisch am Kunstmarkt vorbei, der irrt.  Die Provokation ist durchaus auch mit großen Namen und Exponaten aus international bedeutenden  Sammlungen vertreten. Star ist natürlich Tracey Emin aus der Riege der Young British Artist mit ihrer Installation „My Bed“. Das ziemlich derangierte Ruhelager mit Unterwäsche, Wodka-Flaschen und Kondomen fand dereinst einen Käufer, der dafür 150.000 Pfund ausgegeben hat. Ebenfalls von der Londoner White Cube Gallery vertreten, ist Nan Goldin mit einer Fotoserie aus Paris. 45er-Auflagen von ihr sind bei artnet-auctions schon  für 3.000 Dollar zu haben. Die französische „Rollenspielerin“ Sophie Calle imaginiert mit Fotos ihre nicht stattgefundene Hochzeit. Das Interesse der Sammler an ihren Arbeiten ist so groß, dass man dafür auch mal bis zu 90.000 Euro anlegen muss.

Auflösung des Individuums

Empfangen wird der Ausstellungsbesucher von einer Installation des mexikanischen Künstlers Gabriel de la Mora. 17 sepiagetönte Fotografien der bürgerlichen Idylle im Stil „es ist erreicht“ zeigen Familienselbstdarstellung: Vater, Mutter, Kinder im Sonntagsstaat. Die Gesichter der Abgelichteten auf den alten Fotos sind unkenntlich gemacht. Sichtbar werden so Uniformität und der Verlust des Individuellen. Ein Phänomen, das sich durch alle Entblößungen des Privaten bis hin zum heutigen Obszönen der öffentlichen Zur-Schau-Stellung  zieht. Nur folgerichtig ist das Ende der Ausstellung mit einer Videoarbeit von Mike Bouchet: 10.000 Pornofilmchen in Miniformat auf einem Tableau. Das Individuum ist aufgelöst in einer vor sich hin wabernden Masse.

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