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04.02.2012

10:35 Uhr

Zeitgenössische Kunst

Verdrängte Verletzlichkeit

VonChristian Herchenröder

Zwei bekannte Berliner Galerien und ein Neuzugang aus China widmen sich in ihren Winterausstellungen unterschiedlichen Menschenbildern.

Jorinde Voigt „Territorium (1) XIV“ (Ausschnitt); Quelle: Fahnemann Projects

Jorinde Voigt „Territorium (1) XIV“ (Ausschnitt); Quelle: Fahnemann Projects

BerlinDie beste Galerie-Ausstellung haben in diesem Winter Nolan Judin mit Eugen Schönebeck aufgefahren. Hier zeigen rund 60 Zeichnungen und drei Gemälde, wie stark dieser Künstler war, der sich 1966 dem Kunstbetrieb abrupt entzog und das Malen aufgab. Die Zeichnungen dieser Schau sind ein schlüssiges Konzentrat des Gesamtwerks, an dem sich die Entwicklung dieser Kunst, die alles andere als verlorene Kunst ist, nachvollziehen lässt.

Die frühesten Arbeiten sind abstrakte Fingerübungen in Tusche, in denen man schon eine spontane Abkehr von dem Abstraktionsdiktat der 1950er-Jahre verspürt. 1961 ist der Maler ganz er selbst. Das mit dem Künstlerfreund Georg Baselitz gemeinsam verfasste „Pandämonische Manifest“ ist eine Absage an die Abstraktion und die junge Pop-Art.

Schönebecks Zeichnungen sind eine aus dem Informel herauswachsende Figuration, in der die Figur sich selbst sucht. Aus nervösem Kreuzstrich, wilden Kurven und harten Schatten wachsen amorphe Wesen, die Körperschläuche schlucken und deren verstümmelte Gliedmaßen wie Pathosformeln einer lange verdrängten Verletzlichkeit wirken.

„Natur! Natur“ steht auf einem dicht komponierten Blatt, doch hier wird nicht die Heilerin, sondern die Peinigerin Natur beschworen. Sie produziert gefährdete Torsi, Menschentiere, die zwischen Folter und Notdurft einsame Exerzitien der Selbstfindung (oder Selbstauslöschung?) betreiben. Vielschichtiger und verwundbarer hat wohl kein anderer deutscher Künstler dieser Zeit das neue Menschenbild beschworen. Die Landschaften wirken dagegen blass, aber in den großen Porträts, die starke Untersicht fordern, ist das Gesicht durch starke Blei-Kreuzlagen pathetisch aufgeladen. Die Preise reichen von 10.000 und 20.000 Euro für die frühen Blätter bis 130.000 Euro für die Porträts (bis 25.2., Katalog 39 Euro).

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