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04.08.2000

14:15 Uhr

afp PARIS/FRANKFURT. Die Angehörigen der Opfer des Concorde-Absturzes können ab kommender Woche mit der von Air France versprochenen Soforthilfe rechnen. Eine Vertreterin der Fluggesellschaft sagte am Freitag in Frankfurt am Main, die entsprechenden Anträge seien am Vortag an die Hinterbliebenen in ganz Deutschland geschickt worden. Wenn diese ausgefüllt zurück kämen, werde das Geld "schnellstmöglich" ausgezahlt. Air France will zunächst 42.000 Mark Soforthilfe pro Opfer zahlen. In Paris waren derweil Dutzende von Luftfahrt-Experten weiter der Unfallursache auf der Spur. Ins Zentrum rückte dabei die Frage, warum Air France nach einem ernsten Zwischenfall mit einer britischen Concorde 1993 ihre Überschallflugzeuge - anders als British Airways - nicht umrüstete.

Die Angehörigen hätten die Soforthilfe nicht früher erhalten, weil der "berechtigte Personenkreis" nicht von "heute auf morgen" festgestellt werden könne, sagte die Air-France-Vertreterin in Frankfurt. Ein Sprecher der Fluggesellschaft in Paris fügte hinzu, die Angehörigen selbst hätten zu verstehen gegeben, dass sie nicht sofort nach dem Unglück mit den Anträgen behelligt werden wollten. Nachdem sich die Berechtigten bei Air France gemeldet haben, muss die Fluggesellschaft nach Angaben des Kölner Anwalts Gerhart Baum innerhalb von 15 Tagen die Soforthilfe leisten. Unabhängig von der Schuldfrage müsse sie gemäß den EU-Bestimmungen zudem Entschädigungen in Höhe von bis zu 220.000 Mark pro Opfer zahlen, sagte Baum, der einige Hinterbliebene vertritt.

Für Schadenersatz-Zahlungen kommen auch die Concorde-Hersteller in Frage. Bei deren Höhe ist entscheidend, welches nationale Recht angewandt wird. Der Berliner Hinterbliebenen-Anwalt Elmar Giemulla sagte, im Gegensatz zum deutschen kenne das französische Recht einen "Ersatz für psychische Beeinträchtigungen". Bei einer Zahlung nach französischem Recht könne mit bis zu einer halben Million Mark pro Opfer gerechnet werden. Werde jedoch US-Recht geltend gemacht - ein Opfer war US-Bürger - liege die Summe deutlich höher. Bei dem Concorde-Absturz nahe Paris waren am Dienstag vergangener Woche 113 Menschen getötet worden, unter ihnen 97 Deutsche.

Wasserabweiser am Fahrwerk als mögliche Unfallursache

Bei den Ermittlungen zur Unfallursache wurde die Aufmerksamkeit auf den Wasserabweiser am Fahrwerk gelenkt, dessen Trümmer nach dem Unglück auf der Startbahn entdeckt worden waren. An einer britischen Concorde hatten 1993 nach dem Platzen eines Reifens Splitter des Wasserabweisers den Tank der Maschine durchschlagen. British Airways hatte daraufhin den Wasserabweiser, der eine ähnliche Funktion wie ein Kotflügel am Auto hat, umgerüstet und verstärkt, während Air France auf diese Maßnahme verzichtete. Wenn dies ein wichtiges Detail sei, müsse die Verantwortung geklärt werden, sagte Giemulla. "Wenn in einem Parallelunternehmen Maßnahmen ergriffen wurden, und Air France hat das nicht für nötig gehalten, dann haben die Schwierigkeiten vor Gericht."

Nach dem bisherigen Stand der Untersuchungen hielt die Regierung in Paris eine Start-Erlaubnis für die fünf Concorde-Maschinen von Air France weiterhin nicht für vertretbar. Anders als die französische Fluggesellschaft hatte British Airways bereits einen Tag nach dem Unglück die Flüge mit dem Überschallflugzeug wieder aufgenommen.

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