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21.01.2003

16:53 Uhr

Patienten müssen Geduld aufbringen

Tausende Ärzte wollen Praxen schließen

Patienten müssen sich in nächster Zeit vielerorts auf geschlossene Praxen, längere Wartezeiten und Einschränkungen bei Arzneien gefasst machen. Aus Protest gegen die rot-grüne Gesundheitspolitik planen die Kassenärzte Streiks und "Dienst nach Vorschrift". Insgesamt würden sich 14 der 23 Kassenärztlichen Vereinigungen (KVen) an Aktionen beteiligen, kündigte der Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), Manfred Richter-Reichhelm, am Dienstag in Berlin an. Die medizinische Versorgung bleibe aber gesichert. Hochburg der Proteste dürfte vom 29. Januar an Berlin werden.

HB/dpa BERLIN. Der HB erwartet, dass bis zu 5 000 der 11 000 Ärzte ihre Praxis geschlossen lassen. Auch in Brandenburg planten einige Mediziner Praxisschließungen. Parallel soll es in Bremen, Rostock, Stuttgart, Hannover und Potsdam Kundgebungen geben. Zentrum der Ärztestreiks dürfte aber Berlin werden: Dort sollen vom 29. Januar an jeweils 20 Prozent der 6 500 Kassenärzte tageweise in den Ausstand treten. Geplant sei ein "rollierendes System". Patienten sollen aber im Umkreis von höchstens zwei Kilometern einen anderen Arzt finden.

Das Gesundheitsministerium bezeichnete die Praxisschließungen als rechtswidrig. Die Krankenkassen drohten Ärzten mit rechtlichen Schritten bis hin zum Entzug der Kassenzulassung. Die Kassen riefen Versicherte auf, streikende Ärzte zu melden und über Engpässe zu informieren. Der Sozialverband VdK kritisierte die Protestaktionen erneut als unbegründet.

Praxisschließungen sind bisher in größeren Umfang aber nur in Westfalen-Lippe und Berlin geplant. Nach Angaben der KBV müssen sich Patienten aber auch andernorts auf Einschnitte einstellen. So planen die Kassenärztlichen Vereinigungen (KVen) von Hamburg, Schleswig- Holstein, Bayern, Hessen, Westfalen-Lippe, Bremen, Pfalz, Niedersachsen, Nordrhein und Baden-Württemberg einen "Dienst nach Vorschrift".

Dabei sollen die Ärzte ihre Leistungen um bis zu 30 Prozent zurückfahren und nicht-dringliche Fälle auf das nächste Quartal verschieben. Bei Arzneien sollen sie günstige Nachahmerpräparate verordnen sowie Scheininnovationen und umstrittene Mittel meiden.

Patienten würden alle notwendigen Medikamente bekommen, aber nicht unbedingt ihr gewohntes, sagte Richter-Reichhelm. Damit folgen die Ärzte im Grundsatz dem Aufruf von Politik und Kassen, nur das medizinisch Notwendige zu machen. Richter-Reichhelm zeigte sich aber überzeugt, dass die Patienten dies als "Mangel" empfinden würden.

Mit den Aktionen wollen die Ärzte nicht nur gegen die von Rot-Grün verordnete Nullrunde bei ihren Honoraren, sondern vor allem gegen die Pläne von Gesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) für die große Gesundheitsreform protestieren. Schmidt will das Vertragsmonopol der KVen brechen. Auch sollen die Kliniken verstärkt ambulant behandeln können. Richter-Reichhelm sagte das "Aus" für die niedergelassene Facharzt-Praxis "um die Ecke" voraus. Fachärzte werde es zunehmend nur noch in Anbindung zum Krankenhaus geben. Als Folge drohten Patienten längere Wege und Wartezeiten.

Dagegen will Schmidt die Rolle der Hausärzte stärken. Die Hausärzteverbände sind bereits von den Protestaktionen abgerückt. Insgesamt gibt es etwa 120 000 niedergelassene Kassenärzte, davon sind 40 000 Allgemeinmediziner. 20 000 sind Internisten, die sowohl haus- als auch fachärztlich tätig sind.

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