Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

10.01.2003

10:25 Uhr

Persischer Golf

Die Kriegsfabrik

VonAndrea Nüsse, Handelsblatt

17 Stockwerke, 3 000 Räume, 72 Kampfjets: Das ist die "USS Constellation". Heute wird von diesem Flugzeug- träger aus der Südirak kontrolliert, morgen könnte von hier aus der Krieg starten. 24 Stunden an Bord eines Schiffes, wo Menschen wie Maschinen funktionieren.

Leutnant Taylor Nekomoto betritt den Ankleideraum in einem hellbraunen Overall ohne Namensschild oder Rangabzeichen. Er zwängt sich in eine mit Luftkissen gefüllte Hose, die sein Blut im Körper nach oben pressen soll. Ein Kollege steckt ihm seinen Revolver, eine Sig-Sauer, 9 mm, in das Halfter unter dem Arm. Im Fernseher, der über der Tür unter der Decke hängt, wird gerade eine Verfolgungsjagd über die Brooklyn-Bridge in New York gezeigt. Dazu läuft der Song "New York, New York" von Frank Sinatra. Am Türrahmen steht auf einem Schild: "Vergiss nie den 11. September".

Taylor Nekomoto schaut nicht hin. Konzentriert putzt er das schwarze Visier seines Helms. Zuletzt unterschreibt der Amerikaner aus Hawaii, dass er zehn Stück Revolver-Munition mit auf seine Reise nimmt: Taylor Nekomoto wird genau eine Stunde später mit seinem Kampfjet "F/A-18" Hornet vom Flugdeck des US-Flugzeugträgers "USS Constellation" zu einer Mission über dem Süd-Irak starten. Gemeinsam mit fünf Raketen an Bord.

Während die Welt gespannt darauf wartet, ob es einen Krieg gegen den Irak geben wird, gehört das Kriegshandwerk für Taylor Nekomoto und die 5 000-köpfige Mannschaft an Bord der USS Constellation, genannt "Connie", zum Alltag. Seit dem 19. Dezember sind sie im Persischen Golf unterwegs, und die 115 Piloten an Bord fliegen täglich über dem Süd-Irak.

Bisher kontrollieren sie, ob der Irak das Flugverbot über dem südlichen Landesteil einhält. Nach irakischen Angaben bombardieren die US-Flugzeuge dabei immer häufiger Ziele am Boden. Nach amerikanischer Interpretation geschieht dies nur als Reaktion auf Versuche der irakischen Armee, die Flugzeuge im Radar zu erfassen oder zu beschießen. Im Falle eines Krieges würden die "Tomcat"- und "Hornet"-Staffeln den Irak so heftig bombardieren, bis Saddam Hussein in die Knie gezwungen und der Weg für US-Landtruppen frei wäre. So wie 1964 die ersten amerikanischen Angriffe auf Nordvietnam von Bord dieses Flugzeugträgers aus geflogen wurden.

Der stämmige Taylor Nekomoto hat trotz seines jugendlichen Alters von 29 Jahren und seinen 1,55 Meter wenig gemein mit einem Tom Cruise aus dem Film "Top Gun". Seine Gesichtszüge sind asiatisch, regungslos, auch bei existenziellen Fragen. Nein, sagt er, er habe keine Angst vor einem möglichen Krieg. "Wir sind bereit. Dafür haben wir trainiert."

Ob er schon Menschen im Irak mit seinen Bomben getötet hat? "Das herauszufinden ist nicht meine Aufgabe." Warum er diesen Job macht? "Ich tue das für meine Familie. Ich will nicht, dass sie so aussieht wie die Opfer des 11. September." Er wirkt reif, unbeirrbar, er ist Militär. Da auch den Besuchern klar ist, dass man für diese Arbeit zweifelsfreie Überzeugungen braucht, wagt niemand nachzufragen, was ein möglicher Krieg gegen den Irak mit den El-Kaida-Anschlägen auf das World Trade Center zu tun hat.

Viel realer ist für Taylor Nekomoto die Sorge, bei der Landung auf dem Flugzeugträger eines der vier aufgespannten Stahlseile zu verpassen, welche die heimkehrenden Maschinen innerhalb von 35 Metern zum Stillstand bringen sollen. Der Kapitän der "USS Constellation", John W. Miller, sieht das nicht gern. Denn bei Start und Landung muss der Flugzeugträger im Wind fahren und ist am verwundbarsten. Außerdem muss das Schiff bei verfehlten Landungen seinen Kurs länger fortsetzen und könnte in die Territorialgewässer der Anrainerstaaten eindringen. "Wir sind hier von souveränen Nationen umgeben", erklärt der groß gewachsene, etwa 50-jährige Mann im blauen Overall, der das Geschehen auf dem etwa 300 Meter langen Flugzeugdeck von der Brücke aus verfolgt.

Politik, Krieg, darum geht es in Washington, in New York. Hier wird wenig darüber gesprochen. So wie der Pilot Taylor Nekomoto versucht jeder der knapp 5 000 Mann und 32 Frauen an Bord des Flugzeugträgers seine Aufgabe präzise zu erfüllen. "Wir sind ein Team", versichert ein jeder, sei es ein Koch oder der Mechaniker auf dem Flugdeck, der einen Riss in der Tragfläche von Nekomotos Jet repariert. Was Leutnant Wendy Snyder, zuständig für Pressearbeit, als eine "schwimmende Stadt" bezeichnet, wirkt eher wie eine gigantische unterirdische Fabrik: eine Kriegsfabrik.

Auf 17 fensterlose Stockwerke sind 3 000 Räume verteilt, 72 Kampfflugzeuge sind an Bord, in den sieben Küchen werden täglich 18 000 Mahlzeiten zubereitet. Gearbeitet wird rund um die Uhr in Schichten. Das Leben der meisten Soldaten spielt sich nicht auf dem fotogenen Flugdeck ab, sondern in einem Labyrinth aus Gängen, steilen Treppen und engen Einstiegsluken. Der Bordpsychologe Denis Patrick Wood erzählt, dass einige Mannschaftsmitglieder vier bis sechs Monate brauchen, um ihren Weg auf dem Schiff zu finden, sich an den Lärm und die Enge zu gewöhnen.

Intimität gibt es keine. Nekomoto muss sich mit zwei anderen Piloten eine Schlafkammer teilen, die Duschen sind auf dem Flur. Das ist Luxus. Einfache Soldaten teilen sich mit bis zu 120 Kollegen einen Schlafsaal. Wenn Taylor Nekomoto allein sein will, zieht er den blauen Vorhang an seinem Bett zu, setzt seinen Walkman auf und versucht zu lesen.

Die Lebensbedingungen sind extrem, wenigstens ungewöhnlich. Die Anpassung daran erfordert viel Energie. Der Psychologe Patrick sagt, auch deshalb sei er davon überzeugt, dass Krieg kein zusätzlicher Stressfaktor für seine Patienten sein würde. "Es wird immer um das Leben an Bord gehen, die untreue Freundin zu Haus oder die Arbeitslosigkeit des Vaters." Leutnant Andrew Hildebrand, der in Rosenheim bei München aufgewachsen ist, erklärt, warum: "Hier an Bord sind wir sicherer als in Kuwait oder im Pentagon. Das Schiff ist einer der am besten bewachten Plätze der Welt."

Bei Kapitän Millers Auftritt im Bordfernsehen wird klar, welche praktischen Fragen Soldaten beim Gedanken an Krieg durch den Kopf gehen. Gerade hat Miller gefordert, bei der morgigen Generalübung für den Angriffsfall bessere Leistungen zu bringen. Höchstens zwölf Minuten darf es dauern, bis jeder Mann und jede Frau auf dem ihnen zugedachten Posten steht. Ein Soldat stellt per E-Mail die Frage, ob er vorher noch duschen könne. Kapitän Miller antwortet geduldig: "No, we are going to fight."

Beim 22-jährigen Aaron Spencer aus Detroit ist die Botschaft angekommen. Der strahlende farbige Mann mit der weißen Kochmütze arbeitet als "assistant watch captain" in einer der Messen für einfache Soldaten. Formell ist er dafür zuständig, dass die Gerichte anständig präsentiert werden. Doch er weiß, dass es um mehr geht: "Ich bin verantwortlich für die Moral der Truppe." So ist das Essen an Bord ausgesprochen gut - Schweinebraten, Kartoffeln, Bohnen gibt es heute. Weihnachten gab es Truthahn und Schinken. Ein möglicher Krieg macht Aaron Spencer Sorge: "Dann müssten wir Sandwiches machen und diese an Bord verteilen, weil nicht mehr alle Soldaten in die Messe kommen könnten; das wäre sehr viel Mehrarbeit."

Jede Fabrik, jede Firma hat mindestens einen Raum, wo man nicht funktionieren muss. Auf der USS Constellation ist dies die "Raucherecke". Auf dieser kleinen Plattform direkt unter dem Flugdeck herrscht am Abend fast romantische Atmosphäre. Es ist stockdunkel, um die Flugoperationen nicht durch Lampen zu gefährden. Zu sehen sind allein die Glut der Zigaretten und schwarze Schatten. Eine leichte, milde Brise weht, der Persische Golf liegt ruhig, in der Ferne leuchten die Feuer von Ölplattformen.

Taylor Nekomoto betritt das Flugdeck. In der Hand trägt er eine rechteckige grüne Nylontasche, die an eine Einkaufstasche erinnert. Darin ist alles, was er über den Irak wissen muss: Landkarten, die ihm bei der Orientierung helfen sollen, falls er abgeschossen wird.

Er geht um sein Flugzeug, rüttelt an der Benzinreserve, um zu sehen, ob sie gut verankert ist. Etwa 1 000 Meilen wird er in den nächsten dreieinhalb Stunden fliegen. "Ich habe mich noch einmal fünf Minuten konzentriert. Oben in der Luft geht alles so schnell, dass man nicht mehr nachdenken kann", erklärt der Pilot. Dann klettert er über eine Leiter ins Cockpit. Ein dampfbetriebenes Katapult, "cat shot" genannt, beschleunigt seine Maschine in weniger als zwei Sekunden von null auf 240 Stundenkilometer pro Stunde.

Taylor Nekomoto hebt ab und fliegt ins Feindesland. Um seine Familie zu schützen.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×