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08.05.2016

14:24 Uhr

Personalsuche

Wenn der Mitarbeiter zum Headhunter wird

Viele Firmen suchen verzweifelt nach Fachkräften – und lassen daher die eigenen Angestellten als Botschafter auftreten. Anwerbeprogramme werden immer beliebter. Bringen sie den erhofften Erfolg?

Wer eignet sich für den Posten? Die eigenen Mitarbeiter kennen oft geeignete Kandidaten. dpa

Hilfe bei der Jobsuche

Wer eignet sich für den Posten? Die eigenen Mitarbeiter kennen oft geeignete Kandidaten.

MünchenKarriereseiten, Jobbörsen, soziale Medien – die Mitarbeitersuche vieler Firmen beschränkt sich oft auf etablierte Kanäle. In Zeiten vieler unbesetzter Stellen müssen die Unternehmen allerdings auch andere Wege gehen und setzen auf Ressourcen im eigenen Haus. Neben Headhuntern sollen auch Angestellte neue Mitarbeiter werben. Bei erfolgreicher Vermittlung winken Prämien.

„Die Idee, die Mitarbeiter als Botschafter fürs eigene Unternehmern zu nutzen, ist eine hervorragende Idee und so alt wie der Fachkräftemangel“, sagt Tim Weitzel, Inhaber des Lehrstuhls für Wirtschaftsinformatik an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg. Eine Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Sozialforschung in Nürnberg zufolge wird fast jede dritte Stelle über persönliche Kontakte besetzt. Bei den 1000 größten Unternehmen in Deutschland ist es laut Weitzel knapp jede zehnte Stelle.

Damit sei dies der zweitstärkste Kanal bei der Mitarbeitersuche – noch vor Social Media und der Arbeitsagentur. „Das ist sensationell und hat sich in den letzten Jahren entwickelt“, sagt Weitzel.

Bewerbungsstrategien für den Traumjob

Angebotsstrategie

Analysieren Sie, was Ihrem Traumarbeitgeber fehlt. „Das kann alles Mögliche sein, vom Youtube-Werbevideo über neue Vertriebsmethoden bis hinzu Beziehungen in einen interessanten Auslandsmarkt“, schreibt Karriereexpertin Svenja Hofert in Ihrem Buch „Die Guerilla Bewerbung“, das im Campus Verlag erschienen ist. Die Kunst ist, das Defizit vor dem Arbeitgeber zu erkennen und ihn davon zu überzeugen, dass er es mit Ihrer Hilfe beheben kann.

Die Kettenbrief-Strategie

Schlagen Sie Ihr Adressbuch auf und suchen Sie zehn Kontakte heraus, die Ihnen bei der Suche nach Ihrem neuen Job behilflich sein könnten. Wichtig sind nicht nur Menschen, die direkt einen Arbeitsplatz für Sie haben könnten, sondern auch Personen, die viele interessante Kontakte haben. Schreiben Sie ein prägnantes Kurzprofil, schicken Sie es an Ihre Kontakte mit der Bitte es wiederum an zehn Kontakte weiterzuleiten.

Die Terminstrategie

Persönlich miteinander in Kontakt kommen, das ist die Idee hinter dieser Strategie. Suchen Sie sich Ihren Wunscharbeitgeber und überlegen Sie, wer vor Ort der beste Ansprechpartner sein könnte. Rufen Sie einfach an, erklären Sie Ihr großes Interesse an dem Unternehmen und bitten Sie um einen kurzen Termin zum Kaffeetrinken. So ist der erste Kontakt hergestellt.

Die Anti-Aging-Strategie

Suchen Sie sich eine Aufgabe, die Ihrem Alter entspricht. Das hört sich erstmal hart an, ist aber ganz plausibel. Bewerben Sie sich nicht auf Inserate, die mindestens zwei bis drei Jahre Berufserfahrung voraussetzen, denn hier liegen nicht Ihre Stärken. Für viele ältere Führungskräfte, die es am Ende der beruflichen Laufbahn nochmal wissen wollen, ist die Position des Interimsmanager eine geeignete Aufgabe. Die Arbeitsagentur oder private Vermittler helfen gerne weiter.

Die Projektstrategie

Oftmals ist Projektarbeit der Einstieg in die Festanstellung. Deshalb überlegen Sie sich genau, erstens welches Projekt Sie realisieren könnten und zweitens für welche Institutionen oder Firmen es interessant sein könnte. Treten Sie an die potentiellen Interessenten heran und überzeugen Sie sie von Ihrer Idee. Die Bereitschaft in ein Projekt einzuwilligen ist höher, als eine neue Stelle zu schaffen. So können beide Seiten herausfinden, ob es passt.

Die Baumeister-Strategie

Schaffen Sie sich Ihren Traumjob einfach selbst. Entdecken Sie den Bedarf an einer bestimmten Dienstleistung oder einem Produkt und schlagen Sie einem Träger vor, sich darum zu kümmern. Das funktioniert besonders gut im öffentlichen Bereich. Sind Sie von der Idee restlos überzeugt, können Sie es sogar wagen, einen eigenen Verein oder eine Stiftung zu gründen.

Die Power-Mail-Strategie

Schreiben Sie eine E-Mail, die der Leser nicht ignorieren kann. Finden Sie heraus, an welchen Stellen Ihr Lieblingsunternehmen Nachholbedarf hat und präsentieren Sie sich als Lösung. Das funktioniert natürlich nur, wenn Sie in der Branche schon Erfahrungen und Kontakte haben. Für diese Variante muss „Ihr Können und Ihr Hintergrund“ sehr interessant sein.

Die Expertenstrategie

Sie kennen sich mit einer speziellen Aufgabe oder einem Themengebiet gut aus und haben mindestens fünf Jahre Berufserfahrung in diesem Bereich? Dann könnte die Expertenstrategie die richtige sein. Wichtig ist, ihr Spezialgebiet so umfassend zu definieren, dass sie auf viele Angebote passen, aber gleichzeitig so viel Expertise zu besitzen, dass nicht viele mit Ihnen konkurrieren können. Die Autorin nennt sich zum Beispiel Expertin für neue Karrieren und nicht Spezialistin für MBA-Programme.

Das Konzept bietet sich vor allem dort an, wo viele Stellen unbesetzt sind, etwa in technischen Berufen oder in Gesundheits- und Pflegeberufen. Die Vorteile: Eigene Mitarbeiter sind als Botschafter für ein Unternehmen glaubwürdiger als jeder Headhunter. Der Bewerbungsprozess wird beschleunigt. Und Mitarbeiter empfehlen nur Leute, von denen sie etwas halten. Weitzel spricht von einem „mächtigen Kanal“.

Er kennt jedoch auch die Grenzen: „Ein nennenswerter Teil der Mitarbeiter spricht keine Empfehlungen aus.“ Vor allem Frauen und Ältere hätten die Sorge, eine Empfehlung könnte sich als Flop erweisen. Viele wollten zudem Beruf und Privates trennen.

Lionel von Dobeneck hat 2012 mit zwei Freunden in München die Firma Talentry gegründet hat. Das Start-up bietet Firmen die Software für entsprechende Empfehlungsprogramme im Haus. „In kleinen Unternehmen kann man das über den Flurfunk abdecken“, sagt von Dobeneck. Je größer eine Firma werde, desto geringer sei jedoch die Quote der Einstellungen durch Mitarbeiterempfehlungen. Talentry will den Empfehlungs- und Bewerbungsprozess deshalb vereinfachen.

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