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15.01.2002

07:47 Uhr

Perspektiven nicht gerade rosig

Harte Job-Suche

VonDAVID WOODRUFF und CHRISTOPH MOHR

Innerhalb eines Jahres hat sich der Jobmarkt für MBA-Absolventen auch in Europa deutlich verschlechtert. Doch Top-Leute bekommen sogar noch mehr Geld.

Quelle: Handelsblatt

Die fetten Jahre sind vorüber. Während in der Vergangenheit mit einem Diplom einer guten Business School der lukrative Karrieresprung geradezu garantiert war, sehen sich MBA-Absolventen, die in diesem Monat in Europa auf Stellensuche gehen, mit der härtesten Arbeitsmarktsituation seit Jahren konfrontiert.

Beratungsunternehmen und Finanzdienstleister, die in den vergangenen Jahren aggressiv rekrutierten, haben die Neueinstellungen dramatisch zurückgefahren, berichten Manager, Hochschulabsolventen und Arbeitsvermittler. Und dass einige Industrieunternehmen, besonders im Pharma- und Automobilbereich, trotz der Konjunkturflaute weiter einstellen, kann die Situation nicht auffangen.

"Wir hatten, bevor wir anfingen uns zu bewerben, schon gehört, dass die Aussichten nicht sehr gut sind", sagt Muna Sukhtian, die am Ende ihres einjährigen MBA-Studiums an Insead, einer der drei führenden europäischen Schulen, steht. "Nach dem 11. September wurde alles nur noch schlimmer. Man hat sich wirklich nicht vorstellen können, wie schlecht die Job-Situation werden könnte."

Etwa 430 Insead-Studenten haben Ende letzten Jahres ihr MBA-Studium abgeschlossen - die größte Abschlussklasse an der Schule in Fontainebleau. Und am International Institute for Management Development, kurz IMD, im schweizerischen Lausanne werden im Januar 81 MBA-Absolventen ihr Studium beenden.

Jobs bei Startups kommen kaum noch in Frage

Für sie sind die Perspektiven auf dem Arbeitsmarkt nicht gerade rosig. Viele Unternehmensberatungen kamen zu den Anwerbungsrunden an den Schulen um anzukündigen, dass sie nur wenige oder gar keine neuen Leute einstellen wollen. Da auch das Risikokapital nicht mehr fließt, kommen Jobs bei Startups kaum noch in Frage. Und bei Industrieunternehmen, die noch Arbeitsplätze anbieten, ist der Wettbewerb hart.

Darüber hinaus müssen Studienabsolventen manchmal mit erfahrenen Wettbewerbern konkurrieren, die aufgrund von Sparmaßnahmen ihren Arbeitsplatz verloren haben. Das sind alles schlechte Vorzeichen für die große Zahl von MBA-Studenten, die ihr Studium im Juni abschließen werden.

Die schlechte Verfassung des Arbeitsmarkts zeigt sich überall. Nur rund 85 Unternehmen kamen im vergangenen Herbst zum Rekrutieren auf den Campus von Insead. Im Vorjahr waren es doppelt so viele. Der Anteil der Hochschulabsolventen mit Stellenangeboten liegt wahrscheinlich unter der Zahl von fast 80 Prozent, die von der Abschlussklasse im vergangenen Sommer erreicht worden war. Am IMD, wo die Absolventen in der Regel etwas älter sind und auf durchschnittlich sieben Jahre Erfahrung zurückblicken, hatten im Dezember rund 80 Prozent ein Job-Angebot - verglichen mit mehr als 90 Prozent im Vorjahr.

Die Ehemaligen halfen aus

Um der schwierigen Situation für die MBA-Absolventen abzuhelfen, griff Insead zu der ungewöhnlichen Maßnahme, per E-Mail bei 8 000 Ehemaligen, die vor bis zu dreißig Jahren graduiert haben, anzufragen, ob sie nicht von verfügbaren Stellen wüssten. Rund 800 Alumni antworteten, und das Ergebnis war eine Aufstellung von 200 freien Stellen - einige davon zeitlich begrenzt.

Die Jordanierin Sukhtian kann sich zu den Glücklichen zählen. Sie zog eine Beraterstelle in der Beiruter Niederlassung von Booz-Allen & Hamilton an Land. Allerdings verfügt sie auch, wie sie betont, über drei Jahre Arbeitserfahrung in der Beraterbranche bei Arthur D. Little in Boston und in Jordanien und suchte einen Job in einem Land des Nahen Ostens. "Damit hatte ich es einfacher als viele Studienkollegen, die zu einem Beratungsunternehmen oder einer Investmentbank in einer europäischen Hauptstadt wollten. Jeder will für eine Unternehmensberatung in London arbeiten", sagt Sukhtian. "Aber genau da darf man jetzt nicht suchen."

In der Tat leiden Unternehmensberatungen weltweit sehr deutlich am Konjunkturabschwung und den Nachwirkungen der Terroranschläge im September. Auch wenn die europäischen Beraterfirmen weniger hart getroffen wurden als ihre amerikanischen Gegenspieler, wo sogar Branchenführer wie McKinsey eine große Zahl an Jobs abgebaut haben, so haben sie die Anwerbungen doch dramatisch zurückgefahren.

Industrieunternehmen eröffnen sich Chancen

"Wir stellen nur noch eine sehr begrenzte Zahl von Drei-Sterne-Kandidaten ein", sagt Pierre Rodocanachi, Direktor der Pariser Niederlassung von Booz-Allen. Das Unternehmen will in diesem Jahr in ganz Europa zwischen 100 und 200 Leute rekrutieren. Das ist nicht einmal halb so viel wie in den Vorjahren. Da waren Einnahmen und Wachstum so groß, dass das Unternehmen Neueinstellungen in der Höhe von 15 bis 20 Prozent der Gesamtbelegschaft vornehmen musste, um Schritt mit der Entwicklung zu halten. In diesem Jahr wird diese Zahl auf acht bis zehn Prozent sinken.

Die Tatsache, dass Beratungsunternehmen gegenwärtig als MBA-Rekruter teilweise ausfallen, ist zugleich die Chance der Industrieunternehmen.

Der Pharmakonzern Eli Lilly zum Beispiel wurde nach einer Präsentation an Insead am 18. September mit fast 100 Bewerbungen überflutet, ohne dazu aufgefordert zu haben. Das waren doppelt so viele wie im Vorjahr. Das Unternehmen nutzt diesen Stimmungsumschwung als Chance, um talentierte Hochschulabsolventen einzustellen. Veronica Cecchi, Leiterin für das Recruitment in Europa, sagt, die Firma werde in diesem Jahr mehr MBA-Absolventen einstellen als im Jahr 2000. "Wegen der Situation bei den Banken und Beratern haben wir heute mehr Möglichkeiten, unter den Leuten auszuwählen", stellt die Personalerin fest.

Gehälter haben noch nicht gelitten

"Es ist richtig, dass weniger Leute in den Consulting-Bereich gehen", erklärt auch Julianne Jammers, MBA-Marketing-Direktorin am renommierten IMD in Lausanne. " Aber IMDs Stärke liegt ohnehin bei Führungspositionen in der Industrie. Und da haben unsere Absolventen auch in diesem Jahr hervorragende Jobs gefunden."

Bisher scheint sich der schwache Arbeitsmarkt auch noch nicht auf die Gehälter niedergeschlagen zu haben. Nach Meinung von Managern und Arbeitsvermittlern gibt es nach wie vor einen großen Wettbewerb um Spitzentalente. Dadurch seien die Gehälter sogar gestiegen.

"Das durchschnittliche Anfangsgehalt unserer Absolventen lag im vergangenen Jahr bei etwa 100 000 Dollar", berichtet Jammers vom IMD. "Was sich bisher gezeigt hat, liegt ungefähr auf derselben Höhe oder etwas darüber, was mich, ehrlich gesagt, überrascht hat."

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