Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

27.03.2003

08:17 Uhr

Pfizer hat mit Kauf von Pharmacia keine Welle neuer Zusammenschlüsse ausgelöst

Pharma-Riesen scheuen Fusionen

VonSiegfried Hofmann

Mit der Übernahme des US-Konzerns Pharmacia setzt der Pharmakonzern Pfizer neue Maßstäbe im Arzneigeschäft. Doch seine Konkurrenten schrecken vor Großfusionen zurück: Sie fürchten eine Lähmung ihrer Forschungsabteilungen und kaufen lieber kleinere Firmen oder Einzelprodukte.

FRANKFURT/M. Viele Patienten kennen diese Erfahrung: Eine starke Medizin steht bereit, aber man zaudert zunächst, sie auch einzunehmen. Ähnlich agiert derzeit die Pharmabranche mit Blick auf neue Großfusionen. Anders als von Branchenkennern erwartet, hat die vor fast zehn Monaten verkündete Übernahme des US-Konzerns Pharmacia durch den Branchenführer Pfizer bislang keine weitere Bewegung unter den Topfirmen der Pharmaindustrie ausgelöst.

Wie die jüngste Entwicklung in der Pharmaindustrie zeigt, gibt es zumeist nur kleine Übernahmen oder Fusionen im unteren Segment der Branche. Daran scheint sich auf kurze Sicht wenig zu ändern. "Auch im Jahr 2003 wird es kaum Mega-Deals geben", urteilen die Unternehmensberater von Pricewaterhouse- Coopers (PwC) in ihrer jüngsten Analyse des Pharmasektors.

Jedoch könnte sich der Druck in Richtung Großfusionen wieder verstärken, wenn in den nächsten Tagen das Zusammengehen von Pfizer und Pharmacia vollzogen wird und anschließend die versprochenen Erfolge zeigt. "Das wäre ein wichtiges Signal für die Branche", gibt sich Pharma-Analyst Andreas Theisen von WestLB Panmure überzeugt.

Der Zusammenschluss der beiden US-Firmen war eigentlich zur Jahresmitte 2002 vereinbart, doch er hatte sich wegen ungeklärter Kartellfragen verzögert. Nachdem die amerikanischen und europäischen Kartellbehörden nun ihre Zustimmung gegeben haben, wird die 54 Mrd. $ teure Übernahme von Pharmacia voraussichtlich Anfang April über die Bühne gehen.

Aus der Transaktion entsteht ein Unternehmen, das in der Pharmabranche in jeder Hinsicht neue Maßstäbe setzt. Erstmals wird ein Vertreter der Branche mehr als 10 % Marktanteil auf sich vereinen. Pfizer verfügt künftig über vier der zehn meistverkauften Medikamente und den mit Abstand größten Forschungsetat der Branche. Der operative Gewinn beider Unternehmen addierte sich im vorigen Jahr bereits auf gut 14 Mrd. $ - weitere 2,5 Mrd. $ sollen Synergien aus der Fusion bringen.

Solch große Kostenvorteile bieten zumindest theoretisch ein verlockendes Motiv für weitere Großfusionen. Legt man frühere Prognosen der Unternehmen zugrunde, haben Mega-Zusammenschlüsse der späten 90er Jahre den beteiligten Firmen Rendite-Verbesserungen zwischen drei und neun Prozentpunkten gebracht.

Das Potenzial zur Kostensenkung bleibt allein im Bereich der Produktion erheblich, wie die große Bandbreite bei den Bruttogewinnspannen (Umsatz abzüglich Herstellkosten) zeigt: Sie reicht von weniger als 70 % beim US-Pharmakonzern Bristol-Myers Squibb bis hin zu 88 % bei Pfizer.

Allerdings steht das Kostenargument bei Übernahmen derzeit nicht im Vordergrund. "In erster Linie geht es den Unternehmen um die Steuerung ihres Produktportfolios", erläutert Pharmaexperte Jürgen Brüggerhoff von der Unternehmensberatung KPMG. Hintergrund sind Patentabläufe bei vielen umsatzstarken Medikamenten.

Um diese zu kompensieren, setzen Pharmakonzerne auf kleinere Zukäufe von Firmen und Einzelprodukten oder auch Allianzen mit Biotechunternehmen. Typische Beispiele sind die Übernahme der kleinen US-Biotechfirma Scios durch Johnson & Johnson oder auch der gestern besiegelte Kauf der privaten Biotechfirma Idenix durch Novartis.

Dies hat dazu geführt, dass die Zahl der Transaktionen im Pharmasektor laut PwC im vorigen Jahr zwar ein neues Rekordniveau erreichte. Doch sank das Durchschnittsvolumen pro Deal drastisch von 180 Mill. $ auf nur noch 30 Mill. $ - die Pfizer-Pharmacia-Fusion ist dabei ausklammert.

Widerstand gegen neue Großfusionen regt sich auch, weil viele Firmen ein weiteres Sinken der Produktivität in der Forschung befürchten. Ein Argument, mit dem etwa das Management von Roche das Fusionsbegehren des Rivalen Novartis eisern ablehnt. Ein weiteres Hindernis bringt die Börsenflaute. Viele Pharma-Aktien haben dadurch als Akquisitionswährung an Kaufkraft verloren. Zugleich fühlen sich potenzielle Übernahmekandidaten unterbewertet und sind daher nicht zu Verkäufen bereit.

Doch der Druck in Richtung Konsolidierung wird sich nach Erwartung von Analysten wieder verstärken - nicht zuletzt durch Pfizer. Sie rechnen zumindest auf mittlere Sicht mit weiteren Pharma-Fusionen. Als Kandidaten gelten sowohl die französischen Konzerne Aventis und Sanofi-Synthelabo als auch die britischen Pharmariesen Glaxo Smithkline und Astra Zeneca.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×