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06.07.2000

15:56 Uhr

Philippe Bruggisser wird Interims-Chef

Swissair-Aktien nach dem Abgang von Jeffrey Katz im Sinkflug

Der unerwartete Abgang des Leiters der Schweizer Fluggesellschaft Swissair, Jeffrey Katz, hat Berichte und Mutmassungen über Schwierigkeiten der "Nationalen Schweizer Fluggesellschaft" ausgelöst. An der Börse ist plötzlich von einer finanziellen und personellen Krise bei Swissair die Rede.

Jeffrey Katz geht zu Orbitz

Jeffrey Katz geht zu Orbitz

Reuters ZÜRICH. Beobachter rechnen am Donnerstag damit, dass bei Swissair und auch deren Muttergesellschaft SAirGroup im ersten Halbjahr ein kräftiger Verlust aufgelaufen sein dürfte. Als Gründe werden steigenden Treibstoffkosten, Preiskämpfe und auch verlustbringende Beteiligungen in Deutschland, Frankreich und weiteren Ländern angeführt. An der Schweizer Börse SWX setzen die SAirGroup-Aktien ihren Sinkflug fort und erreichten am Donnerstag vorübergehend ein Jahrestief von 261 sfr, bevor sie sich am Nachmittag leicht auf 270,5 sfr erholen konnten. Belastend erwies sich zusätzlich die seit Monaten umlaufende Spekulation, die Aktie könne aus dem Schweizer Standardwerteindex SMI herausfallen.

Swissair legte Wert auf die Feststellung, der 45jährige Amerikaner Katz verlasse die Schweiz, um in den USA bessere Karrierechancen wahrzunehmen. Katz hatte am 1. April 1997 die Swissair-Führung übernommen. Er wird nach Firmenangaben vom Mittwoch neuer Leiter der Firma Orbitz, eines von mehreren Fluggesellschaften gehaltenen Internet-Reisebüros.

Den Steuerknüppel bei Swissair werde vorübergehend Philippe Bruggisser, der Leiter der Swissair-Muttergesellschaft SAirGroup übernommen. Bruggisser selbst wurden vor kurzem Abgangsgelüste nachgesagt. Dass Katz nun geht, wird von den meisten Schweizer Analysten als schlechtes Zeichen in einer kritischen Phase gewertet.

Der Konzern übte sich nach der Nachricht von Katzs Abgang in Schadensbegrenzung: Dreieinhalb Jahr am gleichen Ort sei für einen US-Manager eine lange Zeit, eklärte Konzernsprecherin Beatrice Tschanz. Natürlich strich das Unternehmen auch Katz' Verdienste wie das Einfädeln einer Partnerschaft mit American Airlines heraus.

Es gab aber auch andere Stimmen: So schrieb die "Neue Zürcher Zeitung", Katz habe kaum bleibende Spuren hinterlassen. Nach Ansicht von Credit Suisse Private Banking kann der Rücktritt als Hinweis darauf gedeutet werden, dass der Konzern unter einer grösseren Führungs- und Finanzkrise leidet. Der Analyst Christopher Chandiramani rechnet für die SAirGroup und auch die Fluggesellschaft Swissair im ersten Halbjahr 2000 mit einem markanten Verlust von 500 Mill. bis einer Mrd. sfr ausweisen. Die Expansionsstrategie, die zu Investitionen in finanzschwache Minderheitsbeteiligungen vor allem in Polen, Südafrika, Portugal, Deutschland und Frankreich eingemündet sei, erfordere Sonderabschreibungen und Restrukturierungskosten in dreistelliger Millionenhöhe. Kurzfristig brauche SAirGroup Liquidität von rund einer Milliarde. Die Eigenkapitaldecke sei unter 20 % gefallen.

Weniger pessimistisch urteilten die Banca del Gottardo und die Zürcher Kantonalbank. In Kurzstudien vom Donnerstag wiederholten sie ihre Kaufempfehlungen. Der Abgang von Katz sei psychologisch nicht sehr positiv, schrieb Paola Orler von der Gotthardbank. Der Konzern sei in einer Tranformationsphase. SAirGroup sei aber im internationalen Vergleich unterbewertet. Auch Orler geht von einem negativen Ergebnis im Halbjahr aus. Mittelfristig beurteile sie aber die Strategie der Gruppe als positiv. Für Patrick Schwendimann von der ZKB dürfte der Rücktritt in den Aktienkursen enthalten sein. Höchstens kurzfristig könnte sich dies belastend auswirken. "SAirGroup bleibt auf Übergewichtung", schrieb die ZKB. Die Bank Sarasin reduzierte ihre die Prognosen für den Gewinn je Aktie der SAirGroup.

Die Beteiligung an vielen defizitären Fluggesellschaften ist nicht das einzige Problem der SAirgroup: In letzter Zeit ist ein schwelender Streit zwischen Deutschland und der Schweiz wegen des "Schweizer" Fluglärms eskaliert.

Zu den Pluspunkten der Gruppe gehört ein starkes Standbein ausserhalb des reinen Fluggeschäfts. So erwirtschafteten in jüngster Zeit Bereiche wie Flugverpflegung und Flugzeugunterhalt den Grossteil des Konzerngewinns.

1999 erzielte die SAirGroup einen Umsatz von 13 Mrd. sfr und einen Gewinn von 273 Mill. sfr.

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