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21.01.2003

07:32 Uhr

Pioniere der Fußball-Branche

Auf den Spuren des Transrapid

VonChristoph Moss (Handelsblatt)

Als erster europäischer Klub wird Borussia Dortmund in China einen Fanartikelshop eröffnen. In Schanghai will der BVB demnächst Trikots, Kaffeetassen und Schals verkaufen. Selbst auf Autogrammkarten des Zeugwarts sollen es die Chinesen abgesehen haben.

DORTMUND. Willi Kühne erinnert nicht an den Abteilungsleiter eines mittelständischen Unternehmens. Eher schon an eine Art Wolfgang Joop. Mitte 50, jugendlich gestylt, mit Kleinkarohemd, ohne Krawatte. Einer, der auf den ersten Blick auch gut und gerne zehn Jahre jünger sein könnte. Willi Kühne ist Merchandisingchef von Borussia Dortmund und damit zuständig für alles zwischen Kaffeetasse und Bettwäsche - in Schwarz und Gelb, versteht sich.

Kühne, geboren und aufgewachsen in Dortmund, ist auf dem Sprung nach China. Spätestens im August will er für den BVB einen Fanshop in Schanghai eröffnen und damit der internationalen Konkurrenz zuvorkommen. "Die Chinesen lieben Pioniere", sagt er. "Und sie lieben die gelbe Farbe." Folglich soll der erste BVB-Laden im Reich der Mitte nur der Einstieg in ein Millionengeschäft werden. Die Dortmunder Pläne klingen fast wie jene beim Transrapid - wenn nicht noch ambitionierter. "Wir können in China in ein paar Jahren so viel umsetzen, wie heute in Deutschland", sagt Kühne. Asien soll für Europas Fußballklubs der Wachstumsmarkt schlechthin werden, während hier zu Lande weitere Steigerungsraten kaum noch möglich sein dürften.

Zwar hat die BVB-Merchandising-Abteilung "für die erste Hälfte des laufenden Geschäftsjahres eine Umsatzsteigerung von 30 Prozent geschafft" (Kühne), dies aber wird sich ohne weiteres kaum fortsetzen lassen. Überhaupt hält sich der Mer- chandising-Anteil am Gesamtumsatz in Grenzen: Bei der Borussia betrug er 2000/2001 7 Prozent. Dies entspricht rund acht Millionen Euro. Kühne ist Realist: "Irgendwann hat jeder sein Trikot und seinen Schal, der Markt ist ausgereizt. Aber in Asien geht die Post ab."

Spätestens seit der ersten Fußball-WM auf asiatischem Boden sind die Chinesen vom Fußball-Virus infiziert. Zwischen 200 und 300 Millionen Menschen verfolgen regelmäßig im Fernsehen die Spiele europäischer Klubs. Der deutsche Fußball ist in China allgegenwärtig, weil das Bundesliga- Spiel der Woche in China zur besten Sendezeit am Samstagabend live übertragen wird - dank der Zeitverschiebung.

Kein Wunder, dass auch Liga-Konkurrent Bayern München hellhörig geworden ist: "Wir führen zur Zeit finale Gespräche, mit welchen Partnern, in welchen Ländern und in welchem Umfang wir in Südostasien Geschäfte machen werden", sagt Vorstandschef Karl- Heinz Rummenigge dem Handelsblatt verklausuliert. Aber die Tatsache, dass in Kürze dazu eine Pressemitteilung veröffentlicht werden soll, lässt auf große Betriebsamkeit hinter den Kulissen schließen.

Als beispielhaft in Sachen Internationalisierung gilt Manchester United. Seit Jahren bereiten sich die Spieler des englischen Traditionsvereins in Trainingslagern vor, die im ständigen Wechsel irgendwo in Asien stattfinden. Ebenso wie Borussia Dortmund hat United eine Homepage in chinesischer Sprache. "Aber einen Fanshop haben sie noch nicht", sagt Kühne, der 25 Jahre lang selbst Textilunternehmer war und alle Höhen und Tiefen des Geschäfts kennen gelernt hat. Vor acht Jahren gab er sein Geschäft nach einem Vergleich auf: "Alle Gläubiger wurden abgefunden, es ist nichts hängen geblieben."

Längst läuft es wieder besser für Kühne, der wie viele andere auch vom internationalen Musterknaben in Sachen Fußball-Vermarktung fasziniert ist: "Natürlich würde ich mir wünschen, dass auch Borussia Dortmund wie Manchester nach der Saison ein, zwei Spiele in China macht." Aber er weiß, dass Trainer Matthias Sammer davon weniger begeistert wäre. Und auch die Umsetzung von Kühnes zweitem Wunsch ist eher unwahrscheinlich: "Ein chinesischer Top-Spieler beim BVB wäre wunderbar."

Einen Borussen-Fanklub in China gibt es schon. Der verhängte nach dem 150. Mitglied einen Aufnahmestopp - aus organisatorischen Gründen. Auch der Blick aus Kühnes Bürofenster im Dortmunder Süden zeigt Anknüpfungspunkte zur Völkerverständigung. 800 Chinesen montieren dort zur Zeit die letzten Reste der Dortmunder Stahlindustrie ab, um sie nach China zu verschiffen. Der BVB hat direkt neben eine alte Stahlbrache sein Merchandising-Center gesetzt.

Dort brummt es nun in Sachen China. Vor kurzem war eine Delegation aus der südchinesischen Stadt Nanjing zu Besuch, die mit dem BVB eine Fußballschule gründen will. Und auch die ersten Unternehmen kommen auf den Verein zu. "Wir haben eine Anfrage von einem chinesischen Mobilfunkanbieter, der mit uns in China kooperieren will", freut sich Kühne. China ist der weltgrößte Handymarkt - kein Wunder bei einer Bevölkerung von einer Milliarde Einwohnern.

Perspektiven, die die BVB-Verantwortlichen elektrisieren. Gerne erzählen sie von ihren asiatischen Erlebnissen. Und von der geplanten gelben Expansion. Als sich der Klub im vergangenen Jahr bei einer Fußballmesse in Schanghai präsentierte, besuchten an einem einzigen Tag 10 000 Menschen den Stand. Kühne verteilte Autogrammkarten der Spieler. Besonders begehrt waren die von Christoph Metzelder. "Aber am Schluss, als wir keine mehr hatten", erzählt Kühne, "haben sie für die Autogrammkarten unseres Zeugwarts stundenlang Schlange gestanden. Unglaublich."

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