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22.01.2003

14:00 Uhr

Plattenfirmen haben Fehler gemacht

Plattenbosse sagen Musikpiraten Kampf an

Die Plattenbosse dieser Welt müssen sich fühlen wie Kapitäne in rauer See - zumindest wenn man ihren markigen Worten auf dem internationalen Branchentreff Midem in Cannes glaubt, der an diesem Donnerstag zu Ende geht.

HB/dpa CANNES. Überall lauern Piraten, die ihnen ihre teure Fracht, die Musik, abjagen wollen. Doch diese Freibeuter haben keine Schnellboote und Enterhaken, sondern Internetzugänge und CD-Brenner, mit denen sie Musik beliebig kopieren und über das Web weltweit zur Verfügung stellen können - kostenlos und illegal. Ein weltweiter Umsatzeinbruch von geschätzten zehn Prozent ist die Folge - in Deutschland sogar schon das dritte Jahr in Folge. "Eine Katastrophe", meint der deutsche Phonoverbandschef Gerd Gebhardt.

Seit mindestens drei Jahren existieren diese Probleme, doch die Waffen der Plattenbosse glichen bisher eher stumpfen Schwertern; zudem traten sie selten als geeinte Flotte auf, sondern eher als Einzelkämpfer, jeder um seine eigene Fracht besorgt. In diesem Jahr soll sich alles ändern, hieß es wieder einmal, doch diesmal in ungewöhnlich deutlicher Form: "Wir müssen die Musikpiraten mit allen Mitteln bekämpfen (...) und wir werden sie versenken", rief Jay Berman, Chef des Dachverbandes der internationalen Plattenindustrie (IFPI), seinen Mitstreitern zu.

Legale Musikangebote im Netz sollen kommen

Den illegalen Online-Tauschbörsen, auf denen täglich Millionen Nutzer Musiktracks kostenlos tauschen, will die Industrie endlich eigene, gemeinsame Musikangebote im Netz entgegensetzen. Die mittlerweile rund ein halbes Dutzend legaler Online-Angebote in den USA stehen jedoch noch am Anfang - und der ist in Deutschland noch nicht einmal gemacht. "Wir haben noch keine Einigung zwischen Plattenfirmen und Verlegern" über die Verteilung der Erlöse aus dem Online-Musikverkauf, erklärt Gebhardt. Doch er zeigte sich zuversichtlich, dass 2003 ein gemeinsames Webportal für Musik aller Plattenfirmen in Deutschland geschaffen wird.

Ein weiteres Hemmnis liegt im unzureichenden Urheberrechtsschutz für digitale Werke in Europa. Die Copyright-Novelle der Europäischen Union, erst in zwei Staaten ratifiziert, liegt derzeit im Bundestag und "muss schnellstens in deutsches Recht umgesetzt werden", fordert nicht nur Reinhold Kreile, Präsident der Verwertungsgesellschaft GEMA. Das Gesetz stellt nicht das Kopieren von Musik unter Strafe, wohl aber das Umgehen eines Kopierschutzes.

Plattenfirmen trifft einige Schuld

Doch die Plattenfirmen selbst trifft auch einige Schuld an der Schwere der Krise. "Ja, wir waren zu langsam", räumt Gebhardt ein. Denn nicht die Musikindustrie als Ganzes oder gar die Musik ist in der Krise. "Es wurde noch nie so viel Musik gehört wie heute, aber es wird nichts dafür bezahlt", meint Berman. Es ist vor allem eine Krise der Plattenfirmen, die sich zu lange auf dem Erfolg des einen Tonträgers CD ausgeruht hätten, räumen Experten ein.

Die rasante Entwicklung der Brennertechnologie lässt die CD in ihrem 20. Jahr technisch alt aussehen. In 2001 und 2002 wurden in Deutschland mehr CD-Rohlinge mit Musik bespielt als Original-CDs verkauft wurden. Und gerade da schüttet Superstar Robbie Williams weiteres Wasser ins sinkende Boot. Piraterie "ist eine großartige Sache, ehrlich. Es gibt nichts, was irgendjemand dagegen tun könnte", sagte er auf der Midem in seiner typisch ironischen Art. Die Aufregung in den Messehallen des Festival-Palais war groß.

"Im vergangenen Jahr wurden 34 Millionen Raubkopien von Musik-CDs sichergestellt", sagt Berman. Wenn CDs millionenfach in Asien kopiert und dann nach Südamerika verschifft würden, sei das "kein Kavaliersdelikt", sondern Organisierte Kriminalität, meint der IFPI- Chef, dessen Verband weltweit rund 1500 Plattenfirmen repräsentiert.

Die Plattenbosse hoffen jetzt, mit Kopierschutz, modernem Urheberrecht, Internetportalen und dem Kampf gegen Piraten bald in ruhigere Gewässer segeln zu können. Und mit neuen Tonträgern vielleicht: Die bislang nur zögerlich an den Markt gebrachten Konkurrenzformate Super Audio CD (SACD) und DVD-Audio sollen nun durchstarten. Sie sollen mehr Klangqualität, den vom Heimkino bekannten Surroundsound und mehr Kopierschutz bringen - außerdem die Chance, Altbekanntes noch einmal zu verkaufen.

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