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18.02.2002

19:00 Uhr

Pleiten gehören zu einer Rezession – Der wahllose Verkaufsdruck macht die Märkte nicht risikoreicher, sondern attraktiver

Fall Enron gibt Börsen eine neue Chance

VonUlf Sommer

Sosehr Krankheiten einen gesunden Körper schwächen, so widerstandsfähig machen sie ihn für künftige Angriffe von außen.

Ähnlich wie ein schwerer Infekt belasten auch der Konkurs und die Bilanzmanipulationen Enrons die Börsen heftig, aber wohl nur kurzfristig. Die Angst vor weiteren Bakterien und Viren beziehungsweise Pleiten und Fälschungen ist berechtigt. Schließlich haben die Unternehmen immer mehr investiert und zugekauft, um im Rennen um die Marktführerschaft vorne zu sein. Doch auf längere Sicht wird der Fall Enron viele Aktien kräftigen.

Unter Druck stehen Firmen, die aggressiv durch Zukäufe expandieren, hoch verschuldet und in vielen Geschäftsbereichen tätig sind. Dadurch ist die Bilanz komplizierter als bei Unternehmen, die aus eigener Kraft wachsen und idealerweise nur in einem Segment tätig sind. Bei General Electric reichte der Hinweis, schwer durchschaubar zu sein, für einen Wertverlust von 20 Milliarden Dollar an einem Tag. Das einstige Vorzeige-Unternehmen Cisco Systems verlor kräftig, weil die Prognosen der Analysten Quartal für Quartal exakt erfüllt oder um einen Cent geschlagen wurden. Trickserei, so lautet die Schlussfolgerung.

Erst verkaufen, dann denken, heißt das Motto in Enronitis-Zeiten. Als das Energie-Unternehmen Reliant Ressources ankündigte, das Ergebnis wegen Problemen bei der Bilanzierung neu berechnen zu müssen, brach der Aktienkurs in wenigen Minuten um 20 Prozent ein. Dabei ergab sich anschließend, dass Reliant einige Hundert Millionen Dollar mehr verdient hatte. Der wahllose Verkaufsdruck macht den Markt nicht risikoreicher, sondern attraktiver. Immerhin haben sich die Aktienkurse vieler Schwergewichte in den vergangenen Wochen um 20 Prozent und mehr ermäßigt. Denn Investoren stellen die Aussagekraft der Bilanzen in Frage und stoßen Unternehmen ab, über die es Gerüchte gibt. Das ist nahe liegend, weil es in den nächsten Wochen mit hoher Wahrscheinlichkeit weitere Fälle von Pleiten und Fälschungen geben wird. So wie bislang in jeder Endphase einer Rezession.

Keine Anzeichen gibt es aber für einen systematischen und breit angelegten Bilanzbetrug. Vielmehr wird jetzt das Versagen und unrechtmäßige Verhalten Einzelner aufgedeckt. Dazu gehören auch Verstrickungen aus Politik und Wirtschaft. All das sensibilisiert Anleger und verstärkt den Druck auf die Firmen, es künftig gar nicht so weit kommen zu lassen.

Indem sich die USA gigantische Pleiten wie Enron leisten, wird Anlegern die Angst vor "japanischen Verhältnissen" genommen. Weil in Tokio einschneidende Veränderungen ausbleiben, folgt hier eine Rezession und Börsenbaisse der nächsten. Zwar erklärt sich die Regierung zum Strukturumbau bereit, doch das Wann und Wie bleiben im Dunkeln. Wie vor zehn Jahren leiden in Japan die meisten Banken noch immer an schwacher Ertragskraft und unter milliardenschweren Kreditlasten. Dagegen haben Wirtschaftsabschwünge im Kapitalismus immer dafür gesorgt, dass unrentable Unternehmen vom Markt verschwinden. Die Verbleibenden restrukturieren sich, wozu auch Entlassungen gehören, um dem Wettbewerb gewachsen zu sein.

Angesichts der von der Enron-Krise ausgelösten Kursschwäche komplex strukturierter Unternehmen mögen sich Anleger für den Grundsatz des Altmeisters Warren Buffett entscheiden: "Investiere nie in etwas, was du nicht verstehst." Wer aber so handelt, beraubt sich großer Börsenchancen. Er verschließt zudem vielen Wachstumsbranchen eine gesunde Zukunft.

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