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07.01.2003

09:30 Uhr

Politik

Der Einzelkämpfer

VonBarbara Gillmann , Handelsblatt

Die FDP ist konsterniert. Nur 15 Wochen nach der Wahlniederlage gibt Parteichef Guido Westerwelle auf dem Dreikönigstreffen den liberalen Himmelsstürmer - und stürzt brutal ab. Seine Stellung als Vorsitzender ist damit weiter geschwächt.

Guido Westerwelle. Foto: dpa Quelle: dpa

Guido Westerwelle. Foto: dpa

Die freidemokratischen Granden auf dem Podium wollen es nicht glauben: Rainer Brüderle runzelt die Stirn, blickt immer wieder fragend zu Hans Otto Solms, der dem Vorsitzenden lauscht, als könne er es nicht glauben. Günter Rexrodt meidet zwischenzeitlich den Blickkontakt mit dem Publikum und studiert stattdessen die Tischoberfläche.

Konsterniert verfolgen sie, wie ihr Vorsitzender Guido Westerwelle im Stuttgarter Staatstheater den liberalen Himmelsstürmer gibt - 15 Wochen nach der Wahlniederlage. Wie der Chef der Partei, die ihr 18-Prozent-Ziel mit 7,4 Prozent nicht einmal zur Hälfte erreichte, die sich mit ihrem Spaßwahlkampf den Hohn der Republik zuzog, nun erst recht den Anspruch auf die ganze Macht erhebt. Die Liberalen dürften den Anspruch, das Land "politisch zu führen", nicht aufgeben, predigt er und weist die Richtung. Er deutet auf Belgien, Dänemark, Estland und Slowenien und deren liberale Ministerpräsidenten. "Nur einer anderen Partei zur Mehrheit zu verhelfen ist zu wenig, als dass es sich dafür zu kämpfen lohnt", sagt der Vorsitzende der Partei, die in den vergangenen 50 Jahren vor allem dies getan hat. "Wir dürfen unseren Anspruch, unser Land politisch zu führen, niemals aufgeben", setzt er hinterher.

Nach Wochen des Schweigens, in denen seine Kritiker das Projekt 18 schon beerdigt hatten, nach dem ersten ausgedehnten Urlaub seit einem Jahr sollte das traditionelle Dreikönigstreffen der Liberalen in Stuttgart sein großer Auftritt werden. Doch die Vorführung im Staatstheater verunglückt schon nach wenigen Minuten.

Gleich zu Beginn seiner einstündigen Rede wagt Westerwelle den ganz großen dramatischen Effekt. "Wir brennen in uns selbst", ruft er in die altehrwürdigen stucküberladenen Ränge. Doch der Funke springt nicht über. Alles, was er entfacht, ist höflicher kurzer Beifall. Die Spitze der bundesdeutschen Liberalen, die sich hier zu ihrer jährlichen Schauveranstaltung eingefunden hat, will nichts mehr hören vom Weg in die "erste Liga" der Parteien. Schweigend brandmarken viele der rund 900 Liberalen im Saal seinen Traum von einer FDP "auf Augenhöhe" mit Sozial- und Christdemokraten als Phantasterei. Sein Feuer, mit dem er sie so gern entzünden will, trifft auf eine kalte Wand - und erlischt.

Welch ein Erwachen: Noch am Abend zuvor war der 41-jährige Rheinländer, berstend vor Zuversicht und sichtlich gut erholt, braun gebrannt durch die elegante historische Reithalle des Stuttgarter Kongresszentrums gewandelt, den Dreikönigsball in vollen Zügen genießend. Auf die Fragen der Journalisten nach dem Streit, der während seines Urlaubes zu Hause um den künftigen Kurs der FDP ausgebrochen war, hatte er nur lässig abgewinkt, genüsslich an der Zigarre mit der "Dr. Guido Westerwelle"-Banderole saugend. Er glaubte sich gut vorbereitet.

Tags darauf im Staatstheater muss er nach zehn Minuten gemerkt haben, dass seine Partei etwas anderes erwartet hat als das Manuskript, das er zum Vortrag bringt. Die Ablehnung, die ihm von vielen entgegenschlägt, ist fast körperlich fühlbar. Westerwelle spürt sie, und er, einer der besten Rhetoriker der Republik, lässt sie sich anmerken. Er flüchtet sich in Witzchen, gerät sogar ins Stottern. Schließlich spricht er - immerhin - auch zu den von seiner Partei so lang vermissten Inhalten, der Reform der Sozialen Marktwirtschaft, den Herausforderungen der sozialen Sicherungssysteme, zur Kritik an der rot-grünen Außenpolitik.

Doch das kann derzeit ein anderer besser. Wolfgang Gerhardt, der von Westerwelle gestürzte Ex-Parteichef. Der Mann, der sich nach Jürgen Möllemanns Rauswurf aus der Parteispitze hinter Westerwelle aufs Tandem schwang, hat vor seinem Parteichef bereits die mitreißende, fulminante Rede gehalten, die sie von Westerwelle erhofft und gefordert hatten.

Gewiss, auch er will die Liberalen stärker machen, aber "mit Werten, mit Herz und mit Haltung". Er tritt nicht in Gegensatz zu Westerwelle, inhaltlich sind sie ganz nah beieinander. Aber im Gegensatz zum jungen Parteichef findet sein Vorgänger die Seele der Partei. Das kennen sie, die Liberalen, das wollen sie hören. Westerwelle nehmen sie die Großmannssucht, die sie vor nicht allzu langer Zeit noch bejubelt haben, nun übel. Gerhardt überschütten sie mit brandendem Beifall , feiern ihn als Bewahrer der liberalen Reinheit. Gerhardt ist der Stern, der den Liberalen an diesem kalten Dreikönigstag leuchtet.

Westerwelle weiß das, lange vor dem Ende seiner Rede. Schlingernd bringt er sie zu Ende, stockt immer wieder, wartet oft vergebens auf Applaus, erbittet ihn einmal sogar halb im Scherz. Ganz am Schluss versucht er?s mit Gefühl: "J?aime la vie, je suis liberal" zitiert er ein Chanson: "Ich liebe das Leben, ich bin Liberaler". Doch es hilft nichts mehr, der Schlussapplaus ist geschäftsmäßig und kurz. Mit zusammengepressten Lippen bahnt er sich den Weg zum Ausgang. Nur raus hier.

Zurück bleiben Zweifelnde, auch unter seinen Bewunderern. Westerwelle habe "vielleicht ein Fundament für eine Raketenabschussbasis gelegt", von der Rakete sei jedoch "noch nichts zu sehen", räumt ein ostdeutscher Spitzenliberaler traurig ein. Zurück bleiben Gegner, die sich nun gestärkt fühlen. Ein baden-württembergischer Liberaler meint mitleidslos, dass Westerwelles Wiederwahl im Mai nach diesem Stuttgarter Auftritt alles andere als sicher sei.

Die Präsiden Walter Döring, Hermann Otto Solms, Rainer Brüderle und mit ihnen viele andere hatten gehofft, nun sei Schluss mit dem "Firlefanz" (Brüderle) der Strategie 18. Endlich werde man sich wieder um "Inhalte, Inhalte, Inhalte" kümmern und die "enttäuschten Mittelständler zurückgewinnen", hatte Döring verlangt. Doch Westerwelle scheint unbeirrt an seinem Ziel festzuhalten, die FDP zur Volkspartei zu machen. Nur dass er die "18" nicht mehr erwähnt.

Fast trotzig ruft der Einzelkämpfer als letzten Satz in den Saal: "Wenn wir die Willensstärke, die Entschlossenheit und den Kampfesmut gemeinsam aufbringen, dann führt unser Weg in die erste Liga - auch wenn es etwas länger dauert." Es könnte gut sein, dass ihm seine Partei diese Zeit nicht gönnt. Sie wird stillhalten bis zu den Landtagswahlen in Hessen und Niedersachsen am 2. Februar. Dann naht der Bundesparteitag. Das "Seuchenjahr" der FDP, mit dem Walter Döring eigentlich 2002 meinte - für Guido Westerwelle ist es am 6. Januar 2003 noch lange nicht zu Ende.

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