Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

30.01.2003

15:56 Uhr

Politik

Der König der Löwen

VonMartin Noe´

Roland Koch gilt als glänzender Redner, als intelligent, als fähig. Sollte der hessische Ministerpräsident die Landtagswahl wie erwartet klar gewinnen, wird er zum ernsten Anwärter auf die Kanzlerkandidatur - auch ohne kanzlerreife Sympathiewerte.

Irgendwann kommt sie immer, diese Frage. Meistens gegen Ende eines Gesprächs, weiß Roland Koch inzwischen. Dann hält er den Kopf ein bisschen schief und schaut den Frager aus blassen Augen an. "Wollen Sie Kanzlerkandidat werden?" will der wissen. "Ich sage, dass ich aus Prinzip nichts dazu sage", antwortet Koch. "Werden Sie nach der Landtagswahl mächtiger werden?" versucht sein Gegenüber es noch einmal. "Ich bin mit meinem Einfluss in der CDU zufrieden", kontert Koch.

Dann schweigt man am besten und denkt einfach noch einmal darüber nach, was er selbst über sich sagt: "Ich bin zu jedem Zeitpunkt meines Lebens glücklich gewesen." Als umweltpolitischer Sprecher im hessischen Landtag also, als Fraktionschef, als Ministerpräsident, und natürlich wird er das auch sein, wenn er Kanzlerkandidat ist und später Kanzler. Und was immer danach noch werden sollte.

Am Sonntag jedenfalls wird Roland Koch, 44, glücklich sein, weil er dann die Landtagswahl gewonnen haben wird. Weil das so sicher ist, interessieren sich schon jetzt alle nur für das, was nach der Wahl kommt. Und danach kommt ziemlich gewiss: das Kandidatenduell, Teil II. Koch gegen Merkel statt Stoiber gegen Merkel.

Angela Merkel also. Eine kleine, gar nicht zarte Frau, inzwischen mit blonden Strähnchen im Haar. Sie ist CDU-Vorsitzende, sie ist Fraktionschefin im Bundestag, sie ist, wie Roland Koch behauptet, "die unumstrittene Nummer eins in der CDU". Und hält heute im "Halben Mond" im südhessischen Heppenheim eine gute Rede. Am Ende stehen bald 500 Leute im Saal auf und klatschen, als wären sie bei "Deutschland sucht den Superstar".

"Die ist gut", bricht es aus einem Mann heraus. Und Angela Merkel lacht ihr bezauberndstes Mädchenlachen - genau so lange zumindest, bis keiner mehr zu ihr hinguckt, weil nun die örtliche Landtagskandidatin ans Pult drängt und um Stimmen bettelt. Dann sinkt ihre Kinnlade herunter, die Wangen werden hohl, die Falten um die Augen graben sich ein, während sie wie gebannt im Landtagsprogramm des Parteifreundes Koch blättert. Sehr hart wirkt sie in diesem Moment und ziemlich einsam.

Was ziemlich genau der Vorstellung entspricht, die viele Leute in der Union von ihr haben. Sie hat sich, gezwungen von den CDU-Landeschefs, vor einem Jahr Edmund Stoiber gebeugt, nach der Bundestagswahl ist sie mit seiner Hilfe Fraktionschefin geworden.

Jetzt will sie mehr - und dürfte von Koch herausgefordert werden. Der ist mit ziemlich vielen Leuten in der Union gut befreundet. Mit den Bayern, mit den Baden-Württembergern, ja selbst mit einem Querschießer wie dem saarländischen Ministerpräsidenten Peter Müller. Der alte Helmut Kohl ist sowieso mit ihm befreundet und mit ihm ganz viele alte Kohlianer.

Koch hat eigentlich nur ein Problem, und das ist, dass ihn viele Leute nicht leiden können. Sie halten ihn zu Recht für intelligent, für einen glänzenden Redner, für fähig. Aber seine Sympathiewerte sind sehr weit von jeder Kanzlerreife entfernt. "Ich habe einen relativ steinigen Weg hinter mir", sagt er als Begründung und nennt selbst einige Wegmarken: die Unterschriftenaktion gegen die doppelte Staatsbürgerschaft 1999, die hessische Spendenaffäre, seine Theatervorstellung im Bundesrat, gegeben anlässlich der Abstimmung über das Zuwanderungsgesetz. Roland Koch hat seine Karriere auch auf den Vorbehalten vieler Deutscher gegen Ausländer aufgebaut. Glatt gelogen hat er, als er in der Öffentlichkeit zu Beginn der Spendenaffäre behauptete, es gebe kein Geld "außerhalb der öffentlichen Buchführung" - obwohl er es schon damals besser wusste.

Das ist die Vergangenheit. Die Gegenwart ist sein Wahlkampf in Hessen, und das von ihm gewünschte Zukunftsbild des Politikers Koch scheint darin deutlich auf. Zum Beispiel an diesem kalten Januarmorgen in der Frankfurter Minna- Specht-Schule. Ein 60er-Jahre-Bau in einem Frankfurter Arbeiterviertel, Schornsteine verstellen den Blick auf den Horizont. Roland Koch hat sich auf einem Holzstühlchen für Grundschüler zusammengefaltet und schaut aufmerksam zu, wie Melike, Munzur, Ellaha, Eren, Olabode und noch ein paar andere Kinder im Kreis sitzen und einkaufen spielen. Besonders das Wörtchen "Paprika" macht ihnen Schwierigkeiten, aber der Ministerpräsident weiß als Ehemann einer Pädagogin, dass man loben muss und sagt: "Ihr könnt schon prima Deutsch." Dann verteilt er das Wappentier der Hessen in Plüsch, einen Löwen, und erklärt: "Das ist der König vom Land Hessen, wo ich der Häuptling bin."

Ministerpräsident "goes multikulti"? Nein, sagt Roland Koch, er sei schon immer für Integration von Ausländern gewesen, auch damals bei der Unterschriftenaktion gegen die doppelte Staatsbürgerschaft. Das sei nur übersehen worden. Tatsächlich betont er diese Seite seiner politischen Existenz heute weit mehr als noch vor vier Jahren. Jetzt besucht er mit seiner Kultusministerin und einem großen Journalistenaufgebot Vorlaufkurse, in denen hessische Kinder Deutsch lernen müssen, bevor sie auf die Grundschule dürfen. Und auch wer ihn länger begleitet, wird sich schwer tun, ihn zu dem rechten Scharfmacher zu stempeln, als den ihn viele Linksliberale sehen.

"Vorsicht", warnt er auf einer Wahlveranstaltung, "wenn Sie sich die Statistik anschauen, werden Sie sehen, dass in Deutschland lebende Ausländer weniger Straftaten als der Durchschnitt begehen."

Roland Koch geht in die Mitte, das ist offensichtlich. Klar, für mehr Polizei ist er weiterhin, für Härte gegen Straftäter und für die Abschiebung von Kriminellen, die im Ausland ihren Wohnsitz haben. Aber da befindet er sich ganz bei Sozialdemokraten vom Schlage Otto Schilys. Gleichzeitig setzt sich Koch jedoch ab von traditionellen familienpolitischen Idealen und fordert Ganztagesschulen. Er muss nicht mehr zeigen, was für ein schneidiger Kerl er ist. Wer aus dem krachkonservativen CDU-Kampfverband Hessen kommt, mobilisiert die Rechten immer - und kann sich um die Mitte kümmern.

Kochs Problem bleibt seine Ausstrahlung, die viele Leute als unsympathisch empfinden. Eine Forsa- Umfrage ergab, dass 36 Prozent seinen Blick für "arrogant" halten. Da nützt es nichts, dass er im persönlichen Gespräch eher zurückhaltend wirkt, selbstironisch gar und bemerkenswert unempfindlich, was direkte Kritik angeht.

Aber wie kann er ein anderes Bild von sich in die breite Öffentlichkeit bekommen? Edmund Stoiber hat es mit Home-Storys versucht, hat seine Frau Karin als Herz zu seinem Kopf verkauft. Stoiber wollte, "äh", geliebt werden, damit er Kanzler werden kann.

Dass das nicht funktioniert, hat Roland Koch erlebt. Er wird deshalb mit allen politischen Mitteln um Respekt buhlen, nicht jedoch um Liebe. "Es ist nicht mein Job, sympathisch zu sein. Es wird von uns keine Familien-Storys geben", fügt der verheiratete Vater zweier Söhne (15 und 16) an. "Ich werde in keine Disko gehen", verspricht Koch und erzählt, dass er schon jetzt überall angesprochen werde, ob im Urlaub in der Dominikanischen Republik oder vor Weihnachten im Berliner KaDeWe. Er könne sich nicht verkleiden, er werde immer erkannt. "Das sind meine dicken Lippen."

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×