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12.07.2017

11:50 Uhr

Bertelsmann Stiftung

Politik auf Schüler-Boom nicht vorbereitet

Was kommt da auf die Schulen zu? Eine neue Prognose lässt erwarten, dass es mit der „demografischen Rendite“ nichts wird. Wenn die Schülerzahlen nicht sinken, wird mehr Geld als erwartet fürs Bildungssystem nötig sein.

Im Jahr 2025 sei mit 8,3 Millionen Kindern und Jugendlichen an den allgemeinbildenden Schulen zu rechnen. dpa

Schüler-Boom

Im Jahr 2025 sei mit 8,3 Millionen Kindern und Jugendlichen an den allgemeinbildenden Schulen zu rechnen.

GüterslohIn Deutschland gehen nach einer neuen Studie der Bertelsmann-Stiftung bis 2030 viel mehr Kinder zur Schule als bislang angenommen – mit vermutlich massiven Konsequenzen für den Finanzbedarf des Bildungssystems. Den am Mittwoch vorgestellten Berechnungen zufolge steigt die Schülerzahl von knapp 8 Millionen (2015) um acht Prozent auf fast 8,6 Millionen in 13 Jahren. Im Gegensatz dazu wurde bisher ein Absinken auf gut 7,2 Millionen Schüler bis 2025 prognostiziert.

Laut Studie müssten Länder und Kommunen mit jährlich 4,7 Milliarden Euro höheren Bildungskosten rechnen. Gewerkschaften und Bildungsexperten warnen vor einer Überforderung des Schulsystems und rufen zum Gegensteuern auf. Bislang basieren die Berechnungen der Kultusministerkonferenz der Bundesländer (KMK) auf Schülerzahlen aus dem Jahr 2012. Seitdem aber ist die Geburtenrate fünfmal in Folge gestiegen, und der Flüchtlingszustrom 2015/16 hat bis zu 300 000 zusätzliche Schüler nach Deutschland gebracht.

Beim Abgleich der KMK-Prognose und der neuen Zahlen ergeben sich große Differenzen. Laut Bertelsmann-Stiftung würde es schon im Jahr 2020 mit 7,87 Millionen Schülern im Gegensatz zur alten Prognose (7,39) ein erhebliches Plus von fast 480 000 geben. 2025 steigt die Schülerzahl der Studie zufolge auf 8,26 Millionen an, die Prognoselücke würde sich dann auf rund eine Million vergrößern. 2030 könnte es 8,59 Millionen Schüler geben - da die KMK-Prognose 2025 endet, ist hier kein Abgleich mehr möglich.

Wie sich der Schüler-Boom auswirkt

Steigende Geburtenzahlen

Steigende Geburtenzahlen und höhere Zuwanderung werden in Deutschland zu einem Anstieg der Bevölkerung im Alter zwischen null und unter 19 Jahren von etwa 14,2 Millionen im Jahr 2015 um 740.000 auf knapp 15 Millionen Menschen im Jahr 2030 führen; darunter werden etwa 554.000 zusätzliche Kinder und junge Erwachsene im Alter von sechs bis unter 19 Jahren sein. Das Ausmaß dieser Entwicklung macht ein Vergleich mit der im März 2017 veröffentlichten Bevölkerungsvorausberechnung des Statistischen Bundesamtes deutlich: In dieser wurden für 2030 etwa eine halbe Million 0- bis unter 19-Jährige weniger erwartet.

Höhere Schülerpopulation

Während die Schülerprognose der Kultusministerkonferenz, die aus dem Jahr 2013 stammt und seither nicht aktualisiert wurde, für 2025 für die allgemeinbildenden Schulen insgesamt eine Schülerzahl von etwa 7,2 Millionen vorausschätzte, ergibt die Bertelsmann-Schätzung für 2025 knapp 8,3 Millionen Schüler. Diese Schülerzahlen entwickeln sich dabei nach Schulstufen unterschiedlich: Die Zahl der Grundschüler wächst von 2,8 (2015) auf knapp 3,2 Millionen (2030), wobei der Höchststand voraussichtlich im Jahr 2026 erreicht sein wird. Die Schülerzahl in der Sekundarstufe I wächst hingegen bis 2030 von 4,1 auf 4,5 Millionen Schüler. Nur in der Sekundarstufe II sinkt die Schülerzahl leicht.

Bedarf an zusätzlichen Klassen und Lehrern

Über alle Schulstufen hinweg werden im Jahr 2030 etwa 28.100 zusätzliche Klassen und etwa 42.800 zusätzliche Vollzeit-Lehrkräfte benötigt. Fünf Jahre vorher werden es bereits 14.500 zusätzliche Klassen und etwa 18.200 zusätzliche Lehrkräfte sein. Dabei gilt: Können sinkende Bedarfe zum Beispiel an Lehrkräften in der Sekundarstufe II nicht den Mehrbedarf in den niedrigeren Stufen ausgleichen, fällt der Bedarf an zusätzlichen Lehrkräften entsprechend höher aus. Auf Schulen umgerechnet heißt das am Beispiel von Grundschulen: Im Jahr 2025 werden etwa 2.300, im Jahr 2030 immerhin noch etwa 2.000 Grundschulen deutschlandweit fehlen.

Steigende Bildungsausgaben

Die steigenden Schülerzahlen führen zu geschätzten Mehrausgaben für Schulgebäude und Personal in Höhe von etwa 4,7 Milliarden Euro im Jahr 2030. Auch hier gilt: Da bei gegenläufigen Effekten (sinkende Schülerzahlen in der Sekundarstufe II, steigende Schülerzahlen in den unteren Schulstufen) frei werdende Kapazitäten oft nicht umgewidmet werden können (freie Klassenräume einer Oberstufe können nicht einfach zu Grundschulräumen werden), liegen die zu erwartenden Kosten vermutlich noch darüber.

Regional uneinheitliche Entwicklung

Die demographische Entwicklung verläuft uneinheitlich. In den westlichen Flächenländern gibt es am Ende des Zeitraums der Vorausschätzung deutlich mehr Grundschüler und Schüler der Sekundarstufe I (mit einem zwischenzeitlichen Rückgang der Zahl der letzteren Schülergruppe). Die Schüler der Oberstufe erfahren hingegen einen Rückgang. In den östlichen Flächenstaaten gibt es 2030 in der Grundschule im Vergleich zu 2015 einen leichten Rückgang der Schülerzahlen, in den beiden Sekundarstufen liegen die Schülerzahlen 2030 deutlich oberhalb der Zahlen aus dem Jahr 2015. Auch die drei Stadtstaaten weisen 2030 insgesamt in allen Stufen deutlich mehr Schüler auf als 15 Jahre zuvor.

Quelle: Bertelsmann Stiftung

Der Erziehungswissenschaftler Ewald Terhart warnt gleichwohl vor einem Vergleich der alten und heute problematischen KMK-Zahlen mit unsicheren Prognosen. „Die Studie ist gut, aber wir müssen auch die Lücken und Grenzen sehen“, sagte der Professor der Uni Münster. Die Mischung aus höheren Geburtenzahlen und Zuwanderung macht sich nach seiner Einschätzung erst ab 2022 an den Grundschulen bemerkbar.

Für den Bertelsmann-Report „Demographischer Wandel adé – Aktuelle Bevölkerungsentwicklung und Folgen für die allgemeinbildenden Schulen“ haben die Autoren die aktuellsten Zahlen des Statistischen Bundesamtes mit der „Milupa-Geburtenliste“ aktualisiert. Das Babynahrungsunternehmen verfügt über Geburtenzahlen aller deutschen Geburtsstationen der Krankenhäuser des Jahres 2016.

Kommentare (3)

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Herr Hans Klahrin

12.07.2017, 09:29 Uhr

Die Zeit ist ja auch so schnellebig. Da können schon von heut auf morgen ein paar Millionen Menschen mehr oder weniger da sein....
Mal im Ernst. Wenn ich 2013 Zahlen erhebe und weiss, dass eine Veränderung des Schulsystems nur mit Verzögerunge vorgenommen werden kann (Schulausbau, Lehrerstellen....) Warum prüfe ich dann die Prognosen nicht einfach jährlich. Dem Staat liegen doch von uns gläsernen Deutschen eh alle Daten vor. Das erste, was wir nach der Geburt unserer Tochter bekommen haben war ein Brief mit der Steuernummer des Finanzamtes. Aber auf die Geburtsurkunde mussten wir Wochen warten....

Herr Günther Schemutat

12.07.2017, 09:30 Uhr

Es ist immer wieder erstaunlich wie Menschen die Politiker sein wollen , überhaupt über keine Weitsicht verfügen. Das ist das eigentliche Problem unseres Landes, wir brauchen zuviel Blindenhunde in Berlin und Ländern um die Zukunft zu erkennen. Erst winkten Politiker ab, als es um die Wiedervereinigung ging, die kommt nie mehr war ihre Meinung. Dann haben wir 21 Millionen Migranten , wo Kinder im Gegensatz zu Deutschen nur so sprudeln und das schon als die Türken zuwanderten. Kommen die Afrikaner in Massen zu uns und die kommen, die ja im Schnitt 5 Kinder und mehr sich anschaffen wird man wieder überrascht sein.


Die Schulen marode,die Lehrer teilweise am Rand des Möglichen. Mittlerweile warte ich auf die Grüne Idee , Lehrer aus allen Herrenländern auch deren Kindern zu unterrichten. Deutsche Kinder sind in Großstädten doch schon die Minderheit und
unser Land war mal unser Land.. erobert von Kindern. So war es gewollt .

Herr Gerald Gantz

12.07.2017, 11:39 Uhr

Worauf sind denn unsere Politiker überhaupt vorbereitet? Sie hinken den Problemen doch ständig hinterher und wenn sie was machen, dann garantiert das Falsche. Es dauert ja auch so lange, bis sie nachgefragt haben, was sie denn in jedem Fall tun sollen. Da herrscht die pure Angst vor, das Falsche zu tun, was gewünscht sein wird und dann wird er politisch entsorgt.
Was Orwell vorausgesagt hat, ist Kleinkram gegen das, was heute vorhanden ist und erst recht, gegen das, was vor uns liegt.

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