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20.06.2016

15:28 Uhr

Banken

Anspannung vor dem Volksentscheid

Die deutschen Banken bereiten sich auf das Brexit-Votum vor. Sie fürchten turbulente Märkte und einen Schock für die Wirtschaft. Ausländische Händler beantragen bereits die britische Staatsbürgerschaft.

Die Banken machen sich krisenfest vor dem Brexit-Votum. dpa

Big Ben in London

Die Banken machen sich krisenfest vor dem Brexit-Votum.

FrankfurtBei den deutschen Banken herrscht vor dem Referendum über einen Austritt Großbritanniens aus der EU am Donnerstag angespannte Ruhe. Die meisten Geldhäuser sind der Ansicht, dass sie einen Brexit operativ relativ gut wegstecken könnten. Doch die drohenden mittelbaren Folgen - Marktturbulenzen, ein Einbruch der Wirtschaft und eine Zementierung der ultraniedrigen Zinsen - würden den Finanzinstituten zu schaffen machen. Bankaktien geraten deshalb seit Wochen immer besonders stark unter Druck, wenn Prognoseinstitute eine steigende Brexit-Gefahr ausmachen. Die Papiere der Deutschen Bank fielen vergangene Woche auf ein Allzeittief von 12,68 Euro.

London zählt zu den wichtigsten Finanzzentren der Welt. 41 Prozent des globalen Devisenhandels findet beispielsweise in der britischen Hauptstadt statt. Auch große deutsche Geldhäuser sind deshalb stark an der Themse vertreten, vor allem im Investmentbanking. Die Deutsche Bank beschäftigt in Großbritannien insgesamt über 8000 Mitarbeiter, die Commerzbank mehr als 1000. Der drohende Brexit ist deshalb auch für sie ein großes Thema.

Drohendes Rechts-Chaos bei einem Brexit

Was passiert bei einem Brexit?

Ein Mitgliedsstaat muss seinen Austrittswunsch an die EU melden. Dies könnte einige Wochen dauern. Dann würde eine Periode von zwei Jahren beginnen, in denen zunächst über die Austrittsmodalitäten und dann über das neue rechtliche Verhältnis mit der EU verhandelt wird. Artikel 50 sieht die Möglichkeit einer Verlängerung vor. Zumindest Lidington bezweifelt aber, dass alle 27 EU-Staaten dem auch zustimmen würden. Denn die Briten wären in dieser Zeit weiter im EU-Rat mit allen Rechten vertreten, obwohl sie gar nicht mehr dazugehören wollen. Zudem werde in einigen EU-Regierungen diskutiert, ob man einem austretenden Land wirklich entgegenkommen solle, meint auch der SWP-Experte. Die Überlegung dahinter: Weitere EU-Staaten sollten von einem solchen Schritt abgeschreckt werden. Lidington wies darauf hin, dass selbst Grönland bei seiner Abspaltung vom EU-Land Dänemark drei Jahre brauchte, um die Beziehungen mit der EU neu zu regeln - und da sei es fast nur um Fisch gegangen.

Freihandel

Durch den Brexit würde Großbritannien aus rund 50 EU-Freihandelsverträgen mit Drittstaaten fliegen – und müsste diese neu verhandeln. US-Präsident Barack Obama hat bereits angekündigt, dass sich die Briten bei bilateralen Neuverhandlungen „hinten anstellen müssten“.

Binnenmarkt

Großbritannien müsste neu klären, wie sein Zugang zum EU-Binnenmarkt aussehen könnte. Dafür gibt es Vorbilder. Allerdings weist das Land einen Überschuss bei Finanzdienstleistungen mit dem Rest der EU auf. EU-Staaten könnten deshalb auf einen eingeschränkten Zugang in diesem Bereich pochen. Was geschieht, wenn die Unternehmen nach zwei Jahren zunächst keinen Zugang mehr zum Binnenmarkt hätten, ist unklar.

Personen

Es muss geklärt werden, wie der Rechtsstatus von Briten in EU-Ländern und der von Kontinental-Europäern in Großbritannien ist. Wer braucht künftig eine Aufenthaltserlaubnis oder sogar ein Visum?

EU-Finanzen

Die Entkoppelung der britischen Finanzströme von der EU wäre sehr kompliziert. Die EU-Staaten müssten klären, wer die wegfallenden britischen Beiträge im EU-Haushalt übernimmt. Gleichzeitig würden viele Projekte auf der Insel ins Trudeln geraten, weil EU-Zahlungen wegfielen.

EU-Beamte und britische EP-Abgeordnete

In Brüssel gilt bereits ein Stopp für wichtige Personalentscheidungen bis zum 23. Juni. Die britischen Mitarbeiter in der EU-Kommission könnten wohl auch nach dem Ausscheiden des Landes bleiben. Aber Aufstiegschancen dürfte es für sie nicht mehr geben. Die britischen Abgeordneten im Europäischen Parlament würden laut SWP-Experte von Ondarza wohl erst bei der nächsten Europawahl ausscheiden. Aber schon zuvor müsste geklärt werden, bei welchen Entscheidungen sie noch mitstimmen sollen.

EU-Gesetzgebung

Kein Probleme dürfte es bei jenen EU-Rechtsakten geben, die Großbritannien bereits in nationales Recht umgesetzt hat. Schwieriger wäre dies bei Themen, in denen die britische Regierung gerade EU-Recht umsetzt. Brexit-Befürworter fordern, dass sich das Land auch nicht mehr nach der EU-Menschenrechtskonvention richten sollte.

Außen- und Sicherheitspolitik

Die Briten leiten derzeit den Antipiraterie-Einsatz „Atalanta“, sie sind auch mit Soldaten in EU-Kampfeinheiten vertreten. Eine Neuordnung in diesem Bereich gilt als relativ unproblematisch.

"Operativ sieht alles gut aus, denn wir sind eine deutsche Bank - und Deutschland will bis jetzt nicht austreten", sagt John Cryan, der britische Chef der Deutschen Bank. "Ich glaube, anfänglich wären die Marktturbulenzen das größte Problem." Denn gegen einen Absturz des britischen Pfunds, den viele Experten im Falle eines Brexit erwarten, können sich Geldhäuser kaum absichern.

Viele Institute versuchen deshalb, ihren Handelsbestand an britischen Anleihen und Aktien so weit herunterzufahren wie möglich. "Wir schalten in den Defensiv-Modus", betont Cryan. Im Pfund-Handel sei das Institut aber ohnehin nicht besonders stark vertreten.

Nichtsdestotrotz stellen sich die Händler der Deutschen Bank und anderer Geldhäuser vom 23. auf den 24. Juni auf eine ereignisreiche Nacht ein. Viele Devisenmarkt- und Anleihehändler werden dann auf Schlaf verzichten. "Sie mögen es nicht, wenn sie große Momente verpassen", sagt ein hochrangiger Banker.

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Noch immer haben viele Briten den Untergang ihres Weltreichs nicht verkraftet: Sie glauben, das Land könne ohne die EU zu alter Größe zurückfinden. Doch einen Alleingang kann es sich weder politisch noch wirtschaftlich leisten.

Auch Führungskräfte sollen sich zumindest in Rufbereitschaft halten. Sie werden auch im Auge behalten, ob die IT-Systeme der Banken der "Belastungsprobe Brexit" standhalten. Und sie wollen sicherstellen, dass im Zahlungsverkehr und bei der Abwicklung von Derivategeschäften keine Probleme auftreten. "Wir haben eine Task Force gegründet", sagt ein Spitzenmanager. "Die gab es bei der Griechenland-Krise auch schon."

Mehrere Banken aus dem In- und Ausland haben ihre Kunden prophylaktisch gewarnt, dass es nach einem Brexit zu Einschränkungen im Handel kommen könnte. Sollten dann massenweise Verkaufsorders eintreffen, könne es etwas dauern, bis es neue Marktpreise für bestimmte Wertpapiere gebe.

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