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26.05.2016

12:02 Uhr

Brexit

Alle Augen auf die Buchmacher

VonJessica Schwarzer

Eigentlich sollte die Börse nichts mit heißen Wetten zu tun haben. Aber in diesen Tagen lohnt sich der Blick auf die Quoten der englischen Buchmacher. Die verraten nämlich Überraschendes und geben Anlegern Orientierung.

Ein Buchmacher

DüsseldorfNoch immer herrscht großes Rätselraten darüber, ob Großbritannien in der Europäischen Union bleibt oder nicht. Am 23. Juni stimmen die Briten ab, doch in den öffentlichen Medien und Meinungsumfragen ist noch immer keine klare Tendenz erkennbar, wie das Brexit-Referendum ausgeht.

Nicht nur in der Politik sorgt diese Ungewissheit für Nervosität. Auch Investoren schauen gespannt nach London und hoffen auf klare Signale – möglichst schon vor dem Abstimmungstag. Schließlich ist Unsicherheit etwas, das Börsianer gar nicht mögen.

Und deshalb wählen Dachfondsmanager Eckhard Sauren und sein Team bei Sauren Fonds-Research ein für Finanzexperten eher ungewöhnliches Instrument, um zu einer aussagekräftigen Prognose zu kommen. „Wer die Wahrscheinlichkeit eines Brexit beurteilen möchte, sollte nicht nach den Meinungsumfragen schauen, sondern nach den Buchmacherkursen“, sagt Sauren. „Diese berücksichtigen die Meinungsumfragen, haben darüber hinaus einen Prognosecharakter und werden von professionellen Marktteilnehmern gemacht, deren Geschäftsgrundlage es ist, Wahrscheinlichkeiten gut einzuschätzen.“

Die Krisen der Europäischen Union

EU-kritische Parteien

Populistische Parteien, die sich teils offen gegen die EU oder den Euro stellen, haben in vielen Ländern starken Zulauf. Das gilt beispielsweise für die Front National in Frankreich.

Spaltung der EU

Immer häufiger können sich nicht alle 28 EU-Mitglieder auf eine gemeinsame Linie einigen. Hinzu kommen Spaltungstendenzen in einzelnen EU-Staaten. So könnte sich etwa Katalonien von Spanien lossagen oder Schottland von Großbritannien.

Brexit

Großbritannien will der EU Reformen nach eigenen Vorstellungen abringen. Andernfalls, droht Premierminister David Cameron, könnten seine Landsleute beim geplanten Referendum für einen EU-Austritt („Brexit“) stimmen. Die Verhandlungen sind schwierig, da viele andere EU-Staaten einen britischen Sonderweg ablehnen.

Eurokrise

In dramatischen Verhandlungen zur Rettung Griechenlands vor der Staatspleite wurde 2015 ein Auseinanderbrechen der Eurozone gerade noch verhindert. Das hoch verschuldete Krisenland ist aber immer noch nicht über den Berg. Sorgen macht Brüssel derzeit auch Portugal mit seiner neuen Links-Regierung, denn diese will sich vom Kurs der Budgetsanierung offensichtlich verabschieden. An den Finanzmärkten wird dies sehr kritisch beobachtet.

Flüchtlingskrise

Der Zustrom von Hunderttausenden Flüchtlingen stellt den Zusammenhalt in der EU auf eine schwere Probe. Eine Einigung zur europaweiten Verteilung Asylsuchender ist nicht in Sicht. Beim Schutz der Außengrenzen hapert es. Es droht deshalb der Zerfall des eigentlich grenzkontrollfreien Schengenraums.

Das Sauren-Team hat eine relativ einfache Systematik aufgebaut, die die Buchmacherquoten von 20 bedeutenden englischen Buchmachern inklusive der drei größten englischen Wettbörsen analysiert und in eine Durchschnittswahrscheinlichkeit umrechnet. So können sie Tag für Tag eine relativ starke Aussage darüber treffen, wie die Wahrscheinlichkeit eines Brexits von professionellen Marktteilnehmern eingeschätzt wird.

Und dabei kommt Erstaunliches heraus: Die Wahrscheinlichkeit, dass die Briten für den Verbleib in der Europäischen Union stimmen, liegt aktuell bei 79 Prozent. Die Gefahr, dass es zum Brexit kommt, dümpelt entsprechend bei 21 Prozent herum. Das wäre ein sehr klares Votum, vor allem im Vergleich mit den jüngsten Umfragen der Meinungsforschungsinstitute. Die hatten zuletzt zwar auch auf einen Verbleib in der EU hingedeutet, mit 55 Prozent war das Ergebnis aber deutlich knapper. Zumal 40 Prozent der Befragten demnach für den Brexit stimmen würden.

„Die Wählerbefragungen zeigen im Hinblick auf den Ausgang des Referendums keine klare Tendenz“, sagt auch Harald Preißler, Chefvolkswirt und Leiter Anlagemanagement beim Fondshaus Bantleon. Doch er ist optimistisch. „Wir rechnen in unserem Szenario damit, dass es nicht zu einem EU-Austritt kommt – aus britischer Sicht übersteigen die potenziellen Kosten den vermeintlichen Nutzen um ein Vielfaches.“

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