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23.06.2016

17:09 Uhr

Brexit-Angst

Briten stürmen die Wechselstuben

VonKirsten Ludowig, Katharina Slodczyk

Am Tag des Brexit-Referendums herrscht in den britischen Wechselstuben erneut Hochbetrieb. Die Brexit-Sorgen erhöhen die Summen, die eingetauscht oder ins Ausland geschickt werden. Vor allem eine Währung ist gefragt.

Am am Tag des EU-Referendums waren in London immer wieder Schlangen vor den Wechselstuben zu sehen. AP

Wechselstube

Am am Tag des EU-Referendums waren in London immer wieder Schlangen vor den Wechselstuben zu sehen.

LondonNormalerweise hätte sie das Geld erst am Monatsletzten ihrer Familie in der Türkei geschickt. „Diesen Monat hab ich aber schon einmal eine kleinere Summe überwiesen, heute kommt die zweite Überweisung“, erzählt Didem. Die junge Türkin lebt seit zwei Jahren in London und arbeitet als Kellnerin.

An diesem Junitag steht sie morgens in einer Western-Union-Filiale im Norden von London und schickt ihren Eltern einen Teil ihrer Ersparnisse: „Ich will nicht, dass der Brexit noch stärker schrumpft, was ich mir hier hart erarbeitet habe“, sagt sie.

Das britische Pfund hat in den vergangenen Monaten gegenüber einer ganzen Reihe von Währungen an Wert verloren. Wenn die Mehrheit der Briten an diesem regnerischen Donnerstag für einen Abschied ihres Landes aus der Europäischen Union stimmt, dürfte ein noch tieferer Einbruch folgen, sagen Wirtschaftsexperten voraus.

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Die Sorge bereitet Finanzdienstleistern und Wechselstuben in London derzeit deutlich mehr Arbeit als sonst. Die Summen, die die Kunden wechseln oder ins Ausland verschicken, werden höher, die Schlangen vor den Schaltern länger. Die britische Post meldete am Mittwoch einen Anstieg im Devisenhandel von 74 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Auf dem Onlineportal UK Post Office sei die Nachfrage nach Fremdwährungen sogar um mehr als 380 Prozent gestiegen.

„Normalerweise tauschen Kunden im Schnitt 300 Pfund um, heute sind es zwischen 400 und 500 Pfund“, erzählt die Mitarbeiterin einer Wechselstube im Herzen der Londoner City. Während am Mittwoch noch Euro und Dollar gleichermaßen gefragt gewesen seien, wollten die meisten Kunden heute Euro haben - und fast jeder rede mit ihr über das Referendum. „Das Thema bewegt die Leute sehr.“

Die wichtigsten Personen in der Brexit-Debatte

David Cameron

Der britische Premierminister spielt mit dem Feuer. Die Idee eines Referendum brachte er ins Spiel, um seine Gegner und EU-Kritiker in der konservativen Partei ruhigzustellen. Bewusst definierte der 49-Jährige den Zeitraum anfangs eher vage, spätestens bis Ende 2017 solle abgestimmt werden, kündigte er vor der Parlamentswahl im Mai 2015 an. Öffentlich gab sich Cameron zunächst sehr EU-kritisch, forderte die Gemeinschaft zu Reformen auf.

Beim EU-Gipfel im Februar verkündete er einen Durchbruch. Vor allem beim Thema EU-Einwanderer habe er sich durchgesetzt. Über Nacht wurde Cameron zum EU-Fan. Ein Austritt würde die Wirtschaft und Sicherheit des Landes gefährden, sagt er nun. Zugleich drückt er aufs Tempo und legte als Termin für das Referendum den 23. Juni fest: Er fürchtet, eine erneute europäische Flüchtlingskrise oder neue Euro-Turbulenzen könnten Wasser auf den Mühlen seiner Gegner sein. Insider meinen, falls der Brexit kommt, bleibe Cameron nur der Rücktritt.

Boris Johnson

Der frühere Londoner Bürgermeister hat sich erfolgreich als Galionsfigur der Austrittsbefürworter etabliert – und ist zum direkten Gegenspieler Camerons avanciert. Der rhetorisch begabte Populist, der am 19. Juni – kurz vor dem Referendum – seinen 52. Geburtstag feiern kann, ist ein Freund verbaler Zuspitzung und Provokationen. Jüngstes Beispiel ist seine Behauptung, die EU wolle den Superstaat – wie einst Napoleon und Hitler. Dafür erntete er zwar reichlich Kritik, doch der Mann mit den markanten weiß-blonden Haaren ist bei den Briten populär. Einer jüngsten Umfrage zufolge halten ihn viele Briten sogar für glaubwürdiger als Cameron.

Brexit-Warnungen internationaler Organisationen wie etwa des Internationalen Währungsfonds (IWF) hält er für reine Angstmache. Ein EU-Austritt würde dem Londoner Parlament endlich Souveränität zurückgeben. Außerdem würden Mega-Zahlungen an Brüssel wegfallen. Doch Beobachter in London meinen, letztlich gehe es Johnson darum, Cameron zu beerben. Sollte das Austritts-Lager gewinnen, steigen seine Karriere-Chancen beträchtlich. Doch auch wenn es scheitern sollte, könnte Johnson gewinnen: Cameron könnte dann seinen Gegnern „Brücken bauen“ – und Johnson ins Kabinett holen.

Nicola Sturgeon

Die 45 Jahre alte schottische Regierungschefin hat vor allem ein Ziel – Unabhängigkeit von London. Im vergangenen Jahr ist sie damit bei einem Referendum knapp gescheitert. Doch die Schotten sind zugleich mehrheitlich EU-Fans. Sollte London die EU tatsächlich verlassen, würde das den schottischen Unabhängigkeitsbestrebungen erheblich Auftrieb verleihen. Für diesen Fall spekuliert Sturgeon mit einem zweiten Unabhängigkeitsvotum.

Jeremy Corbyn

Ein waschechter EU-Fan ist auch der 67 Jahre alte linke Labour-Chef nicht. In der Vergangenheit reihte er sich eher unter den Gemeinschafts-Skeptikern ein. Auch jetzt spricht er von Mängeln und Schwächen der Union. Doch es gebe keine Alternative: Man könne die EU nur reformieren und verbessern, wenn man dabei sei. Daher kämpft Corbyn jetzt für den Verbleib. Doch er ist angeschlagen, jüngst musste Labour bei Regional- und Kommunalwahlen Schlappen einstecken.

Nigel Farage

Der Chef der rechtspopulistischen Ukip-Partei gilt vielen als „Mr. Brexit“, ein Austrittskämpfer der ersten Stunde. Zunächst war er bei den Konservativen, doch als London 1992 dem Maastricht-Vertrag beitrat, verließ er die Partei und gründete Ukip. EU und Immigration sind die Leib- und Magenthemen des begabten Rhetorikers, der ebenfalls keine Spitze scheut.

Gegner werfen dem 52-Jährigen vor, er spiele mit der Angst. Bei der Parlamentswahl im Mai 2015 gewann die Partei zwar hinzu – wegen des Mehrheitswahlrechts brachte sie aber nur einen Abgeordneten ins Parlament. Farage ist stets für eine Überraschung gut, jüngst brachte er etwa die Idee eines zweiten Referendums ins Spiel – falls die EU-Befürworter am 23. Juni knapp gewinnen sollten.  

Peter – ein älterer Brite in Sakko, Stoffhose und mit Aktenkoffer – steht vor ihrem Schalter. Er reist in den nächsten Tagen nach Spanien. „Ich fahre zwar noch nicht heute, aber ich tausche lieber schon einmal Geld um, weil morgen der Kurs schlechter sein könnte“, sagt der Rentner. In Spanien besitzt er ein Ferienhaus, regelmäßig fährt er daher in das südeuropäische Land.

Man könnte vermuten, er sei daher in jedem Fall für den EU-Verbleib. „Nein“, sagt Peter. Er sei für den Brexit. Seine Begründung: „Die Konsequenzen werden so spät spürbar sein, dass ich das eh nicht mehr erleben werde“, sagt er.

Kommentare (3)

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23.06.2016, 17:31 Uhr

Die Briten mögen stürmen aber am Wechselkurs sieht man fast nix. Die Ami-Aktien
steigen dafür, na ja, bei der desolaten EU kein Wunder.

Herr Otto Berger

23.06.2016, 17:50 Uhr

Bitte keine Panik ! Die Briten werden in der EU bleiben und viele Briten werden ihren Job in Brüssel nicht verlieren.
Die EU kann nun zur Tagesordnung übergehen und sich voll bestätigt fühlen ?
Nichts wäre für die EU tödlicher, weil dieses Referendum Probleme aufzeigt, für die dringend Lösungen gefunden werden müssen. ("Flüchtlingskrise", Absicherung der EU-Außengrenzen etc.etc.)

Account gelöscht!

24.06.2016, 08:56 Uhr

Wieder wird ein Verschwörungsfreund widerlegt......ach ist das schön.

Sorry Otto, aber für Dich stürzt jetzt eine Weltanschauung ein

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