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22.06.2016

12:44 Uhr

Brexit-Referendum

Zwei Städte – zwei Großbritanniens

VonAnna Gauto

Das EU-Referendum entzweit das Königreich. Nirgends werden die Kontraste deutlicher als in Aberystwyth, einem kosmopolitischen Küstenort in Wales, und im englischen Romford, der EU-feindlichsten Stadt Großbritanniens.

„Seitdem wir in der EU sind, holen sich andere unseren Fisch“ AP

Fischhändler David Crosbie

„Seitdem wir in der EU sind, holen sich andere unseren Fisch“

Romford/AberystwythAuf dem Marktplatz von Romford bei London hat sich eine Gruppe alter Männer und Frauen zusammengefunden. Sie sind Vertreter der rechtspopulistischen UK Independence Party (Ukip) und versuchen Passanten davon zu überzeugen, am 23. Juni für den Brexit zu stimmen. Darunter ist der 72-Jährige John Glanville, einer von fünf Ukip-Abgeordneten im Bezirksrat.

Er verteilt „Vote Leave“-Flyer und redet auf ein Ehepaar ein: „Wir müssen die Zuwanderung besser kontrollieren. Der Arbeitsmarkt, Schulen, Wohnungen und Gesundheitsämter geraten immer stärker unter Druck.“ Sein Kollege David Johnson, 69, schließt sich an und sagt: „Die Übergriffe in Köln – so etwas wollen wir hier nicht haben. Angela Merkel wird für ihre Flüchtlingspolitik im nächsten Jahr die Quittung bekommen.“

In der walisische Küstenstadt Aberystwyth, fünf Zugstunden nordwestlich von Romford, denken die Menschen anders über Zuwanderung. In einem Bio-Café im Zentrum von Aberystwyth reden sich die Studentinnen Milly Price, Emily England und Elli Jackson, alle Anfang 20, in Rage. „Es ist üble Rattenfängerei, wenn Ukip behauptet, Migranten würden Jobs rauben und die Sozialsysteme belasten“, sagt England. Sie rührt energisch in ihrem grünen Tee. „Sie zahlen Steuern, genau wie wir Briten“. Viele Einheimische, wirft auch Price ein, seien sich zu fein, um bei McDonald‘s zu kassieren. „Ohne Zuwanderer hätten wir ein Problem.“ Die drei jungen Frauen wollen unbedingt in der EU bleiben.

Bleiben oder gehen – kurz vor dem historischen Volksentscheid ist Großbritannien ein ziemlich uneiniges Königreich. Die Brexit-Frage teilt die Menschen in zwei Lager. EU-Befürworter versprechen sich wirtschaftlichen Wohlstand und Sicherheit. Oder zumindest weniger Turbulenzen als nach einem EU-Austritt. EU-Gegner meinen, auch ohne Brüssel prosperieren zu können. Sie fühlen sich von Bürokraten gegängelt und von Zuwanderern umzingelt.

Nirgends wird dieser Kontrast deutlicher als in Romford, im östlichsten Londoner Bezirk Havering, und in Aberystwyth, im walisischen Bezirk Ceredigion. Das zeigt eine Umfrage des Meinungsforschungsinstitutes YouGov unter 80.000 Briten. Demnach ist Havering die EU-skeptischste, Ceredigion die EU-freundlichste Region Großbritanniens. Romford und Aberystwyth sind die größten Städte in ihren Bezirken. Geographisch trennen sie 400 Kilometer, politisch sind es Welten.

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