Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

30.06.2016

15:17 Uhr

Brexit-Votum

„Es gab keinen Teil Schottlands, der nicht für die EU gestimmt hat“

Vor zwei Jahren stimmten die Schotten über ihre Unabhängigkeit von Großbritannien ab. Das Referendum schlug fehl, doch nach dem Brexit-Votum fühlt sich das Land übergangen. Denn die Mehrheit stimmte gegen den Brexit.

Immer mehr Schotten sprechen sich nach der Brexit-Entscheidung für eine Abspaltung von Großbritannien aus. dpa

Schottland

Immer mehr Schotten sprechen sich nach der Brexit-Entscheidung für eine Abspaltung von Großbritannien aus.

Edinburgh62 Prozent der Schotten haben sich für den Verbleib Großbritanniens in der EU ausgesprochen. Ihre Stimmen wurden jedoch von den Brexit-Befürwortern im weitaus dichter besiedelten England übertönt. „Es gab keinen Teil Schottlands, der nicht für die EU gestimmt hat“, empört sich die 23-jährige Claire Dinnie aus der Ölstadt Aberdeen über die Ergebnisse des Referendums vom 23. Juni. Wie viele Schotten fühlt sie sich übergangen.

Schottlands Regierungschefin Nicola Sturgeon brachte nach dem Referendum eine Trennung Schottlands von Großbritannien erneut ins Gespräch. Bei ihrem Besuch in Brüssel am Mittwoch sagte EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker, Schottland habe sich das Recht erworben, in Brüssel gehört zu werden, dämpfte aber Sturgeons Hoffnungen - eine Einmischung in interne britische Angelegenheiten werde es nicht geben. Noch deutlichere Worte fand Spaniens Regierungschef Mariano Rajoy: „Wenn das Vereinigte Königreich geht, geht Schottland“, betonte er.

Hier liegt das Problem der Schotten: Schottland ist ein Land, aber kein Staat. Es hat ein Regionalparlament in Edinburgh, eine eigene Flagge und Regierung, aber ist dennoch Teil des Vereinigten Königreiches. Eine teilweise Kompetenzübertragung in den 1990ern von London auf Edinburgh sollte die Separatismus-Bestrebungen eigentlich beenden. 2014 stimmte eine Mehrheit in einem Referendum gegen eine Abspaltung. Die Unabhängigkeit bleibt ein Traum.

Die Brexit-Abstimmung hat diesen aber wieder befeuert, sagt Politikwissenschaftler Alistair Clark von der Universität Leicester. „Wenn es jetzt ein Referendum über Schottlands Unabhängigkeit geben würde, wäre es wahrscheinlich erfolgreich.“ Seitens der regierenden schottischen Nationalpartei SNP sei dies aber derzeit nicht gewünscht. Zu groß seien die Unsicherheiten, vor allem was die Wirtschaft angehe.

Manche schöpfen Hoffnung aus dem Brexit-Katzenjammer im Süden. Es sei politischer Selbstmord, den Austrittsantrag zu stellen, glaubt Richard Birks, ein Finanzdienstleiter aus Edinburgh. „Es ist nicht unvermeidbar.“ Schließlich sei nur eine Minderheit der Abgeordneten im Londoner Parlament für den Austritt.

Die Unsicherheit macht vielen Menschen zu schaffen, vor allem Migranten. Sie habe nun keinen Einfluss auf ihre Zukunft, sorgt sich die Italienerin Tatiana Botnaru. Sie arbeite in einem Kleiderladen in Edinburgh und merke an ihren Kunden, wie aufgeheizt die Stimmung sei: „Niemand weiß, was passieren wird.“ Souvenirhändler Sam Singh war für einen Verbleib in der EU; nun aber glaubt er, dass es besser für Schottland sei, ein Teil Großbritanniens zu bleiben. Sonst müsse Schottland etwa den Euro als Währung akzeptieren.

Viel hänge nun von der Reaktion der EU ab, sagt Alex Neil, ein SNP-Abgeordneter im Regionalparlament in Edinburgh, und ruft zur Besonnenheit auf. Die vorsichtige Politikerin Sturgeon hat bereits angedeutet, sie werde nur dann ein Referendum ansetzen, wenn sie sicher sei, zu gewinnen. Ein erfolgreiches Unabhängigkeitsreferendum solange Großbritannien noch Austrittsverhandlungen führt, wäre ein Wunschszenario so mancher Nationalisten. Dann könnte Schottland quasi die Briten in der EU beerben.

Das liege jedoch nicht in der Hand der Schotten, warnt der Politologe John Curtice. Wichtige Entscheidungen würden außerhalb des Vereinigten Königreiches getroffen. Regionale und taktische Überlegungen spielten dabei eine Rolle. „So könnte etwa in Spanien die Frage sein, ob es eher im gemeinsamen Interesse der EU ist, den Briten das Leben schwer zu machen und Schottland den Weg in die EU zu ebnen. Oder sind für Spanien die potenziellen Auswirkungen auf die eigenen regionalen Probleme wichtiger?“, fragt er mit Blick auf Unabhängigkeitsbestrebungen in Katalonien.

Von

dpa

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×