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09.06.2016

15:42 Uhr

BT-Chef warnt vor Brexit-Folgen

Ein Weckruf aus London

VonCarsten Herz

Wenige Wochen vor dem Brexit-Votum mahnt der Vorstandschef des britischen Telekommunikationsriesens BT, Gavin Patterson, eindringlich vor den Folgen eines EU-Ausstiegs und nennt ihn einen Alptraum.

In wenigen Tagen entscheiden die Briten über den Verbleib in der EU.

Großbritannien

In wenigen Tagen entscheiden die Briten über den Verbleib in der EU.

LondonDer Mann sieht aus, als ob er einem Modemagazin entsprungen ist. Der maßgeschneiderte Anzug sitzt perfekt, die schulterlangen Haare von Gavin Patterson sind wie stets modisch frisiert. Doch die harten Worte, die der Vorstandschef des britischen Telekommunikationsriesens BT am Donnerstag zur bevorstehenden Abstimmung über einen EU-Ausstieg Großbritanniens spricht, stehen in deutlichem Kontrast zu dem glatten Äußeren, mit dem der 48-Jährige aufzutreten pflegt. „Ich befürchte, dass ein EU-Austritt Investitionen zurückhalten würde, Jobs bedrohen und die Wirtschaft in Gefahr bringen könnte“, mahnte der Boss des Telekomriesens, der Partner der Deutschen Telekom ist, am Donnerstag bei einem Pressegespräch in der Zentrale in London.

Ein Weckruf aus London. Mit deutlichen Worten mischt sich der einflussreiche Topmanager damit zwei Wochen vor dem britischen Referendum am 23. Juni über einen Verbleib in der EU noch einmal in die öffentliche Debatte auf der Insel ein. Es ist eine Mahnung, für die vor allem die EU-Befürworter dankbar sein dürften.

Steckbrief Großbritannien

Bevölkerungsverteilung

England 84,1 Prozent; Wales 4,78; Schottland 8,27; Nordirland 2,85 (Stand: Juni 2015)

Einwohner

64,6 Millionen (Stand: Juni 2015)

Fläche

243.820 Quadratkilometer (gut zwei Drittel der Fläche Deutschlands)

Hauptstadt

London – etwa 8,6 Millionen Einwohner (Stand: März 2016)

Landessprachen

Englisch, Walisisch, Gälisch

Regierungschef

Theresa May, seit Juli 2016

Staatsoberhaupt

Queen Elizabeth II., seit 1952

Staatsform

Parlamentarische Monarchie

Bruttoinlandsprodukt je Einwohner

39.500 Euro (Dt.: 37.100) (Stand 2015)

Erwerbslosenquote bei 20- bis 64-Jährigen

4,6 Prozent (Dt.: 4,6) (Stand 2015)

Denn kurz vor dem Referendum ist der Ausgang der Schicksalsfrage auf der Insel ungewisser denn je: So liegen Befürworter und Gegner eines Brexits weiter Kopf an Kopf. Nach der jüngsten Umfrage des Instituts WhatUKThinks lagen die Befürworter eines Austritts Großbritanniens aus der EU am 5. Juni sogar erstmals seit längerer Zeit wieder vorne. 48 Prozent sprachen sich für einen Austritt aus. 43 Prozent dagegen. Neun Prozent waren danach noch unentschlossen.

Die Perspektive eines Brexits, also der freiwillige Abschied der zweitgrößten Volkswirtschaft Europas aus der Europäischen Union, wird damit von einem fernen Schreckgespenst zu einer ernstzunehmenden Möglichkeit, die dramatische Folgen für ganz Europa – und die Insel selbst – haben könnte. So käme für Patterson ein möglicher Abschied des Vereinigten Königreiches vom größten globalen Wirtschaftsraum mit über 500 Millionen Menschen einem Albtraum gleich. „Ich weiß, dass die EU nicht perfekt ist, aber für unser Unternehmen und unser Land ist es deutlich besser, in der Gemeinschaft zu sein als außerhalb“, sagte Patterson.

Fünf Schritte zum EU-Austritt

Schritt 1

Großbritannien informiert die Vertretung der EU-Staaten über seine Absicht, aus der Union auszutreten.


Schritt 2

Die Staats- und Regierungschefs legen unter Ausschluss Großbritanniens Leitlinien für die Austrittsverhandlungen fest.

Schritt 3

Die EU-Kommission oder ein anderes, von den Staaten ernanntes Gremium handelt mit Großbritannien ein Abkommen über die Einzelheiten des Austritts aus. Dabei wird auch der Rahmen für die künftigen Beziehungen Großbritanniens zur Union festgelegt.

Schritt 4

Die EU-Staaten beschließen das Abkommen mit qualifizierter Mehrheit nach Zustimmung des Europäischen Parlaments.

Schritt 5

Wenn kein Abkommen zustande kommt und keine Fristverlängerung gewährt wird, scheidet Großbritannien zwei Jahre nach dem Einreichen des Austrittsgesuchs ungeregelt aus der EU aus.

Auch für den ehemaligen Staatskonzern BT selbst, an dem die Deutsche Telekom nach dem Verkauf ihrer EE-Mobilfunkbeteiligung rund 12,5 Prozent der Anteile hält, wäre ein Austritt ein Rückschlag, der das Geschäft schwerer machen würde. „Wir machen den Großteil unserer Umsätze in Großbritannien“, stellte Patterson klar. „Aber rund ein Fünftel unserer Erlöse machen wir jenseits der britischen Grenzen – und das meiste davon in Europa“, sagte Patterson. Selbst bei einem Austritt müsste BT deshalb weiter die Auflagen der EU befolgen, weshalb das Austritts-Szenario für ihn auch keinen Sinn mache. Extern wie intern will Patterson darum in den nächsten Tagen noch für einen Verbleib in der EU trommeln – und steht damit nicht allein.

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