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21.06.2016

02:03 Uhr

EM und Brexit-Referendum

Come on, England!

VonDiana Fröhlich, Anna Gauto

Nach der Gruppenphase muss sich England bei der Fußball-EM mit dem zweiten Platz begnügen. Die Spiele am Montagabend standen ganz im Schatten des EU-Referendums. Doch der Fußball kann die Politik durchaus beeinflussen.

Die Pub-Besucher fiebern vor den Bildschirmen für die englische Mannschaft. Ob die EM auch das Brexit-Referendum beeinflussen wird, da sind sie sich uneinig. Jiri Rezac für Handelsblatt

Besucher im „The Golden Heart“

Die Pub-Besucher fiebern vor den Bildschirmen für die englische Mannschaft. Ob die EM auch das Brexit-Referendum beeinflussen wird, da sind sie sich uneinig.

LondonIm „The Golden Heart“ steht die Luft. Es riecht nach Bier und Fritten. Dabei ist die Kneipe im ehemaligen Arbeiterviertel Spitalfields im Londoner Osten nicht ganz voll besetzt an diesem Montag. Und das, obwohl die Gegend rund um das Pub zu den Trendvierteln Londons gehört. Auf zwei Bildschirmen können hier Fußball-Fans, meist junge Leute, darunter viele Studenten, die Partie zwischen England und der Slowakei verfolgen. Und dabei ein Bier trinken, sich unterhalten, austauschen, feiern.

Beste Bedingungen für einen fröhlichen Abend – eigentlich. Doch sie sehen, wie die englischen Fußballprofis eine Chance nach der anderen vergeben. Wie sie kämpfen. Am Ende reicht ein torloses Unentschieden gegen die Slowakei zu Rang zwei in der Gruppe B, auch ganz ohne Glanz. Das Minimalziel haben die Kicker damit erreicht.

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Doch wer dieses Spiel gemeinsam mit den Fans im „Golden Heart“ anschaut, der hat das Gefühl, dass sie nicht ganz bei der Sache sind. Dass sie das anstehende EU-Referendum am Donnerstag und vor allem der Mord an der britischen Abgeordneten Jo Cox weitaus mehr beschäftigen. Die ganz große Fußball-Euphorie, sie bleibt aus. Ob der Fußball, ob die EM, Einfluss haben wird auf die Entscheidung?

Die Besucher sind sich da uneinig. Ein slowakischer Banker, der seinen Namen nicht nennen will, tunkt ein paar Pommes in Remoulade und versenkt sie in seinem Mund. Wie ein Segler hat er die Ärmel eines blauen Pullunders um den Hals geknotet. Darunter trägt er ein weiß-blau-gestreiftes Hemd. „Gewinnt England das Spiel, bleiben wir in Europa“, sagt er kurz nach dem Anpfiff. „Verliert England, gibt es einen Brexit“, so einfach sei das. „Die Menschen wollen glücklich sein. Wenn ihre Mannschaft sie enttäuscht, werden sie das David Cameron spüren lassen“.

Weil der Banker ein mit der EU vereintes Großbritannien will, ist er hin und hergerissen. Natürlich fiebert er mit dem slowakischen Team mit, die Engländer sollen aber gegen den Brexit stimmen. Wenn nicht bald ein Tor für die Three Lions fällt, könnte sich seine Befürchtung erfüllen.

Auch Cassie Symes, 23, und ihre vier Jahre ältere Freundin Vashti Turner, sitzen gebannt vor dem Bildschirm. Die beiden Studentinnen hoffen auf den Verbleib Großbritanniens in der EU. „Wir sind als Europäer aufgewachsen, wir wollen Europäer bleiben, wir brauchen einander und haben daher auch eine gewisse Verantwortung“, sagen sie. Sie sind Fußballfans und wissen um die Bedeutung des Spiels. Denn Fußball sei durchaus politisch. Vor allem seit den Terroranschlägen in Paris im vergangenen Jahr.

Was ein Sieg der Engländer bewirken könnte? Symes befürchtet, „dass ein erfolgreiches Turnier die Nationalisten stärken könnte“. Denn eine englische Mannschaft, die sich vom peinlichen Aus bei der Weltmeisterschaft 2014 erholt hat, tritt selbstbewusster, gestärkter, auf – und könnte den Eindruck erwecken, dass man auf der Insel durchaus alleine klarkomme. Dabei tue es das Land eben nicht, da sind sich die Freundinnen sicher. Sie werden sich am Donnerstag entscheiden – für einen Verbleib in der EU.

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