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28.06.2016

13:09 Uhr

Gefühlschaos nach Brexit-Votum

Die große Reue der Briten

VonCarsten Herz, Katharina Slodczyk

Bedauern und Entsetzen, Wut und Angst – das EU-Referendum hat eine ganze Reihe von Briten in ein Gefühlschaos gestürzt. Der Jammer ist groß, einige hoffen auf eine zweite Abstimmung.

Sondersitzung im EU-Parlament

Juncker zofft sich mit britischem Abgeordneten: „Was machen Sie überhaupt hier?“

Sondersitzung im EU-Parlament: Juncker zofft sich mit britischem Abgeordneten: „Was machen Sie überhaupt hier?“

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LondonIhre Gefühle sind ihr nicht so ganz geheuer: „Ich mach mir wirklich sorgen, ob der Brexit mich altenfeindlich gemacht hat“, gesteht eine junge Britin einer „Guardian“-Journalistin. „Ich hab dieses ältere Paar vorhin in der Straße gesehen und da kam eine Wutwelle in mir hoch.“ Wut auf das Paar und die gesamte Generation, die schon fast körperlich zu spüren gewesen sei, gesteht die Frau.

Die britische Seele ist in einem Gefühlschaos – am Tag fünf nach dem EU-Referendum, bei dem 52 Prozent der Briten sich für einen Abschied aus der Staatengemeinschaft ausgesprochen haben, hadern etliche mit dieser Entscheidung, vor allem die jüngere Generation, die sich mehrheitlich für den Status quo ausgesprochen. Doch auch einer ganzen Reihe von Briten, die eigentlich das andere Lager unterstützte, ist nicht nach Jubel zumute. Stattdessen macht sich teilweise Reue breit, weil einige offenbar für einen Brexit gestimmt zu haben, ohne damit gerechnet zu haben, dass es wirklich dazu kommt.

Wenn das Volk über die Politik der EU abstimmt

Niederlande

Im April 2016 votieren die Wähler in einer Volksabstimmung gegen ein Partnerschaftsabkommen der EU mit der Ukraine, das die übrigen 27 EU-Mitgliedstaaten schon ratifiziert haben. Europakritische Initiativen in den Niederlanden hatten das rechtlich nicht bindende Referendum erzwungen. Schon 2005 hatten die Niederländer einem ersten Entwurf für den EU-Vertrag von Lissabon ihre Zustimmung verweigert. 2008 billigte das Parlament dann den Reformvertrag, ohne das Volk erneut abstimmen zu lassen.

Frankreich

Wenige Tage vor dem Nein der Niederländer hatten Ende Mai 2005 bereits die Franzosen den Entwurf für eine EU-Verfassung scheitern lassen. Knapp drei Jahre später stimmte das Parlament für den Lissabon-Vertrag – ohne einen weiteren Volksentscheid.

Irland

Die Iren stimmen dem Vertrag von Lissabon im Oktober 2009 mit überraschend großer Mehrheit zu – allerdings erst im zweiten Anlauf. Vierzehn Monate zuvor hatte eine Mehrheit dagegen votiert und die EU in eine politische Krise gestürzt. Bereits im Juni 2001 hatten die Iren den Vertrag von Nizza abgelehnt, der den Weg für die Erweiterung der EU ebnen sollte. Im Oktober 2002 sprachen sich dann in einem zweiten Referendum 62,9 Prozent doch noch für die Annahme aus.

Griechenland

Inmitten der Schuldenkrise erteilen die Griechen den Sparvorgaben der internationalen Gläubiger im Juli 2015 eine klare Absage. Regierungschef Alexis Tsipras hatte für ein negatives Votum bei dem Referendum geworben. Die Euro-Finanzminister erklären die Verhandlungen für gescheitert. Ein Krisengipfel in Brüssel kann den Austritt Griechenlands aus der Eurozone in letzter Minute verhindern.

Dänemark

Aus Sorge um den Erhalt ihrer nationalen Identität lehnen die Dänen den Euro bei einer Volksabstimmung im Jahr 2000 mit knapper Mehrheit ab. Auch beim ersten Referendum über den Maastrichter Vertrag hatten sie im Juni 1992 mit Nein votiert. Erst nach der Vereinbarung weitgehender Ausnahmeregelungen stimmten die Dänen zu.

Grönland

1982 votiert Grönland – als autonomer Teil Dänemarks Mitglied der Europäischen Gemeinschaft – in einem Referendum für den Austritt. 1985 verlassen die Grönländer die Union, bleiben aber assoziiert.

Schweden

Mit 56,2 Prozent lehnen die Schweden den Euro 2003 in einem Referendum ab. Wie die Dänen behalten sie ihre Landeswährung, die Krone.

Norwegen

Bereits in zwei Volksentscheiden haben sich die Norweger gegen einen Beitritt zur Europäischen Union entschieden – 1972 und 1994. Ein weiteres Referendum ist bisher nicht in Sicht: Bis heute lehnen mehr als 80 Prozent der Bevölkerung einen EU-Beitritt ab.

Schweiz

Mit großer Mehrheit stimmen die Schweizer 2001 in einem Volksentscheid gegen den Antrag einer Bürgerinitiative, „unverzüglich“ Verhandlungen über einen EU-Beitritt aufzunehmen. Die Schweiz hatte die EU-Mitgliedschaft schon 1992 beantragt. Das Beitrittsgesuch wurde aber auf Eis gelegt, nachdem das Volk eine Annäherung an die EU kurz darauf abgelehnt hatte.

Großbritannien

Erst nach Nachverhandlungen der Vertragsbedingungen durch Premier Harold Wilson sprechen sich die Briten in einem Referendum 1975 mehrheitlich für einen Verbleib in der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft aus. London war der EWG 1973 beigetreten.

„Meine Entscheidung basiert auf falschen Voraussetzungen“, bekannte beispielsweise eine 78-Jährige Briten im Gespräch mit der BBC. Sie wolle eigentlich den Austritt aus der EU nicht wirklich und sei jetzt geschockt über den Ausgang des Referendums. Sie hofft daher auf eine zweite Abstimmung. Ähnlich äußerten sich zahlreiche andere Briten über den Kurznachrichtendienst Twitter und in Leserbriefen an britische Zeitungen.

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So schrieb Mike Whittle der „Times“. Er habe aus Solidarität mit den zahlreichen Menschen, die im industriellen Brachland lebten und von der Politik vergessen worden seien, für einen Brexit gestimmt. Aber das sei „ein großer Fehler” gewesen. „Wir müssen jetzt das Votum akzeptieren und das Beste aus dem machen, was jetzt als nächstes passiert.“ Aber auch Whittle hätte nichts dagegen, den schlechten Ausgang des Referendums zu ändern.

Der Jammer ist groß. Neue Worte, die das Umschreiben, machen jetzt die Runde: „Bregret“ ist das eine, damit distanzieren sich Briten von einem EU-Austritt. „Regrexit“ beschreibt das andere Phänomen, die schnell anschwellende Reue über das Austrittsvotum. Es gibt Petitionen an das Parlament, Großdemonstrationen in mehreren Städten und verzweifelte Rufe nach einer zweiten Chance – auch fast eine Woche nach der historischen Entscheidung ist die Katerstimmung in Teilen der Bevölkerung noch lange nicht verschwunden.

Kommentare (59)

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Account gelöscht!

28.06.2016, 13:25 Uhr

Wieder einer dieser Hetz-Artikel gegen die Direkte-Demokratie, wie schäbig.

Herr Hans Mayer

28.06.2016, 13:31 Uhr

Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich.

Herr Marcel Europaeer

28.06.2016, 13:34 Uhr

Ist jemand überrascht????

Die Enttäuschung ist doch vorprogrammiert, wenn man Populisten auf den Leim geht, die sich die Welt so biegen und so vereinfachen, bis alle ausgewiesenen Fachleute als Volltrottel dastehen.

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