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25.06.2016

13:36 Uhr

Generation Y

Europa ist unser Zuhause

VonEva Fischer

Für viele junge Menschen ist der Brexit ein Schock. Sie sind in einem Europa der offenen Grenzen und des internationalen Austausches aufgewachsen. Warum ein gemeinsames Europa wichtig ist. Eine persönliche Erklärung.

„Den Menschen ist es völlig egal, zu welchem Land sie gehören. Sie wollen nur in Frieden leben.“ dpa

Austauschprogramm Erasmus

„Den Menschen ist es völlig egal, zu welchem Land sie gehören. Sie wollen nur in Frieden leben.“

Düsseldorf/FrankfurtAm Freitagmorgen lese ich die Push-Benachrichtigung über den Brexit und bin entsetzt. Ich habe das Gefühl, dass die ganze Welt dabei ist, sich aufzulösen. Großbritannien wird nicht mehr dazugehören. Die Mehrheit der Engländer und Waliser wollen kein gemeinsames Europa. Das größte Friedensprojekt der Menschheit droht durch rechtspopulistische, nationalistische Stimmen zu scheitern.

Dabei dachten wir, Nationalismus schon längst überwunden zu haben. Für mich, im Jahr 1989 geboren, ist Europa ein Kontinent, in dem es keine Grenzen mehr gibt, und uns mit Öresund-Brücke und Eurotunnel allen gemeinsam gehört.

Europa ist für mich und viele meiner Generation ein Ort, an dem es egal ist, ob man Deutscher ist, Niederländer, Portugiese, Schwede, Slowake, Ungar oder Italiener. In dem es mehr Gemeinsames als Trennendes gibt. Das Herkunftsland ist nur noch Smalltalk-Thema, wir fühlen uns als Europäer. Und denken: Vielleicht werden unsere Enkelkinder schon in den Vereinigten Staaten von Europa leben und mehrsprachig aufwachsen.

Eva Fischer ist seit Januar 2016 Volontärin beim Handelsblatt.

Eva Fischer

Eva Fischer ist seit Januar 2016 Volontärin beim Handelsblatt.

Als ich klein war, habe ich meine Oma immer wieder über den Zweiten Weltkrieg ausgefragt, habe mir Geschichten von Bombenhagel angehört, von Hunger und Angst, von den vielen Momenten, in den man nur durch Zufall dem Tod entgangen war, von dem Cousin, der als 13-Jähriger auf dem Schlachtfeld fiel. Ein Satz von ihr ist mir in Erinnerung geblieben: „Den Menschen ist es völlig egal, zu welchem Land sie gehören. Sie wollen nur in Frieden leben.“

Die Geschichte Europas ist eine Geschichte von Konflikten und Kriegen, von Machtkämpfen um Gebietshoheiten. Es ist eine Geschichte von Tragödien, die schließlich zu einer riesigen Katastrophe führten. Dass Nationalismus nichts Gutes ist, mussten wir Europäer erst schmerzvoll lernen. Millionen von Menschen mussten dafür sterben. Das ist der Grund, warum mir ein gemeinsames Europa so wichtig ist. Das, was meine Großeltern erleben mussten, möchte ich selbst nie erleben.

Zwei Generationen später sind wir gewohnt, dass Frieden herrscht. Wir schießen nicht auf Franzosen, sondern trinken mit ihnen Cuba Libre.

Es ist selbstverständlich für uns, durch Europa zu reisen. Wir steigen in ein Flugzeug und kurze Zeit später umgibt uns eine andere Sprache – ohne Visum und ohne Geld zu wechseln. Wir steigen in ein Auto – und nur ein Schild weist uns darauf hin, dass dort eigentlich eine Grenze ist. Wir trinken Cappuccino, essen Tapas, Pizza und Croissants, sehen die gleichen Serien, hören die gleichen Lieder und kaufen bei H&M ein. In unserer Küche gibt es Aceto balsamico und Knäckebrot. Völlig egal, welche Nationalität wir haben. Völlig egal, welche Sprache unsere Muttersprache ist.

Drohendes Rechts-Chaos bei einem Brexit

Was passiert bei einem Brexit?

Ein Mitgliedsstaat muss seinen Austrittswunsch an die EU melden. Dies könnte einige Wochen dauern. Dann würde eine Periode von zwei Jahren beginnen, in denen zunächst über die Austrittsmodalitäten und dann über das neue rechtliche Verhältnis mit der EU verhandelt wird. Artikel 50 sieht die Möglichkeit einer Verlängerung vor. Zumindest Lidington bezweifelt aber, dass alle 27 EU-Staaten dem auch zustimmen würden. Denn die Briten wären in dieser Zeit weiter im EU-Rat mit allen Rechten vertreten, obwohl sie gar nicht mehr dazugehören wollen. Zudem werde in einigen EU-Regierungen diskutiert, ob man einem austretenden Land wirklich entgegenkommen solle, meint auch der SWP-Experte. Die Überlegung dahinter: Weitere EU-Staaten sollten von einem solchen Schritt abgeschreckt werden. Lidington wies darauf hin, dass selbst Grönland bei seiner Abspaltung vom EU-Land Dänemark drei Jahre brauchte, um die Beziehungen mit der EU neu zu regeln - und da sei es fast nur um Fisch gegangen.

Freihandel

Durch den Brexit würde Großbritannien aus rund 50 EU-Freihandelsverträgen mit Drittstaaten fliegen – und müsste diese neu verhandeln. US-Präsident Barack Obama hat bereits angekündigt, dass sich die Briten bei bilateralen Neuverhandlungen „hinten anstellen müssten“.

Binnenmarkt

Großbritannien müsste neu klären, wie sein Zugang zum EU-Binnenmarkt aussehen könnte. Dafür gibt es Vorbilder. Allerdings weist das Land einen Überschuss bei Finanzdienstleistungen mit dem Rest der EU auf. EU-Staaten könnten deshalb auf einen eingeschränkten Zugang in diesem Bereich pochen. Was geschieht, wenn die Unternehmen nach zwei Jahren zunächst keinen Zugang mehr zum Binnenmarkt hätten, ist unklar.

Personen

Es muss geklärt werden, wie der Rechtsstatus von Briten in EU-Ländern und der von Kontinental-Europäern in Großbritannien ist. Wer braucht künftig eine Aufenthaltserlaubnis oder sogar ein Visum?

EU-Finanzen

Die Entkoppelung der britischen Finanzströme von der EU wäre sehr kompliziert. Die EU-Staaten müssten klären, wer die wegfallenden britischen Beiträge im EU-Haushalt übernimmt. Gleichzeitig würden viele Projekte auf der Insel ins Trudeln geraten, weil EU-Zahlungen wegfielen.

EU-Beamte und britische EP-Abgeordnete

In Brüssel gilt bereits ein Stopp für wichtige Personalentscheidungen bis zum 23. Juni. Die britischen Mitarbeiter in der EU-Kommission könnten wohl auch nach dem Ausscheiden des Landes bleiben. Aber Aufstiegschancen dürfte es für sie nicht mehr geben. Die britischen Abgeordneten im Europäischen Parlament würden laut SWP-Experte von Ondarza wohl erst bei der nächsten Europawahl ausscheiden. Aber schon zuvor müsste geklärt werden, bei welchen Entscheidungen sie noch mitstimmen sollen.

EU-Gesetzgebung

Kein Probleme dürfte es bei jenen EU-Rechtsakten geben, die Großbritannien bereits in nationales Recht umgesetzt hat. Schwieriger wäre dies bei Themen, in denen die britische Regierung gerade EU-Recht umsetzt. Brexit-Befürworter fordern, dass sich das Land auch nicht mehr nach der EU-Menschenrechtskonvention richten sollte.

Außen- und Sicherheitspolitik

Die Briten leiten derzeit den Antipiraterie-Einsatz „Atalanta“, sie sind auch mit Soldaten in EU-Kampfeinheiten vertreten. Eine Neuordnung in diesem Bereich gilt als relativ unproblematisch.

Das, was für meine Großeltern Realität war, ist für uns weit entfernter Geschichtsunterricht. Das, was für meine Großeltern ein visionärer Traum war, ist wahr geworden. Und diesen Traum drohen wir heute zu verraten.

Als meine Großeltern in meinem Alter waren, lag hinter ihnen die Katastrophe. Ich hingegen blicke auf ein behütetes, friedliches Leben zurück, auf Reisen ins Ausland und ein Semester Politikstudium in Italien. Seminare, in denen ich mit Italienern über die Sinnhaftigkeit eines Studiums diskutierte, Nächte in italienischen Gassen, Wein trinken mit Franzosen, Belgiern, Briten, Kroaten und Spaniern. Diskussionen über Merkel und Hollande. Ärger über Prüfungen und nichtfunktionierendes WLAN. WG-Abende mit buntem Sprachgemisch.

Wenn ich jetzt, zwei Jahre später, durch meine Facebook-Timeline scrolle, finde ich dort tschechische, slowakische, ungarische, französische, spanische, italienische und englische Statusmeldungen. Unsere Großeltern haben sich bekämpft – wir sind Freunde. Vielleicht ist das Land, in dem wir geboren sind, unsere Heimat. Doch Europa ist unser gemeinsames Zuhause. Das möchte ich nicht verlieren.

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