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23.06.2016

17:05 Uhr

Handelsblatt-Talk mit Lionel Barber

Eine Mahnung in lachsrosa

VonCarsten Herz

Ein Brexit würde zu chaotischen Zuständen führen, glaubt Lionel Barber. Handelsblatt-Herausgeber Gabor Steingart entlockte dem Chefredakteur der Financial Times im „German House“ in London ungewöhnlich offene Worte.

Der Chefredakteur der Financial Times war einer der prominenten Gäste im "German House" des Handelsblatts in London. Jiri Rezac

Lionel Barber

Der Chefredakteur der Financial Times war einer der prominenten Gäste im "German House" des Handelsblatts in London.


Die britische Höflichkeit und Zurückhaltung ist legendär. Es sei keineswegs ein Klischee, dass sich Briten, wenn sie angerempelt werden, beim Rempler noch mit einem klassischen “Oh, sorry“ entschuldigen, schrieb bereits Kate Fox, Autorin des britischen Bestsellers „Watching the English“, ein Kompendium britischer Werte und Eigenschaften.

Doch Lionel Barber, Chefredakteur der „Financial Times“ ist angesichts des EU-Referendums in Großbritannien vor dem Handelsblatt-Wirtschaftsclub in London von dieser Zurückhaltung nichts anzumerken. Barber äußert sich im Gespräch mit Handelsblatt-Herausgeber Gabor Steingart ungewöhnlich offen darüber, was er von einem Brexit hält und was er über wichtige britische Politiker denkt. Möglicherweise ist es also heute an Barber, vorsichtshalber schon einmal „Oh, sorry“ zusagen.

Eine Mahnung in lachsrosa. So warnt Barber, der seit November 2005 die auf lachsrosa gedruckte, wichtigste britische Wirtschaftszeitung führt, davor sich Illusionen über den Zustand der britisch-europäischen Beziehungen zu machen. Es sei „wie in einer Ehe, in der man nach dem Aufwachen nicht mehr miteinanderspricht.“ Politisch könnte ein EU-Ausstieg der Briten bei Referendum am 23. Juni jedoch durchaus zu „chaotischen Zuständen“ führen, die noch dramatischer ausfallen würden als viele dies derzeit befürchten würden, warnte Barber eindringlich.

Was denkt die Welt über den Brexit?

USA

Die US-Regierung will Großbritannien als elementaren Teil der EU behalten. US-Präsident Barack Obama stellte das bei seinem Besuch im Mai in London unmissverständlich klar. Er deutete auch an, dass ein US-Handelsabkommen mit Großbritannien nicht auf der Prioritätenliste steht. „Wir müssen uns um den großen Block kümmern„, sagte Obama. Damit nahm er eine klare Position ein, schlug aber auch vielen Briten vor den Kopf. Konservative Kreise in den USA freuen sich dagegen im Falle eines Brexits schon auf eine Zusammenarbeit mit einem Premierminister Boris Johnson. Großbritannien könne dann belastende EU-Regulierungen über Bord werfen und hätte seine Grenzen wieder stärker unter Kontrolle, sagte Nile Gardiner von der konservativen Heritage Foundation.

China

Trotz einer Delle beim Wirtschaftswachstum hat die weiter aufstrebende Volksrepublik kein Interesse an einem Brexit. Chinesische Investoren nutzen London als Einfallstor in die EU, dafür schlugen sie in den vergangenen Jahren kontinuierlich Pflöcke ein. So kaufte etwa die staatliche Industrial and Commercial Bank of China erst vor kurzem einen riesigen Goldtresor in London mit einem Fassungsvermögen von 2000 Tonnen auf. Die Kooperation mit Großbritannien ist eng, das britische Finanzministerium gibt als einziges außerhalb Chinas Anleihen in Yuan aus. Ein Ausscheiden Großbritanniens und damit ein möglicher Bedeutungsverlust der Londoner City könnte diese Kooperation langfristig in Frage stellen.

Arabische Länder

Die Scheichs haben Unsummen von Geld in britischen Investments liegen. Sie sind an großen Banken ebenso beteiligt wie an Ölfirmen oder Immobilien. Zur Diskussion stehen Beteiligungen an Großprojekten zur Verbesserung der maroden britischen Infrastruktur, etwa bei Flughäfen oder Schienenverbindungen. Politik spielt dabei keine große Rolle, es geht ausschließlich ums Geld verdienen. Für die Briten ist das Risiko und Chance zugleich. Sollte sich für die Entwicklung der Milliarden-Investments der Araber ein Brexit als günstig herausstellen, könnte noch mehr Geld fließen. Genauso schnell würden sie ihre Petro-Dollars aber wohl verlagern, wäre das Gegenteil der Fall. Andererseits wären etwa Waffendeals der großen britischen Rüstungskonzerne wie Rolls Royce oder BAE ohne EU-Regelwerk einfacher.

Russland

Präsident Wladimir Putin ist der einzige Staatsmann eines größeren Landes, der Großbritannien einen Brexit anrät. Gerätselt wird, wie gut dieser Rat gemeint ist. Beide Staaten verbindet eine Hassliebe. Großbritannien ist wirtschaftlich aufs Engste mit Russland verbunden, wenn nicht auf das Riesenreich angewiesen. Viele Oligarchen halten Unsummen in Londons Banken, repräsentative Immobilien in London sind in russischem Besitz, die Ölkonzerne BP und Rosneft arbeiten eng zusammen. Die Zusammenarbeit könnte in der Tat ohne EU leichter werden, wenngleich eher nicht zum Vorteil der Briten. Andererseits sind die politischen Beziehungen belastet, spätestens seit dem mysteriösen Tod des einstigen russischen Spions Alexander Litvinenko in London.

Japan

Die japanischen Autobauer sind ein enorm wichtiger Wirtschaftsfaktor für Großbritannien. Die britische Autoindustrie hat sich zuletzt stark erholt, ist zum Musterknaben für die beabsichtige britische Kehrtwende zurück zur Industrienation geworden. Nissan ist der mit Abstand größte Autobauer in Großbritannien, auch Toyota und Honda unterhalten große Werke. 57 Prozent der britischen Autoexporte gehen in die EU-Länder. Nissan-Chef Carlos Ghosn hatte bereits vielsagend angedeutet: „Wenn es Änderungen gibt, müssen wir unsere Strategie überdenken.“ Die Drohungen wurden jedoch zuletzt leiser, ein schnelles Deinvestment in Großbritannien steht wohl nicht mehr im Raum.

Sollten sich die Briten für einen EU-Ausstieg entscheiden, rechnet Barber mit den Rücktritten von Premierminister Cameron und Schatzkanzler George Osborne. „Ich glaube nicht, dass Cameron in 30 Sekunden im Amt bleiben würde, wie sein Parteifreund Kenneth Clark dies vorhergesagt hat“, erklärte Barber. Es würde sich wohl einige Wochen hinziehen. Aber der Schritt ist aus Sicht von Barber alternativlos: „No other chance.“

Als Nachfolger sieht der FT-Boss allerdings in diesem Fall nicht den Brexit-Wortführer Boris Johnson, sondern einen deutlich jüngeren Tory-Politiker. Dann sei die nächste Generation dran, sagt Barber. Doch wer das sein könnte, da musste auch Barber passen. Der frühere Premierminister John Major sei bei seiner Nominierung ebenfalls ein weitgehend unbeschriebenes Blatt gewesen – die Tories könnten dann erneut einen jüngeren, noch nicht so bekannten Kandidaten aus ihren Reihen suchen.

In seiner Einschätzung des derzeitigen Spitzenpersonals der Tories gab sich der einflussreiche Chefredakteur des Blattes mit den rosa Seiten – der zum Abendempfang mit Handelsblatt-Herausgeber Steingart in einem passenden rosa Hemd mit Krawatte erschien – wenig Illusionen hin. Johnson sei ein „großer Entertainer“, ein „Clown“ und „brillianter Redner“. „Aber ein guter Redner ist noch kein guter politischer Führer“, legte Barber unbarmherzig eine wichtige Schwachstelle des Brexit-Wortführers auf. Warum Johnson für den Brexit kämpft? Darauf war Barbers Antwort ebenso knapp wie eindeutig: „Er will der nächste Premierminister werden.“

Aber auch Cameron musste sich von Barber eine unangenehme Lektion erteilen lassen. Das Ausrufen des Referendums sei ein „politischer Fehler“ gewesen – und das wisse Cameron inzwischen auch, glaubt Barber. Der seit Jahren vom Flügel der europaskeptischen Tories unter Druck stehende Premier habe damit einen großen Fehler gemacht: „Er hat seine Partei über das Land gestellt.“ Dennoch habe Cameron ruhig gewirkt, als er ihn diese Woche zum Interview getroffen habe, plauderte Barber aus dem Nähkästchen. Der Tory-Spitzenmann habe resolut, häufig überzeugend und weniger nervös als vor einem Jahr kurz vor der Parlamentswahl gewirkt, sagte der FT-Chef.

Ob das ein gutes Vorzeichen ist? Darüber will Barber, ganz nüchterner Finanzprofi, lieber nicht öffentlich spekulieren. „Ich halte mich lieber an die Fakten“, sagt der FT-Boss. Er wisse schließlich nicht, wie das Votum ausgehe. Doch schon bald hat das Warten ein Ende, denn Großbritannien hat heute die Wahl. Spätestens in 18 Stunden sind wir alle schlauer, ob Camerons Gelassenheit vor dem Urnengang ein untrügliches Signal war – oder nur die berüchtigte Ruhe vor dem Sturm.

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