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27.06.2016

14:09 Uhr

Hedgefonds

Wenn der Brexit die Kasse klingeln lässt

VonMichael Brächer, Kerstin Leitel

Dass die Briten die EU verlassen wollen, schockierte die Finanzmärkte. Aber manche Hedgefonds verdienten daran prächtig, indem sie auf fallende Kurse setzten. Das Pikante: Manche Manager halfen dem Brexit etwas nach.

Für die Finanzmärkte war der Brexit ein Schock, aber einige Hedgefonds verdienten daran prächtig. AP

Rote Zahlen

Für die Finanzmärkte war der Brexit ein Schock, aber einige Hedgefonds verdienten daran prächtig.

LondonDer Handelssaal einer Londoner Bank am Freitagmorgen: Als die Nachricht vom Brexit die Runde macht, blicken die Händler gespannt auf ihre Bildschirme. Stumm verfolgen sie, wie die Kurse tiefrot blinken und die Schlagzeilen vorbei tickern. „Da“, sagt ein Händler plötzlich und tippt auf eine Schlagzeile, die auf seinem Bloomberg-Terminal erscheint, „Crispin Odey. Der hat heute richtig Geld verdient“.

Der Hedgefonds-Manager machte am Freitag mit dem Brexit ein Vermögen. Damit ist er nicht alleine: Eine Reihe von Fonds hatte auf fallende Aktienkurse und eine schwaches Pfund gesetzt – und wurde dafür belohnt. Wegen ihrer Anlagestrategie ziehen die Fonds immer wieder Kritik auf sich, doch bei Odey kommt eine Besonderheit dazu. Der Hedgefonds-Manager trieb den Brexit selbst voran, indem er sich dafür einsetzte. Die britische Finanzgröße hatte für die „Vote Leave“-Kampagne gespendet, die sich für einen Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union stark gemacht hat.

Drohendes Rechts-Chaos bei einem Brexit

Was passiert bei einem Brexit?

Ein Mitgliedsstaat muss seinen Austrittswunsch an die EU melden. Dies könnte einige Wochen dauern. Dann würde eine Periode von zwei Jahren beginnen, in denen zunächst über die Austrittsmodalitäten und dann über das neue rechtliche Verhältnis mit der EU verhandelt wird. Artikel 50 sieht die Möglichkeit einer Verlängerung vor. Zumindest Lidington bezweifelt aber, dass alle 27 EU-Staaten dem auch zustimmen würden. Denn die Briten wären in dieser Zeit weiter im EU-Rat mit allen Rechten vertreten, obwohl sie gar nicht mehr dazugehören wollen. Zudem werde in einigen EU-Regierungen diskutiert, ob man einem austretenden Land wirklich entgegenkommen solle, meint auch der SWP-Experte. Die Überlegung dahinter: Weitere EU-Staaten sollten von einem solchen Schritt abgeschreckt werden. Lidington wies darauf hin, dass selbst Grönland bei seiner Abspaltung vom EU-Land Dänemark drei Jahre brauchte, um die Beziehungen mit der EU neu zu regeln - und da sei es fast nur um Fisch gegangen.

Freihandel

Durch den Brexit würde Großbritannien aus rund 50 EU-Freihandelsverträgen mit Drittstaaten fliegen – und müsste diese neu verhandeln. US-Präsident Barack Obama hat bereits angekündigt, dass sich die Briten bei bilateralen Neuverhandlungen „hinten anstellen müssten“.

Binnenmarkt

Großbritannien müsste neu klären, wie sein Zugang zum EU-Binnenmarkt aussehen könnte. Dafür gibt es Vorbilder. Allerdings weist das Land einen Überschuss bei Finanzdienstleistungen mit dem Rest der EU auf. EU-Staaten könnten deshalb auf einen eingeschränkten Zugang in diesem Bereich pochen. Was geschieht, wenn die Unternehmen nach zwei Jahren zunächst keinen Zugang mehr zum Binnenmarkt hätten, ist unklar.

Personen

Es muss geklärt werden, wie der Rechtsstatus von Briten in EU-Ländern und der von Kontinental-Europäern in Großbritannien ist. Wer braucht künftig eine Aufenthaltserlaubnis oder sogar ein Visum?

EU-Finanzen

Die Entkoppelung der britischen Finanzströme von der EU wäre sehr kompliziert. Die EU-Staaten müssten klären, wer die wegfallenden britischen Beiträge im EU-Haushalt übernimmt. Gleichzeitig würden viele Projekte auf der Insel ins Trudeln geraten, weil EU-Zahlungen wegfielen.

EU-Beamte und britische EP-Abgeordnete

In Brüssel gilt bereits ein Stopp für wichtige Personalentscheidungen bis zum 23. Juni. Die britischen Mitarbeiter in der EU-Kommission könnten wohl auch nach dem Ausscheiden des Landes bleiben. Aber Aufstiegschancen dürfte es für sie nicht mehr geben. Die britischen Abgeordneten im Europäischen Parlament würden laut SWP-Experte von Ondarza wohl erst bei der nächsten Europawahl ausscheiden. Aber schon zuvor müsste geklärt werden, bei welchen Entscheidungen sie noch mitstimmen sollen.

EU-Gesetzgebung

Kein Probleme dürfte es bei jenen EU-Rechtsakten geben, die Großbritannien bereits in nationales Recht umgesetzt hat. Schwieriger wäre dies bei Themen, in denen die britische Regierung gerade EU-Recht umsetzt. Brexit-Befürworter fordern, dass sich das Land auch nicht mehr nach der EU-Menschenrechtskonvention richten sollte.

Außen- und Sicherheitspolitik

Die Briten leiten derzeit den Antipiraterie-Einsatz „Atalanta“, sie sind auch mit Soldaten in EU-Kampfeinheiten vertreten. Eine Neuordnung in diesem Bereich gilt als relativ unproblematisch.

Am Freitag holte Odeys Fonds mehr als 220 Millionen Pfund für sich und seine Anleger heraus. „Ich denke, ich bin der Gewinner“, sagte er der britischen „Daily Mail“. Seine Anteilseigner hatte er schon vor dem Referendum gewarnt, dass er die Chancen für einen Brexit höher hält als erwartet. „Die Wahrscheinlichkeit ist hoch genug, dass sich Investoren für die Nachwirkungen eines solchen Votums vorbereiten sollten“, schrieb er in einem Brief an die Investoren.

Und genau das tat Odeys Fonds: Er ging „Short“, setzte also auf fallende Kurse. Etwa beim Hausbauer Berkeley Group, dessen Aktien am Freitag rund ein Fünftel an Wert verloren. Auch beim Vermögensverwalter Aberdeen und dem Shoppinghausbetreiber Intu Properties hatte Odey auf fallende Kurse gewettet. Odey ist aber nicht der einzige Brexit-Befürworter, der am Freitag abgesahnt hat. Auch Ian Wace vom Hedgefonds Marshall Wace hatte sich für den Brexit stark gemacht, während sein Fonds auf fallende Kurse setzte.

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