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25.06.2016

08:17 Uhr

Junge Briten lehnen Brexit ab

Ein Riss geht durch die Familien

VonAnna Gauto, Kerstin Leitel

Der überraschende Ausgang des britischen Referendums droht die Nation zu spalten: Von Nord nach Süd, von alt zu jung. Es zeichnet sich ein Konflikt der Generationen ab, denn gerade junge Briten sind enttäuscht.

Bei dem Referendum haben sich die älteren Briten anders entschieden als die jungen. Reuters

Großbritanniens Zukunft

Bei dem Referendum haben sich die älteren Briten anders entschieden als die jungen.

LondonAm Tag nach dem Referendum strahlt über dem Londoner Himmel die Sonne – doch die Stimmung in Großbritanniens Hauptstadt ist alles anderes als heiter. Viele Städter sind enttäuscht über das Ergebnis des Referendums – gerade hier hatten sich viele überzeugt gezeigt, dass das Land nicht aus der Europäischen Union (EU) ausscheren wird. Keiner in ihrem Freundeskreis werde für „Leave“ stimmen, hatte die 29-jährige Rosie noch kurz vor der Wahl gesagt. Nur die Mutter ihres Freundes sei für den Ausstieg. Und auch eine junge Frau an der Bahnstation in London war überzeugt: „Wir müssen in der EU bleiben – dieser Meinung sind hier in London alle.“

Sie haben sich getäuscht. Wie so viele. 46,5 Millionen Briten hatten am Vortag ihre Stimme abgegeben. 51,9 Prozent der Wähler hatten für den Austritt aus der EU gestimmt. Somit wird Großbritannien aus der EU austreten.

Drohendes Rechts-Chaos bei einem Brexit

Was passiert bei einem Brexit?

Ein Mitgliedsstaat muss seinen Austrittswunsch an die EU melden. Dies könnte einige Wochen dauern. Dann würde eine Periode von zwei Jahren beginnen, in denen zunächst über die Austrittsmodalitäten und dann über das neue rechtliche Verhältnis mit der EU verhandelt wird. Artikel 50 sieht die Möglichkeit einer Verlängerung vor. Zumindest Lidington bezweifelt aber, dass alle 27 EU-Staaten dem auch zustimmen würden. Denn die Briten wären in dieser Zeit weiter im EU-Rat mit allen Rechten vertreten, obwohl sie gar nicht mehr dazugehören wollen. Zudem werde in einigen EU-Regierungen diskutiert, ob man einem austretenden Land wirklich entgegenkommen solle, meint auch der SWP-Experte. Die Überlegung dahinter: Weitere EU-Staaten sollten von einem solchen Schritt abgeschreckt werden. Lidington wies darauf hin, dass selbst Grönland bei seiner Abspaltung vom EU-Land Dänemark drei Jahre brauchte, um die Beziehungen mit der EU neu zu regeln - und da sei es fast nur um Fisch gegangen.

Freihandel

Durch den Brexit würde Großbritannien aus rund 50 EU-Freihandelsverträgen mit Drittstaaten fliegen – und müsste diese neu verhandeln. US-Präsident Barack Obama hat bereits angekündigt, dass sich die Briten bei bilateralen Neuverhandlungen „hinten anstellen müssten“.

Binnenmarkt

Großbritannien müsste neu klären, wie sein Zugang zum EU-Binnenmarkt aussehen könnte. Dafür gibt es Vorbilder. Allerdings weist das Land einen Überschuss bei Finanzdienstleistungen mit dem Rest der EU auf. EU-Staaten könnten deshalb auf einen eingeschränkten Zugang in diesem Bereich pochen. Was geschieht, wenn die Unternehmen nach zwei Jahren zunächst keinen Zugang mehr zum Binnenmarkt hätten, ist unklar.

Personen

Es muss geklärt werden, wie der Rechtsstatus von Briten in EU-Ländern und der von Kontinental-Europäern in Großbritannien ist. Wer braucht künftig eine Aufenthaltserlaubnis oder sogar ein Visum?

EU-Finanzen

Die Entkoppelung der britischen Finanzströme von der EU wäre sehr kompliziert. Die EU-Staaten müssten klären, wer die wegfallenden britischen Beiträge im EU-Haushalt übernimmt. Gleichzeitig würden viele Projekte auf der Insel ins Trudeln geraten, weil EU-Zahlungen wegfielen.

EU-Beamte und britische EP-Abgeordnete

In Brüssel gilt bereits ein Stopp für wichtige Personalentscheidungen bis zum 23. Juni. Die britischen Mitarbeiter in der EU-Kommission könnten wohl auch nach dem Ausscheiden des Landes bleiben. Aber Aufstiegschancen dürfte es für sie nicht mehr geben. Die britischen Abgeordneten im Europäischen Parlament würden laut SWP-Experte von Ondarza wohl erst bei der nächsten Europawahl ausscheiden. Aber schon zuvor müsste geklärt werden, bei welchen Entscheidungen sie noch mitstimmen sollen.

EU-Gesetzgebung

Kein Probleme dürfte es bei jenen EU-Rechtsakten geben, die Großbritannien bereits in nationales Recht umgesetzt hat. Schwieriger wäre dies bei Themen, in denen die britische Regierung gerade EU-Recht umsetzt. Brexit-Befürworter fordern, dass sich das Land auch nicht mehr nach der EU-Menschenrechtskonvention richten sollte.

Außen- und Sicherheitspolitik

Die Briten leiten derzeit den Antipiraterie-Einsatz „Atalanta“, sie sind auch mit Soldaten in EU-Kampfeinheiten vertreten. Eine Neuordnung in diesem Bereich gilt als relativ unproblematisch.

Hätten nur Londoner abgestimmt, wäre die Wahl anders ausgegangen: Mehr als 60 Prozent der Hauptstädter hatten ihr Kreuzchen bei „Remain“ gemacht, in vielen Stadtteilen sogar über 78 Prozent – tatsächlich zählt die Stadt zu den Hochburgen der EU-Befürworter.

Auch in Schottland dürfte die Enttäuschung besonders groß sein: Mit 62 Prozent hatten hier 1,7 Millionen und somit besonders viele Wahlberechtigte für „Remain“ gestimmt. Das Gegenlager kam nur auf 38 Prozent. In Nordirland waren 55,8 Prozent für den Verbleib. In Wales und dem weitaus bevölkerungsstärksten England hingegen hatte das „Leave“-Lager gepunktet.

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In England hatten 15,2 Millionen für den Abschied aus der EU gestimmt. Besonders viele „Leave“-Anhänger gab es in Cumbria, eine Grafschaft im Nordwesten Englands. Für Wirtschaftsexperten keine Überraschung: „Der typische Brexit-Gegner lebt in der Großstadt, ist sehr gebildet, eher jung und hat einen guten Job“, hatte Ifo-Präsident Clemens Fuest bei einer Clubabend des Handelsblatt erklärt. Städte wie London, aber auch Universitätsstädte wie Cambridge, Oxford, Liverpool, Manchester und Bristol erwiesen sich als Hochburgen der EU-Freunde.

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