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23.06.2016

20:14 Uhr

London-Tagebuch

Großbritannien wählt - so lief der Tag des Referendums

Die Briten entscheiden über den Ausstieg aus der EU. In den neuesten Umfragen liegen die Brexit-Gegner leicht vorn. Um 23 Uhr deutscher Zeit schließen die Wahllokale. Was unsere Reporter am Tag der Entscheidung erlebten.

LondonBis zum Wochenende erscheint das Handelsblatt aus London. Dutzende Reporter sind für Sie im Land und in der britischen Hauptstadt unterwegs - Eindrücke halten sie auch bei Twitter fest (#HandelsblattUK). Auch Sie können bei zahlreichen Veranstaltungen dabei sein.

  • Wahllokale von 8 bis 23 Uhr deutscher Zeit geöffnet.
  • 46,5 Millionen Briten sind stimmberechtigt. Hier alles zum Prozedere.
  • Umfragen sehen das Pro-EU-Lager leicht im Vorteil.
  • Märkte wetten auf einen Verbleib der Briten in der EU.
  • Ergebnisse in den frühen Stunden des Freitags erwartet - hier live verfolgen.

+++ Handelsblatt-Redakteure bereiten sich auf die Nacht vor +++

Um 23 Uhr deutscher Zeit schließen die Wahllokale und die Auszählung beginnt. Das Handelsblatt wird rund um die Uhr hier berichten. Im Laufe der Nacht werden die Ergebnisse aus den einzelnen Wahlbezirken nach und nach bekannt gegeben. Live-Daten finden Sie ständig aktualisiert auf unserer interaktiven Karte. Weitere Updates vom Abend gibt es in einer neuen Ausgabe des Liveblogs - Martin Dowideit wird die Ereignisse hier für Sie sammeln und aufschreiben.

+++ Wann gibt es Ergebnisse? +++

Die Wahllokale werden bis 23 Uhr deutscher Zeit geöffnet sein. Unmittelbar danach wird die Auszählung der Stimmen in den 382 Wahlbezirken beginnen. Prognosen und Hochrechnungen soll es nicht geben. Experten begründen dies mit dem Fehlen entsprechender Vergleichsdaten. Allerdings kündigte das Meinungsforschungsinstitut Yougov eine Nachwahlbefragung an, die um 23 Uhr (MESZ) veröffentlicht werden sollte. Sie sollte sich jedoch nur auf eine vergleichsweise kleine Stichprobe stützen – qualitativ also nicht mit einer echten Prognose vergleichbar sein.

Erste Auszählungsergebnisse wurden in den frühen Morgenstunden des Freitags erwartet. Die britische Nachrichtenagentur PA ging davon aus, dass bis 6 Uhr (MESZ) ein belastbares Ergebnis vorliegen könnte. Der Sender BBC rechnete damit, dass – je nachdem, wie eng das Rennen tatsächlich sein würde – zwischen 5 und 8 Uhr (MESZ) Klarheit über den Ausgang des Referendums herrschen könnte.

Im Laufe der Nacht sollten die Ergebnisse aus den einzelnen Wahlbezirken nach und nach bekannt gegeben werden. Live-Daten finden Sie ständig aktualisiert auf unserer interaktiven Karte.

+++ Wetterchaos könnte Abstimmung beeinflussen +++

Vor allem im Großraum London haben schwere Unwetter massive Störungen im öffentlichen Nahverkehr verursacht. Mehrere U-Bahn- und Zuglinien wurden zeitweise eingestellt. Wichtige Bahnhöfe wie Victoria, Waterloo, Charing Cross oder Cannon Street standen am Abend komplett oder teilweise still. Auf sozialen Medien sorgten sich viele Pendler, dass sie dadurch den Schluss der Wahllokale um 22 Uhr Ortszeit verpassen könnten.

+++ Start-ups bangen um Köpfe und Kapital +++

Lange war London das Start-up-Mekka in Europa. Doch nun sorgen sich viele um ihr Geschäft, sollte Großbritannien aus der Europäischen Union austreten. Einige Gründer drohen bereits mit einem Wegzug von der Insel. Unsere Reporterin Katrin Terpitz berichtet.

+++ Unterwegs am Tag des Referendums +++

Seit sieben Uhr morgens sind die Wahllokale in Großbritannien geöffnet. Unsere Reporter sind ausgeschwärmt, um die Eindrücke dieser historischen Entscheidung zu sammeln. In London ist das Bild dabei schnell klar.

Handelsblatt Live

Independence Day? Unterwegs am Tag des Referendums

Handelsblatt Live: Independence Day? Unterwegs am Tag des Referendums

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+++ Zwischen Rindern und Referendum +++

Für britische Viehzüchter ist diese Wahl bedeutender als das Brexit-Referendum: In Edinburgh werden auf der Royal Highland Show Großbritanniens beste Züchtungen gekürt. Thema ist der mögliche EU-Austritt dort trotzdem. Christoph Kapalschinski berichtet aus Schottland.

„Ich habe nicht gegen Ausländer, aber einige kommen doch nur wegen unserer Sozialleistungen“ Christoph Kapalschinski

Rinderzüchterin Caroline Cuthbertson

„Ich habe nicht gegen Ausländer, aber einige kommen doch nur wegen unserer Sozialleistungen“

+++ Endspurt in Manchester +++

Langsam bereitet sich die nordenglische Industriestadt auf das große Finale vor, berichtet Handelsblatt-Reporter Martin Wocher. Das historische Rathaus wird derzeit weiträumig mit Sichtschutzzäunen abgeriegelt, auf dem Hof haben sich Übertragungswagen ausländischer Fernsehgesellschaften verteilt. Im Zentrum von Manchester wird irgendwann am frühen Morgen die Wahlkommission des Landes das Ergebnis des Referendums bekanntgeben. Ob ein führender Politiker dann hier auch vor die Kameras treten wird, ist noch offen. Spekulationen, dass sich David Cameron nach Manchester aufmacht oder sein Finanzminister, wollte ein Sprecher der Stadt nicht bestätigen: „Ich glaube, sie werden eher in London bleiben.“ Auch mit spontanen Siegesfeiern vor dem Rathaus nach der Bekanntgabe des Ergebnisses rechnet hier niemand: „Das ist den Leuten viel zu früh“, heißt es.

So hält sich die Polizei-Präsenz in minimalen Grenzen: Zwar werden die Eingänge des Rathauses scharf kontrolliert – seit den Morgenstunden dürfen nur noch Personen mit speziellen Ausweisen passieren. Doch es sind gerade mal ein Dutzend Polizisten, die das Treiben lässig beobachten.

Britische Bremsen – Londons Sonderwege in Europa

1960

Als Gegengewicht zur Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) wird auf Initiative Londons die Europäische Freihandelszone (EFTA) gegründet, die keine politische Integration anstrebt.

1963

Der französische Präsident Charles de Gaulle legt sein Veto gegen eine Mitgliedschaft der Briten in der EWG ein. 1973 tritt Großbritannien schließlich doch bei.

1975

Erst nachdem Premier Harold Wilson die Vertragsbedingungen nachverhandelt hat, sprechen sich die Briten in einem Referendum mit 67,2 Prozent für einen Verbleib in der Gemeinschaft aus.

1984

Mit den legendären Worten „I want my money back“ (Ich will mein Geld zurück) handelt die konservative britische Premierministerin Margaret Thatcher den sogenannten Britenrabatt aus. London muss fortan weniger in den Haushalt der Europäischen Gemeinschaft (EG) einzahlen.

1990

EG-Länder beschließen im Schengener Abkommen die Aufhebung der Passkontrollen an den Binnengrenzen. Großbritannien macht nicht mit.

1991

Der britische Premier John Major kündigt eine europafreundliche Politik seiner Konservativen Partei an, scheitert damit aber parteiintern. Er handelt aus, dass London nicht am Europäischen Währungssystem teilnimmt.

2004

Der britische Premier Tony Blair gerät mit dem französischen Präsidenten Jacques Chirac über ein „Europa der zwei Geschwindigkeiten“ in Streit.

2005

Blair lässt einen EU-Gipfel zum mehrjährigen Finanzrahmen der Europäischen Union (EU) scheitern, stimmt Monate später aber doch zu und akzeptiert ein Abschmelzen des Britenrabatts.

2009

Mit Inkrafttreten des EU-Vertrages von Lissabon kann London wählen, an welchen Gesetzen im Bereich Inneres und Justiz es sich beteiligt. Zudem erwirkt die britische Regierung den Ausstieg aus mehr als 100 Gesetzen aus der Zeit vor dem Lissabon-Vertrag.

2011

Der britische Premier David Cameron verweigert seine Zustimmung zum EU-Fiskalpakt.

2012

Cameron droht mit einem Veto bei den Verhandlungen zum mehrjährigen Finanzrahmen der EU.

2013

Cameron kündigt eine Volksabstimmung über den Verbleib Großbritanniens in der EU bis spätestens 2017 an. Bis dahin will er die Rolle seines Landes in der EU neu aushandeln und Befugnisse aus Brüssel nach London zurückholen.

2015

London blockiert den Aufbau einer Europäischen Verteidigungsunion und lehnt grundsätzlich Doppelstrukturen von EU und Nato ab.

Februar 2016

Nach Zugeständnissen der EU kündigt Cameron für den 23. Juni ein Referendum über den Verbleib Großbritanniens in der EU an.

Überhaupt drängt sich der Eindruck auf, dass zumindest hier in Manchester die Bewohner der Stadt den Tag sehr entspannt verleben. Von Schicksalswahl oder historischem Einschnitt ist gar nichts zu spüren. Die Menschen laufen wie immer mit großen Tüten durch die Einkaufsstraßen, die vielen Cafés der Stadt sind schon seit den Vormittagsstunden voll besetzt: Die Menschen genießen es, dass nach zwei Wochen Dauerregen endlich der Sommer Einzug eingehalten hat – mit nur wenigen Wolken und Temperaturen, die die notorisch unempfindlichen Briten dazu verleiten, sich möglichst freizügig auf den öffentlichen Plätzen zu zeigen - ein Hauch von Ballermann liegt über der Stadt. Nach wie vor sind die Wahllokale nur mäßig besucht. Viele führen das allerdings darauf zurück, dass rund ein Drittel der Wahlberechtigten ihre Stimme schon per Briefwahl abgegeben hat.

+++ Die Märkte haben sich bereits entschieden +++

An den Börsen wetten die Investoren auf ein Ja der Briten zur EU. Doch die Angst der Finanzwelt ist damit noch nicht verschwunden. Mehr zu der Lage an den Märkten.

+++ Das Schweineorakel hat gesprochen +++

Großbritannien bleibt in der EU – zumindest, wenn es nach dem Schweinerennen im englischen Pennywell geht. Auf der Farm von Chris Murray müssen sich die Schweine David Hameron, George Hogsbourne, Boar-is Johnson und Iain Duncan-Sniff zwischen „Brexit“ und „Bremain" entscheiden. Das finale Rennen endet 3:1. „Genau wie die Buchmacher vorhergesagt haben“, sagt Murray. Unser Reporter Michael Brächer hat das historische Ereignis festgehalten:

+++ Briten stürmen die Wechselstuben +++

Am Tag des Brexit-Referendums herrscht in den britischen Wechselstuben erneut Hochbetrieb. Die Brexit-Sorgen erhöhen die Summen, die eingetauscht oder ins Ausland geschickt werden. Kirsten Ludowig und Katharina Slodczyk berichten.

+++ Fondsmanager Styles rechnet mit einem „In“ +++

Merrick Styles, Fondsmanager beim britischen Fondshaus Baring Asset Management, rechnet damit, dass sich seine Landsleute knapp für einen Verbleib in der Euro-Zone entscheiden. Seinen aus Aktien und Anleihen gemischten Fonds hat Styles auf ein Kopf-an-Kopf-Rennen getrimmt, also etwas sicherer aufgestellt. Den Aktienanteil hat der Brite deutlich verringert von rund 40 Prozent vor zwei Monaten auf 28 Prozent. Und innerhalb der Aktienquote hat er die wohl am stärksten unter einem Brexit leidenden Industrieländer wie Großbritannien, aber auch Europa insgesamt abgebaut zugunsten von Schwellenländern. „Ich hoffe, dass sich Emerging Markets von dem Ereignis etwas abschotten können“, sagte Styles unserer Reporterin Anke Rezmer. Zuletzt hätten sich die Schwellenländer-Aktien stabiler gezeigt als etablierte Dividendentitel.

Den Rest des Fondsvermögens hält Styles in verschiedenen Anleihen, vor allem in Hochzinspapieren aus den USA. Der Fondsmanager glaubt nicht, dass „Aktien auch wegen des Brexit-Referendums die großen Performer in diesem Jahr werden“ und sucht daher intensiv Anleihen, die noch Zinsen bringen. Im Durchschnitt bringen seine Bonds rund sechs Prozent Rendite im Jahr.

+++ Last-Minute-Wetten auf den Brexit +++

Der Mitarbeiter in einem Wettbüro lehnt sich entspannt zurück. Nein, heute habe noch niemand auf das Referendum gewettet, sagt er unserer Reporterin Ina Karabasz. Allerdings hätten sehr viele danach gefragt. Die Quote stehe etwa 1/12 für den Verbleib Großbritanniens in der EU, meint der junge Mann und schaut aber sicherheitshalber noch einmal nach. Oh, sagt er, sie stehe nun nur noch bei 1/7. In den vergangenen zweieinhalb Stunden habe jemand eine große Summe auf dem Brexit gesetzt.

Bei einem Wettbüro unweit davon hat der Mitarbeiter eines anderen Wettanbieters mehr mit dem Referendum zu tun. Heute sei Hochsaison für diese Wetten, sagt er. Aber auch schon in den vergangenen Wochen sei die Wette auf den Brexit beliebt gewesen. Einer hätte 10.000 Pfund auf den Austritt gesetzt.

Die wichtigsten Personen in der Brexit-Debatte

David Cameron

Der britische Premierminister spielt mit dem Feuer. Die Idee eines Referendum brachte er ins Spiel, um seine Gegner und EU-Kritiker in der konservativen Partei ruhigzustellen. Bewusst definierte der 49-Jährige den Zeitraum anfangs eher vage, spätestens bis Ende 2017 solle abgestimmt werden, kündigte er vor der Parlamentswahl im Mai 2015 an. Öffentlich gab sich Cameron zunächst sehr EU-kritisch, forderte die Gemeinschaft zu Reformen auf.

Beim EU-Gipfel im Februar verkündete er einen Durchbruch. Vor allem beim Thema EU-Einwanderer habe er sich durchgesetzt. Über Nacht wurde Cameron zum EU-Fan. Ein Austritt würde die Wirtschaft und Sicherheit des Landes gefährden, sagt er nun. Zugleich drückt er aufs Tempo und legte als Termin für das Referendum den 23. Juni fest: Er fürchtet, eine erneute europäische Flüchtlingskrise oder neue Euro-Turbulenzen könnten Wasser auf den Mühlen seiner Gegner sein. Insider meinen, falls der Brexit kommt, bleibe Cameron nur der Rücktritt.

Boris Johnson

Der frühere Londoner Bürgermeister hat sich erfolgreich als Galionsfigur der Austrittsbefürworter etabliert – und ist zum direkten Gegenspieler Camerons avanciert. Der rhetorisch begabte Populist, der am 19. Juni – kurz vor dem Referendum – seinen 52. Geburtstag feiern kann, ist ein Freund verbaler Zuspitzung und Provokationen. Jüngstes Beispiel ist seine Behauptung, die EU wolle den Superstaat – wie einst Napoleon und Hitler. Dafür erntete er zwar reichlich Kritik, doch der Mann mit den markanten weiß-blonden Haaren ist bei den Briten populär. Einer jüngsten Umfrage zufolge halten ihn viele Briten sogar für glaubwürdiger als Cameron.

Brexit-Warnungen internationaler Organisationen wie etwa des Internationalen Währungsfonds (IWF) hält er für reine Angstmache. Ein EU-Austritt würde dem Londoner Parlament endlich Souveränität zurückgeben. Außerdem würden Mega-Zahlungen an Brüssel wegfallen. Doch Beobachter in London meinen, letztlich gehe es Johnson darum, Cameron zu beerben. Sollte das Austritts-Lager gewinnen, steigen seine Karriere-Chancen beträchtlich. Doch auch wenn es scheitern sollte, könnte Johnson gewinnen: Cameron könnte dann seinen Gegnern „Brücken bauen“ – und Johnson ins Kabinett holen.

Nicola Sturgeon

Die 45 Jahre alte schottische Regierungschefin hat vor allem ein Ziel – Unabhängigkeit von London. Im vergangenen Jahr ist sie damit bei einem Referendum knapp gescheitert. Doch die Schotten sind zugleich mehrheitlich EU-Fans. Sollte London die EU tatsächlich verlassen, würde das den schottischen Unabhängigkeitsbestrebungen erheblich Auftrieb verleihen. Für diesen Fall spekuliert Sturgeon mit einem zweiten Unabhängigkeitsvotum.

Jeremy Corbyn

Ein waschechter EU-Fan ist auch der 67 Jahre alte linke Labour-Chef nicht. In der Vergangenheit reihte er sich eher unter den Gemeinschafts-Skeptikern ein. Auch jetzt spricht er von Mängeln und Schwächen der Union. Doch es gebe keine Alternative: Man könne die EU nur reformieren und verbessern, wenn man dabei sei. Daher kämpft Corbyn jetzt für den Verbleib. Doch er ist angeschlagen, jüngst musste Labour bei Regional- und Kommunalwahlen Schlappen einstecken.

Nigel Farage

Der Chef der rechtspopulistischen Ukip-Partei gilt vielen als „Mr. Brexit“, ein Austrittskämpfer der ersten Stunde. Zunächst war er bei den Konservativen, doch als London 1992 dem Maastricht-Vertrag beitrat, verließ er die Partei und gründete Ukip. EU und Immigration sind die Leib- und Magenthemen des begabten Rhetorikers, der ebenfalls keine Spitze scheut.

Gegner werfen dem 52-Jährigen vor, er spiele mit der Angst. Bei der Parlamentswahl im Mai 2015 gewann die Partei zwar hinzu – wegen des Mehrheitswahlrechts brachte sie aber nur einen Abgeordneten ins Parlament. Farage ist stets für eine Überraschung gut, jüngst brachte er etwa die Idee eines zweiten Referendums ins Spiel – falls die EU-Befürworter am 23. Juni knapp gewinnen sollten.  

Auch Dean, 38, ist an diesem Tag im Wettbüro. Er setzt allerdings lieber auf Fußball. Gewählt hat er heute trotzdem schon: Er will raus aus der EU. Sein Kollege Rob auch. Großbritannien würde viel zu viel importieren, sagt Dean. Und zu wenig selber produzieren. Das würde sich hoffentlich durch einen Austritt ändern. Zudem könnten sie dann ihre Handelsabkommen selber aushandeln - mit besseren Konditionen für die Briten.

+++ Wahlkampf bis zur letzten Minute in Manchester +++

Sie stehen gerade mal 80 Meter auseinander: Auf der Market Street, der wichtigsten Einkaufsmeile Manchesters, kämpfen die beiden Lager noch um die letzten unschlüssigen Wähler, berichtet Handelsblatt-Reporter Martin Wocher. „Ich mache das nicht für mich“, sagt Paul Harris, der sich der Leave-Kampagne angeschlossen hat, „sondern für meine Kinder und Enkel. Die sollen in einem besseren Großbritannien eine Zukunft haben.“ Der 66-jährige Rentner räumt allerdings ein, dass auch seine Familie in der Frage Bleiben oder Gehen gespalten ist. der Sohn ist für den Ausstieg, die Tochter für den Verbleib in der EU. Deren Argumente mag Harris schon gar nicht mehr hören: „Brüssel ist eine korrupte Organisation, die die Hoffnungen Millionen junger Menschen in Südeuropa zerstört hat“, ereifert es. „Das ist alles nur ein Desaster.“ Auch für die deutsche Kanzlerin hat er noch eine Botschaft: „Tschüss Mutti.“

In der Innenstadt von Manchester müssen sich die Leave-Anhänger schon manche kritische Anmerkung anhören. Vieles dreht sich dabei um Jobs und die Wirtschaft. So glaubt Darren De Valley, der in Sichtweite von Harris noch Remain-Button verteilt, dass die Stadt selbst für die EU stimmen wird. Schwieriger wird es dagegen im Umland. Dort hat das Leave-Lager viele Anhänger. Jüngste Umfragen gehen davon aus, dass sich sieben von zehn Gemeinden rund um die frühere Industriestadt für einen Ausstieg entscheiden werden.

Für den Immobilienmakler, der sich extra diese Woche für den Wahlkampf Urlaub genommen hat, wäre das „eine Schande". Der gebürtige Ire, der ein paar Jahre in Frankreich und Schweden gelebt hat, lobt die Vorzüge eines gemeinsamen Marktes – und sogar einer Währung wie den Euro. Dennoch wird es seiner Ansicht nach eng werden bis zur Schließung der Wahllokale: „Ich hoffe ja immer noch, dass sich eine überzeugende Mehrheit für die EU ausspricht. Ansonsten bleibt das Land in zwei Lager gespalten. Aber sicher bin ich mir nicht.“

Auf der Market Street, der wichtigsten Einkaufsmeile Manchesters, kämpften die beiden Lager noch am Nachmittag um die letzten unschlüssigen Wähler Martin Wocher

Wahlkampf bis zur letzten Minute

Auf der Market Street, der wichtigsten Einkaufsmeile Manchesters, kämpften die beiden Lager noch am Nachmittag um die letzten unschlüssigen Wähler

+++ Pöbelei gegen Remain-Helfer +++

Michael steht in London vor einer U-Bahn-Station und verteilt „In“-Aufkleber. Ein dunkelhäutiger Mann wehrt den angebotenen Sticker vehement ab. „Out, out!“, ruft er, während er weiterläuft. „I want a job!“. Das sei ihm schon einige Mal passiert, erzählt Michael unserer Reporterin Kerstin Leitel. „Beim Thema Einwanderung werden die Leute emotional“. Er selbst kommt auch aus dem Ausland, aus Australien und hofft, dass die Mehrheit der Briten gegen einen Austritt aus der Europäischen Union stimmt. „Wegen des Friedens“, sagt er. „Es ist wichtig, dass wir friedlich zusammenleben“.

+++ Welches Umfrageinstitut liegt richtig? +++

+++ Rooney hält Votum geheim +++

Wayne Rooney will seine Wahlentscheidung beim Referendum über einen möglichen EU-Austritt Großbritanniens nicht öffentlich machen. „Ich möchte nicht darüber sprechen und halte es geheim“, sagte der Kapitän der englischen Fußball-Nationalmannschaft am Donnerstag im EM-Quartier von Chantilly. Rooney ließ auch offen, ob er überhaupt abgestimmt hatte.

Der Verband hatte den Spielern eine mögliche Briefwahl vom Turnier aus Frankreich organisiert. „Ich weiß nicht, wie viele die Option wahrgenommen haben“, sagte Rooney. Keiner seiner Teammitglieder sprach sich bis zum Beginn des Votums am Donnerstag öffentlich für oder gegen einen Verbleib in der Europäischen Union aus.

Kommentare (51)

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Herr Otto Lehmann

23.06.2016, 09:08 Uhr

Wegen dem Regen ist Europa in Gefahr!
Dieses unmögliche Wetter ist Schuld! Man muss eine Wettersteuer einführen!
Das Wetter macht Terror! Es muss alles mehr kontrolliert werden!

Rainer von Horn

23.06.2016, 09:25 Uhr

Sehe ich genauso, Herr Lehmann. Nur totale Kontrolle von oben kann die Bürger davor bewahren, etwas Dummes zu wählen.

Aber so´n bisschen Angst habe ich, dass in der allgemeinen Brexit-Hysterie noch schnell unbemerkt eine saftige Steuererhöhung durchgedrückt wird, z.B. per Notverordnung, wie das die Tage mit der Prämie für die E-Autos passiert ist -alternativlos-, obwohl es ja laut Koalitionsausschuss ausgeschlossen war, oder dass die Merkel heute nacht heimlich den TTIP-Vertrag unterschreibt, oder so was.........

Baron v. Fink

23.06.2016, 09:34 Uhr

Die ganze Welt schaut auf Großbritanien"
Wem interisiert ein Inselvolk am Rande Europas mit 60 Millionen Einwohnern auf dieser Welt.
Nennenswerte Industrien haben die Briten nicht, außer ein paar Banken die in Zukunft niemand mehr braucht.
Wer Geld hat, ist längst aus diesem rechtlosen EU-Raum in die USA entschwunden, stellt sich die Frage, wer schaut
auf Großbritannien ? Sie die EU-Kampf-Presse wie immer der Wirklichkeit fern, wie all diese merkwürdigen
europäischen Regierungen ohne jeden Plan für die Zukunft.

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