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23.06.2016

15:52 Uhr

Meinungsforscher Shakespeare zum Brexit

„Angstkampagnen funktionieren besser“

VonDirk Heilmann

Schotten, Nordiren und Walliser dürften laut Yougov-Chef Stephan Shakespeare für die EU stimmen. Welche Prognosen er noch stellt und warum er die EU-Befürworter leicht im Vorteil sieht.

„Wenn man den Menschen Angst vor persönlichen Verlusten macht, dann erreicht man immer die stärksten Reaktionen.“

Stephan Shakespeare

„Wenn man den Menschen Angst vor persönlichen Verlusten macht, dann erreicht man immer die stärksten Reaktionen.“

LondonDer Ausgang des Brexit-Referendums hängt davon ab, wer den Briten am wirkungsvollsten Angst eingeflößt hat: Die Brexit-Befürworter, die die Angst vor einer Immigrantenflut geschürt haben oder die EU-Befürworter, die die Angst vor wirtschaftlichen Einbußen beschworen. Das war die für Freunde des politischen Diskurses ernüchternde Botschaft, die Stephan Shakespeare am Mittwochabend in das vorübergehende Handelsblatt-Domizil in London trug.

„Negative Kampagnen funktionieren einfach besser“, sagte der Gründer und Chef des internationalen Meinungsforschungsinstituts Yougov im Gespräch mit Kevin O’Brien, dem Chefredakteur der Handelsblatt Global Edition. „Wenn man den Menschen Angst vor persönlichen Verlusten macht, dann erreicht man immer die stärksten Reaktionen.“

Darum hat Yougov den Wendepunkt des Brexit-Wahlkampfes auch am 13. Juni verortet. Damals hatte Schatzkanzler George Osborne angekündigt, wie er auf ein Brexit-Votum reagieren würde, nämlich mit einem umfangreichen Programm von Steuererhöhungen und Ausgabenkürzungen. Damit will er auf die von ihm erwarteten Folgen eines wirtschaftlichen Einbruchs in Großbritannien auf den Staatshaushalt reagieren.

Die Brexit-Befürworter schrien damals „Foul“, aber Shakespeare zufolge war diese Drohung möglicherweise der entscheidende Schachzug in der Kampagne der „Remain“-Befürworter. „Damit hat die Regierung den Bürgern die kraftvolle Botschaft gesendet, dass ein Brexit ihnen persönlich wehtun würde“, sagte Shakespeare. Für YouGov sei das der Wendepunkt gewesen, und nicht der tödliche Anschlag auf die Labour-Politikerin Jo Cox am 16. Juni.

„Der Effekt des Anschlags war aber, dass er das Brexit-Lager von drastischen Gegenmaßnahmen auf Osbornes Ankündigungen abgehalten hat“, fügte Shakespeare hinzu. Der Wahlkampf ruhte über das Wochenende und zwang die Kontrahenten, ihren Ton ein wenig zu mäßigen. Damit verstrich für die EU-Gegner die Chance, ihre Kampagne zu verschärfen.

Dennoch sieht Yougov die EU-Befürworter am Vorabend des Referendums nur um einen halben Prozentpunkt vorn – knapper geht es nicht. Das liegt im Rahmen des statistischen Messfehlers, wie auch der in Deutschland geborene Chef des Meinungsforschungsinstituts einräumte. Ein Referendum sei für Meinungsforscher eine harte Nuss, denn man könne sich nicht wie bei Parlamentswahlen an vergangenen Abstimmungsmustern orientieren.

Was denkt die Welt über den Brexit?

USA

Die US-Regierung will Großbritannien als elementaren Teil der EU behalten. US-Präsident Barack Obama stellte das bei seinem Besuch im Mai in London unmissverständlich klar. Er deutete auch an, dass ein US-Handelsabkommen mit Großbritannien nicht auf der Prioritätenliste steht. „Wir müssen uns um den großen Block kümmern„, sagte Obama. Damit nahm er eine klare Position ein, schlug aber auch vielen Briten vor den Kopf. Konservative Kreise in den USA freuen sich dagegen im Falle eines Brexits schon auf eine Zusammenarbeit mit einem Premierminister Boris Johnson. Großbritannien könne dann belastende EU-Regulierungen über Bord werfen und hätte seine Grenzen wieder stärker unter Kontrolle, sagte Nile Gardiner von der konservativen Heritage Foundation.

China

Trotz einer Delle beim Wirtschaftswachstum hat die weiter aufstrebende Volksrepublik kein Interesse an einem Brexit. Chinesische Investoren nutzen London als Einfallstor in die EU, dafür schlugen sie in den vergangenen Jahren kontinuierlich Pflöcke ein. So kaufte etwa die staatliche Industrial and Commercial Bank of China erst vor kurzem einen riesigen Goldtresor in London mit einem Fassungsvermögen von 2000 Tonnen auf. Die Kooperation mit Großbritannien ist eng, das britische Finanzministerium gibt als einziges außerhalb Chinas Anleihen in Yuan aus. Ein Ausscheiden Großbritanniens und damit ein möglicher Bedeutungsverlust der Londoner City könnte diese Kooperation langfristig in Frage stellen.

Arabische Länder

Die Scheichs haben Unsummen von Geld in britischen Investments liegen. Sie sind an großen Banken ebenso beteiligt wie an Ölfirmen oder Immobilien. Zur Diskussion stehen Beteiligungen an Großprojekten zur Verbesserung der maroden britischen Infrastruktur, etwa bei Flughäfen oder Schienenverbindungen. Politik spielt dabei keine große Rolle, es geht ausschließlich ums Geld verdienen. Für die Briten ist das Risiko und Chance zugleich. Sollte sich für die Entwicklung der Milliarden-Investments der Araber ein Brexit als günstig herausstellen, könnte noch mehr Geld fließen. Genauso schnell würden sie ihre Petro-Dollars aber wohl verlagern, wäre das Gegenteil der Fall. Andererseits wären etwa Waffendeals der großen britischen Rüstungskonzerne wie Rolls Royce oder BAE ohne EU-Regelwerk einfacher.

Russland

Präsident Wladimir Putin ist der einzige Staatsmann eines größeren Landes, der Großbritannien einen Brexit anrät. Gerätselt wird, wie gut dieser Rat gemeint ist. Beide Staaten verbindet eine Hassliebe. Großbritannien ist wirtschaftlich aufs Engste mit Russland verbunden, wenn nicht auf das Riesenreich angewiesen. Viele Oligarchen halten Unsummen in Londons Banken, repräsentative Immobilien in London sind in russischem Besitz, die Ölkonzerne BP und Rosneft arbeiten eng zusammen. Die Zusammenarbeit könnte in der Tat ohne EU leichter werden, wenngleich eher nicht zum Vorteil der Briten. Andererseits sind die politischen Beziehungen belastet, spätestens seit dem mysteriösen Tod des einstigen russischen Spions Alexander Litvinenko in London.

Japan

Die japanischen Autobauer sind ein enorm wichtiger Wirtschaftsfaktor für Großbritannien. Die britische Autoindustrie hat sich zuletzt stark erholt, ist zum Musterknaben für die beabsichtige britische Kehrtwende zurück zur Industrienation geworden. Nissan ist der mit Abstand größte Autobauer in Großbritannien, auch Toyota und Honda unterhalten große Werke. 57 Prozent der britischen Autoexporte gehen in die EU-Länder. Nissan-Chef Carlos Ghosn hatte bereits vielsagend angedeutet: „Wenn es Änderungen gibt, müssen wir unsere Strategie überdenken.“ Die Drohungen wurden jedoch zuletzt leiser, ein schnelles Deinvestment in Großbritannien steht wohl nicht mehr im Raum.

Auch gingen die Kampflinien quer durch die Parteien und Bevölkerungsgruppen. Ein paar Muster sind dann aber doch zu erkennen: Brexit-Befürworter sind im Durchschnitt älter, weniger wohlhabend, weniger gut ausgebildet, aber leidenschaftlicher als EU-Befürworter. „Der typische Brexit-Anhänger fühlt sich durch die Globalisierung wirtschaftlich abgehängt, ist in starkem Maße auf staatliche Dienstleistungen angewiesen und hat wenig direkten Kontakt zu Immigranten“, sagte Shakespeare.

Nach Regionen dürfte es laut Shakespeare klar sein, dass Schotten, Nordiren und Walliser für die EU stimmen. Dasselbe gilt auch für die Hauptstadt London, in der der Anteil der Immigranten am höchsten ist, die Menschen aber das Leben in einer multikulturellen Metropole gewohnt sind. Es komme darauf an, wie das Ergebnis in England insgesamt ausfalle.

Eins ist für ihn klar: Eine Pro-EU-Kampagne, die aktiv für ein besseres, gemeinsames Europa wirbt, wäre wirkungslos gewesen. „Wenn Großbritannien nicht schon Mitglied der EU wäre und jetzt über einen Beitritt abstimmen müsste, dann würde es zwei zu eins gegen die EU ausgehen.“ Shakespeare selber geht übrigens heute nicht ins Wahllokal: Er hat sich entschieden, nicht mitzustimmen, um als Meinungsforscher komplett neutral zu bleiben.

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