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30.06.2016

23:18 Uhr

Peter Hargreaves

Brexit-Unterstützer verliert Hunderte Millionen Euro

VonDietmar Neuerer

Rund vier Millionen Euro machte Peter Hargreaves für die Brexit-Kampagne locker. Das Votum für den EU-Ausstieg wird für den Großaktionär des britischen Brokerhauses Hargreaves Lansdown nun aber noch teurer.

Trotzt Millionenverlust bleibt Peter Hargreaves optimistisch: Der Einbruch des Pfund sei das größte Konjunkturprogramm für die britische Wirtschaft, das er seit 1992 gesehen habe. Reuters

Peter Hargreaves

Trotzt Millionenverlust bleibt Peter Hargreaves optimistisch: Der Einbruch des Pfund sei das größte Konjunkturprogramm für die britische Wirtschaft, das er seit 1992 gesehen habe.

BerlinPeter Hargreaves war sich von Anfang an sicher, das Richtige zu unterstützen: Ein Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union werde dem Land gut tun, sagte der Gründer und Großaktionär des britischen Brokerhauses Hargreaves Lansdown schon vor einigen Wochen. Und er beschwor einen möglichen Brexit als Flucht vor den Deutschen. „Es wird wieder so sein wie Dünkirchen“, zitierte der „Guardian“ den EU-Kritiker, der damit auf die Evakuierung britischer Soldaten über den Hafen der nordfranzösischen Stadt anspielte, nachdem das Gebiet an die Nazis gefallen war.

Die Operation EU-Abschied ließ sich Hargreaves denn auch einiges kosten: Einer Kampagne spendete er insgesamt 3,2 Millionen Pfund (umgerechnet vier Millionen Euro). Hargreaves‘ Einsatz wurde schließlich belohnt, die Briten votierten mehrheitlich für den EU-Austritt. Allerdings hat der Abstimmungserfolg für den 69-Jährigen eine bittere Schattenseite.

Wegen der durch das Brexit-Votum ausgelösten Börsenturbulenzen verlor der Milliardär mehr als 400 Millionen Pfund (etwa 484 Millionen Euro). Die Aktien von Hargreaves Lansdown waren zeitweise um bis zu 25 Prozent eingebrochen. Der Kurs der Papiere konnte sich inzwischen wieder etwas erholen, die Aktie lag am Donnerstag aber noch immer rund elf Prozent im Minus.

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Hargreaves reagierte sichtlich gelassen auf den Verlust. Es seien ja auch andere Papiere „ziemlich in den Keller gerasselt“, wird der Brite von englischen Medien zitiert.

Er bereue nichts. Schließlich habe er die EU-Austrittskampagne auch nicht aus Eigennutz unterstützt, sondern weil er der Überzeugung sei, „es wäre das Beste für Großbritannien“.

Hargreaves ist nicht der einzige Geldgeber der Brexit-Befürworter, der im Zuge der Turbulenzen Geld verloren hat. Zu den Verlierern zählen etwa Peter Cruddas (CMC Markets), Tim Martin (JD Weatherspoon) und Lord Wolfson (Next).

Die Entscheidung der Briten für einen Ausstieg aus der EU versetzte zudem Anleger weltweit in Panik. Aus Angst vor einer Wirtschaftskrise auf der Insel und einer Abkühlung der Weltkonjunktur sackten die Aktienindizes zeitweise um mehr als zehn Prozent ab. Für das Pfund Sterling ging es in der Spitze um elf Prozent nach unten. Der Dax brach um 6,8 Prozent auf 9557 Punkte ein. An der Wall Street schloss der Dow-Jones-Index der Standardwerte 3,4 Prozent tiefer auf 17.400 Punkten.

Drohendes Rechts-Chaos bei einem Brexit

Was passiert bei einem Brexit?

Ein Mitgliedsstaat muss seinen Austrittswunsch an die EU melden. Dies könnte einige Wochen dauern. Dann würde eine Periode von zwei Jahren beginnen, in denen zunächst über die Austrittsmodalitäten und dann über das neue rechtliche Verhältnis mit der EU verhandelt wird. Artikel 50 sieht die Möglichkeit einer Verlängerung vor. Zumindest Lidington bezweifelt aber, dass alle 27 EU-Staaten dem auch zustimmen würden. Denn die Briten wären in dieser Zeit weiter im EU-Rat mit allen Rechten vertreten, obwohl sie gar nicht mehr dazugehören wollen. Zudem werde in einigen EU-Regierungen diskutiert, ob man einem austretenden Land wirklich entgegenkommen solle, meint auch der SWP-Experte. Die Überlegung dahinter: Weitere EU-Staaten sollten von einem solchen Schritt abgeschreckt werden. Lidington wies darauf hin, dass selbst Grönland bei seiner Abspaltung vom EU-Land Dänemark drei Jahre brauchte, um die Beziehungen mit der EU neu zu regeln - und da sei es fast nur um Fisch gegangen.

Freihandel

Durch den Brexit würde Großbritannien aus rund 50 EU-Freihandelsverträgen mit Drittstaaten fliegen – und müsste diese neu verhandeln. US-Präsident Barack Obama hat bereits angekündigt, dass sich die Briten bei bilateralen Neuverhandlungen „hinten anstellen müssten“.

Binnenmarkt

Großbritannien müsste neu klären, wie sein Zugang zum EU-Binnenmarkt aussehen könnte. Dafür gibt es Vorbilder. Allerdings weist das Land einen Überschuss bei Finanzdienstleistungen mit dem Rest der EU auf. EU-Staaten könnten deshalb auf einen eingeschränkten Zugang in diesem Bereich pochen. Was geschieht, wenn die Unternehmen nach zwei Jahren zunächst keinen Zugang mehr zum Binnenmarkt hätten, ist unklar.

Personen

Es muss geklärt werden, wie der Rechtsstatus von Briten in EU-Ländern und der von Kontinental-Europäern in Großbritannien ist. Wer braucht künftig eine Aufenthaltserlaubnis oder sogar ein Visum?

EU-Finanzen

Die Entkoppelung der britischen Finanzströme von der EU wäre sehr kompliziert. Die EU-Staaten müssten klären, wer die wegfallenden britischen Beiträge im EU-Haushalt übernimmt. Gleichzeitig würden viele Projekte auf der Insel ins Trudeln geraten, weil EU-Zahlungen wegfielen.

EU-Beamte und britische EP-Abgeordnete

In Brüssel gilt bereits ein Stopp für wichtige Personalentscheidungen bis zum 23. Juni. Die britischen Mitarbeiter in der EU-Kommission könnten wohl auch nach dem Ausscheiden des Landes bleiben. Aber Aufstiegschancen dürfte es für sie nicht mehr geben. Die britischen Abgeordneten im Europäischen Parlament würden laut SWP-Experte von Ondarza wohl erst bei der nächsten Europawahl ausscheiden. Aber schon zuvor müsste geklärt werden, bei welchen Entscheidungen sie noch mitstimmen sollen.

EU-Gesetzgebung

Kein Probleme dürfte es bei jenen EU-Rechtsakten geben, die Großbritannien bereits in nationales Recht umgesetzt hat. Schwieriger wäre dies bei Themen, in denen die britische Regierung gerade EU-Recht umsetzt. Brexit-Befürworter fordern, dass sich das Land auch nicht mehr nach der EU-Menschenrechtskonvention richten sollte.

Außen- und Sicherheitspolitik

Die Briten leiten derzeit den Antipiraterie-Einsatz „Atalanta“, sie sind auch mit Soldaten in EU-Kampfeinheiten vertreten. Eine Neuordnung in diesem Bereich gilt als relativ unproblematisch.

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