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22.06.2016

20:34 Uhr

Projekt überführt Brexit-Schwindler

Die Lügendetektoren

VonAnna Gauto

Die britische Brexit-Debatte ist voller Mythen, Halbwahrheiten und Lügen. Eine journalistische Organisation hat sich zur Aufgabe gemacht, die Wahrheit aufzuspüren. Ein Porträt der Faktenjäger.

Boris Johnson führt die Lügen-Liste des Infacts-Projektes an. AFP; Files; Francois Guillot

Brexit-Pinocchio

Boris Johnson führt die Lügen-Liste des Infacts-Projektes an.

LondonIn einem kleinen Büro in der Londoner City führt der ehemalige Financial Times-Journalist Hugo Dixon sein Team durch die Morgenkonferenz. Sechs junge Menschen sitzen vor Laptops auf denen „I’m In“-Sticker kleben. Eine Mitarbeiterin beschreibt, was britische Medien kurz vor dem EU-Referendum titeln, welche Nachrichten und Kommentare die Abstimmung begleiten.

Die eurokritische Tageszeitung „The Telegraph“ etwa schreibt in einem Leitartikel, die EU-Befürworter versetzten die Nation in Angst, um sie für ihre Sache zu gewinnen. Ein Vorwurf, den die Brexitfreunde Premier David Cameron und seinem Remain-Lager besonders gern und häufig machen. Die Morgenrunde beschließt zu überprüfen, ob der Vorwurf einer genauen Prüfung standhält. Noch am selben Tag veröffentlicht Infacts, so nennt sich das journalistische Projekt von Gründer Hugo Dixon, dazu einen Artikel.

Er vergleicht die sieben wichtigsten „Angst-Argumente“ beider Lager, das Ergebnis: Während „Remain“ bisweilen übertreibe, deren Aussagen aber der Wahrheit entsprächen, bestehe keine einzige der Angst-Thesen von „Leave“ den Wahrheitscheck. Fakten aus einer Kakophonie von Mythen, Gerüchten, Halbwahrheiten und Lügen herauszufiltern, diesem Ziel hat sich Infacts verschrieben.

Showdown um den Brexit: Cameron setzt alles auf eine Karte

Showdown um den Brexit

Cameron setzt alles auf eine Karte

Schon oft in seiner Karriere hat David Cameron sich als Spielernatur erwiesen. Er kommt erst so richtig in Schwung, wenn es Spitz auf Knopf steht. Beim Brexit-Referendum könnte er aber sein Blatt überreizt haben.

In Online-Artikeln, Blogeinträgen und Videos testen sie die Behauptungen einer hoch emotionalen Debatte auf ihre Substanz. Dabei verfolgen die Infacts-Journalisten eine klare Haltung: „Wir wollen in der EU-bleiben, aber auf Basis von Fakten“, sagt Dixon, der auch schon die heutige Reuters-Marke „Breaking Views“ gegründet hat. „Wir wollen die Debatte von Verdrehungen befreien“. Obwohl sich Infacts vor allem auf das Leave-Lager konzentriert, kritisieren sie auch die EU-Befürworter, wenn die von der Wahrheit abweichen. Wem die Journalisten Fehler nachweisen können, den stoßen sie in den „Sin-Bin“, den Sünden-Eimer.

In dieser Online-Rubrik führt der ehemalige Londoner Bürgermeister Boris Johnson derzeit knapp vor dem Ukip-Vorsitzenden Nigel Farage. „Wir sind sehr vorsichtig, eine Aussage als Lüge zu bezeichnen“, sagt Dixon, seine braunen Lederschuhe balancieren auf einem Mülleimer. „Was wir aber als besonders dreiste Lüge werten, sind die 350 Millionen Pfund, die Großbritannien angeblich jede Woche nach Brüssel überweist“, sagt Dixon.

Unparteiische Institutionen wie die Nationale Statistikbehörde hätten die Zahl längst widerlegt. Dennoch nutze Leave sie, um weiter Stimmung gegen die EU zu machen. Die Zahl steht auf Wahlkampfplakaten, Flugblättern und dem Brexit-Battle-Bus mit dem Boris Johnson über die Insel tourte. Noch schlimmer findet Dixon die Behauptung des Leave-Lagers, die Türkei würde im Jahr 2020 der EU beitreten. „Das ist nicht nur unwahr, das hat auch mehr Schaden als die 350-Millionen-Pfund-Lüge angerichtet“. Die Türkei-Prognose suggeriere, dass 80 Millionen Türken nach Großbritannien kommen werden. „Sie ist infam und wirkt wie pures Gift“, sagt Dixon. Denn abseits davon, dass nur wenig für einen EU-Beitritt der Türkei spricht, müssten alle EU-Staaten zustimmen. Mit seinem Nein könnte Großbritannien, wie jedes andere EU-Land, einen türkischen Beitritt verhindern.

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