Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

29.06.2016

04:34 Uhr

Rassismus-Welle in Großbritannien

Der Hass nach dem Brexit

Fünf Tage nach dem Referendum hat sich Großbritannien bereits verändert. Der Nationalstolz, auf den das Brexit-Lager bewusst gesetzt hat, äußert sich in offenem Rassismus. Und niemand will schuld sein.

„Raus aus der EU – kein polnisches Ungeziefer mehr.“ Nach dem Votum der Briten ergreifen die Rechten das Wort.

Rassismus in Großbritannien

„Raus aus der EU – kein polnisches Ungeziefer mehr.“ Nach dem Votum der Briten ergreifen die Rechten das Wort.

LondonEin Mann am Postschalter in Bristol, West-England, kurz nach der Brexit-Abstimmung. Hinter dem Schalter eine Inderin. Er sagt: „Endlich haben die Briten mal eine gute Entscheidung getroffen.“ Und dann: „Wann gehst Du nach Hause?“

Was die Bloggerin Mel Ciavucco aus Bristol erzählt, ist in diesen Tagen in Großbritannien kein Extremfall. Auch wenn der EU-Austritt überhaupt nichts mit Indern in Großbritannien zu tun hat, die meist einen britischen Pass haben. #PostRefRacism oder #PostBrexitRacism wird das Phänomen in den Sozialen Netzwerken genannt. Der Rassismus nach dem Brexit-Referendum also, für das EU-Gegner vor allem mit dem Thema Einwanderung auf Stimmenfang gegangen waren.

Miqdaad Versi vom Rat der Muslime in Großbritannien hat in den vergangenen Tagen mehr als 100 Berichte über Fremdenfeindlichkeit zusammengetragen. „Vorher waren die Täter meist Kämpfer an der Computertastatur, die ihren fremdenfeindlichen Kampf online ausgefochten haben. Jetzt tauchen immer mehr Berichte über physische und verbale Zusammenstöße im echten Leben auf“, schreibt er im „Guardian“.

Wenn das Volk über die Politik der EU abstimmt

Niederlande

Im April 2016 votieren die Wähler in einer Volksabstimmung gegen ein Partnerschaftsabkommen der EU mit der Ukraine, das die übrigen 27 EU-Mitgliedstaaten schon ratifiziert haben. Europakritische Initiativen in den Niederlanden hatten das rechtlich nicht bindende Referendum erzwungen. Schon 2005 hatten die Niederländer einem ersten Entwurf für den EU-Vertrag von Lissabon ihre Zustimmung verweigert. 2008 billigte das Parlament dann den Reformvertrag, ohne das Volk erneut abstimmen zu lassen.

Frankreich

Wenige Tage vor dem Nein der Niederländer hatten Ende Mai 2005 bereits die Franzosen den Entwurf für eine EU-Verfassung scheitern lassen. Knapp drei Jahre später stimmte das Parlament für den Lissabon-Vertrag – ohne einen weiteren Volksentscheid.

Irland

Die Iren stimmen dem Vertrag von Lissabon im Oktober 2009 mit überraschend großer Mehrheit zu – allerdings erst im zweiten Anlauf. Vierzehn Monate zuvor hatte eine Mehrheit dagegen votiert und die EU in eine politische Krise gestürzt. Bereits im Juni 2001 hatten die Iren den Vertrag von Nizza abgelehnt, der den Weg für die Erweiterung der EU ebnen sollte. Im Oktober 2002 sprachen sich dann in einem zweiten Referendum 62,9 Prozent doch noch für die Annahme aus.

Griechenland

Inmitten der Schuldenkrise erteilen die Griechen den Sparvorgaben der internationalen Gläubiger im Juli 2015 eine klare Absage. Regierungschef Alexis Tsipras hatte für ein negatives Votum bei dem Referendum geworben. Die Euro-Finanzminister erklären die Verhandlungen für gescheitert. Ein Krisengipfel in Brüssel kann den Austritt Griechenlands aus der Eurozone in letzter Minute verhindern.

Dänemark

Aus Sorge um den Erhalt ihrer nationalen Identität lehnen die Dänen den Euro bei einer Volksabstimmung im Jahr 2000 mit knapper Mehrheit ab. Auch beim ersten Referendum über den Maastrichter Vertrag hatten sie im Juni 1992 mit Nein votiert. Erst nach der Vereinbarung weitgehender Ausnahmeregelungen stimmten die Dänen zu.

Grönland

1982 votiert Grönland – als autonomer Teil Dänemarks Mitglied der Europäischen Gemeinschaft – in einem Referendum für den Austritt. 1985 verlassen die Grönländer die Union, bleiben aber assoziiert.

Schweden

Mit 56,2 Prozent lehnen die Schweden den Euro 2003 in einem Referendum ab. Wie die Dänen behalten sie ihre Landeswährung, die Krone.

Norwegen

Bereits in zwei Volksentscheiden haben sich die Norweger gegen einen Beitritt zur Europäischen Union entschieden – 1972 und 1994. Ein weiteres Referendum ist bisher nicht in Sicht: Bis heute lehnen mehr als 80 Prozent der Bevölkerung einen EU-Beitritt ab.

Schweiz

Mit großer Mehrheit stimmen die Schweizer 2001 in einem Volksentscheid gegen den Antrag einer Bürgerinitiative, „unverzüglich“ Verhandlungen über einen EU-Beitritt aufzunehmen. Die Schweiz hatte die EU-Mitgliedschaft schon 1992 beantragt. Das Beitrittsgesuch wurde aber auf Eis gelegt, nachdem das Volk eine Annäherung an die EU kurz darauf abgelehnt hatte.

Großbritannien

Erst nach Nachverhandlungen der Vertragsbedingungen durch Premier Harold Wilson sprechen sich die Briten in einem Referendum 1975 mehrheitlich für einen Verbleib in der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft aus. London war der EWG 1973 beigetreten.

Es trifft nicht nur Menschen, die nicht weiß sind. Es trifft vor allem auch Polen und damit EU-Einwanderer, die das Brexit-Lager im Wahlkampf unter anderem als Sozialschmarotzer verteufelt hat. In der Grafschaft Cambridgeshire ermittelt die Polizei, weil Karten mit der Aufschrift „Raus aus der EU – kein polnisches Ungeziefer mehr“ aufgetaucht sind. Der polnische Botschafter in London hat sich bereits eingeschaltet.

Es trifft aber auch Italiener, Finnen, Franzosen. Am Londoner Flughafen Heathrow sagt ein Rentner grinsend zu einer Deutschen: „Bald entscheiden wir dann, ob Ihr ein Visum bekommt.“ Er meint es offenbar ernst.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×