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24.06.2016

14:31 Uhr

Reaktionen der jungen Briten

„Wir sollten eine Mauer um London bauen“

VonPaul Ostwald

Während das Leave-Lager den „Brexit“ feiert, verabreden sich Jugendliche über Facebook spontan zu privaten Trauer-Veranstaltungen. Wie Englands Europa-freundlichste Wählergruppe über den EU-Austritt denkt.

Jugendliche und der Brexit

"Gebt uns eine Stimme!"

Jugendliche und der Brexit: "Gebt uns eine Stimme!"

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„Wie kann das nur die Entscheidung meines Landes sein?“ Die 21-jährge Catherine Johnson aus Liverpool ist fassungslos. Sie hatte am Donnerstag, wie die meisten ihrer Freunde, für einen Verbleib Großbritanniens in der Europäischen Union gestimmt. „Vielleicht ist das gar nicht mehr mein Land“, sagt sie nachdenklich. Ihre Stimme klingt dabei traurig. „Zumindest ist das nicht mehr das Land meiner Generation“.

Viele Jugendliche haben in der Nacht auf Freitag mit Verzweiflung auf die ersten Ergebnisse des Referendums reagiert. Sie haben gezittert, gehofft, dass am Ende alles gut werden wird. Mittlerweile ist es offiziell: Das „Brexit“-Lager hat gewonnen, das Land hat sich für einen Ausstieg entschieden. Für Premierminister David Cameron ist das eine schwere Niederlage, er hat seinen Rücktritt bereits für Oktober angekündigt. Das Ergebnis spaltet das Land. Denn das Referendum, es war auch eine Frage der Generationen.

Die Jungen treffen sich jetzt, um gemeinsam ihrer Wut Luft zu machen. „Mourning Parties“; Trauer-Veranstaltungen, nennen sie es. Zusammenkommen und über die Zukunft nachdenken. Gemeinsam verzweifelt es sich besser. Die Unter-25-Jährigen galten im Vorlauf der Abstimmung als die Europa-freundlichste Wählergruppe: Sie stimmten zu 72 Prozent gegen den Brexit. Doch es reichte nicht.

„Das war eine Entscheidung über unsere Zukunft, meine Zukunft“, erklärt Yasim Taher. Sie ist in Nordwestlondon aufgewachsen und kann sich nicht vorstellen, irgendwo anders zu leben. „Aber letztlich haben alte Menschen auf dem Land über uns verfügt.“ Gerecht findet sie das nicht.

In den kommenden Jahren wird diese Entscheidung vor allem die Zukunft von Millionen jungen Menschen im Vereinigten Königreich betreffen. Dabei waren nach Angaben des Meinungsforschungsinstituts YouGov am Ende die 50- bis 64-jährigen Wähler die entscheidende Gruppe.

In den sozialen Netzwerken hieß es unterdes immer wieder: „Baut endlich eine Mauer um London, den einzigen noch vernünftigen Ort dieses Landes“. Tatsächlich stimmte in fast jedem Londoner Bezirk eine Mehrheit für den Verbleib in der Union. Andere entschuldigten sich mit langen Facebook- und Twitter-Posts für ihr Land. „Ich wünschte, man könnte schon mit 16 wählen“, schreibt beispielsweise Louisa Burnham. „Dass, was gerade passiert ist, ist ein großer Fehler. Eine 19-jährige Studentin aus Oxford ergänzt: „Heute schäme ich mich, Engländerin zu sein.“ In der Universitätsstadt - und auch in Cambridge - stimmten fast dreiviertel der Wähler für den „Bremain“.

Mit ihren häufigen Sonderwünschen gelten die Briten als EU-Sorgenkind.
Etappen einer schwierigen Partnerschaft:
  1. 1960

    Als Gegengewicht zur Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) wird auf Initiative Londons die Europäische Freihandelszone (EFTA) gegründet, die keine politische Integration anstrebt.

  2. 1963

    Der französische Präsident Charles de Gaulle legt sein Veto gegen eine Mitgliedschaft der Briten in der EWG ein. 1973 tritt Großbritannien schließlich doch bei.

  3. 1975

    Erst nachdem Premier Harold Wilson die Vertragsbedingungen nachverhandelt hat, sprechen sich die Briten in einem Referendum mit 67,2 Prozent für einen Verbleib in der Gemeinschaft aus.

  4. 1984

    Mit den legendären Worten „I want my money back“ (Ich will mein Geld zurück) handelt die konservative britische Premierministerin Margaret Thatcher den sogenannten Britenrabatt aus. London muss fortan weniger in den Haushalt der Europäischen Gemeinschaft (EG) einzahlen.

  5. 1990

    EG-Länder beschließen im Schengener Abkommen die Aufhebung der Passkontrollen an den Binnengrenzen. Großbritannien macht nicht mit.

  6. 1991

    Der britische Premier John Major kündigt eine europafreundliche Politik seiner Konservativen Partei an, scheitert damit aber parteiintern. Er handelt aus, dass London nicht am Europäischen Währungssystem teilnimmt.

  7. 2004

    Der britische Premier Tony Blair gerät mit dem französischen Präsidenten Jacques Chirac über ein „Europa der zwei Geschwindigkeiten“ in Streit.

  8. 2005

    Blair lässt einen EU-Gipfel zum mehrjährigen Finanzrahmen der Europäischen Union (EU) scheitern, stimmt Monate später aber doch zu und akzeptiert ein Abschmelzen des Britenrabatts.

  9. 2009

    Mit Inkrafttreten des EU-Vertrages von Lissabon kann London wählen, an welchen Gesetzen im Bereich Inneres und Justiz es sich beteiligt. Zudem erwirkt die britische Regierung den Ausstieg aus mehr als 100 Gesetzen aus der Zeit vor dem Lissabon-Vertrag.

  10. 2011

    Der britische Premier David Cameron verweigert seine Zustimmung zum EU-Fiskalpakt.

  11. 2012

    Cameron droht mit einem Veto bei den Verhandlungen zum mehrjährigen Finanzrahmen der EU.

  12. 2013

    Cameron kündigt eine Volksabstimmung über den Verbleib Großbritanniens in der EU bis spätestens 2017 an. Bis dahin will er die Rolle seines Landes in der EU neu aushandeln und Befugnisse aus Brüssel nach London zurückholen.

  13. 2015

    London blockiert den Aufbau einer Europäischen Verteidigungsunion und lehnt grundsätzlich Doppelstrukturen von EU und Nato ab.

  14. Februar 2016:

    Nach Zugeständnissen der EU kündigt Cameron für den 23. Juni ein Referendum über den Verbleib Großbritanniens in der EU an.

  15. 23. Juni 2016

    Die Briten stimmen bei einem Referendum am 23. Juni 2016 mit 51,89 Prozent für einen Austritt aus der EU.

Doch es gab auch ein paar Reaktionen aus dem jungen Gegenlager. Der 21-jährige Jan Clarkson feierte den Sieg mit einem Pint in seinem Lieblingspub, der bereits am frühen Morgen geöffnet hat. „Wir haben gewonnen, es ist vorbei.“ Er ist zufrieden mit der Arbeit des euroskeptischen Flügels seiner Conservative Party. Dann setzt er nach: „Können wir jetzt bitte mit dieser Schwarzmalerei aufhören und die Sache anpacken?“

Für Andrew Simmons ist das keine Panikmache. „Ich habe Angst“. Er hatte bis zuletzt gehofft. Doch dann kam auch bei ihm in Reading die Nachricht an. „Wir verfielen alle in eine kurze Schockstarre.“ Ein Freund hat wohl sogar geweint. „Das wird vor allem unsere Jobs, unsere Perspektiven treffen.“ Die beiden, sie würden es gerne mit Humor nehmen, berichtet er. „Aber dazu steht einfach zu viel auf dem Spiel.“

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