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21.06.2016

20:00 Uhr

Referendum zum EU-Austritt

Worum es Brexit-Befürwortern wirklich geht

VonNina Hook-Zurlino

Viele Briten träumen vom Großbritannien der Vergangenheit: Ein glorifiziertes „British Empire“ hat Konjunktur. Die koloniale Nostalgie überlagert in der Brexit-Debatte die Fakten, schreibt eine Wahl-Britin aus London.

In der Brexit-Debatte spielen Emotionen eine große Rolle – und der Traum nach einen starken souveränen Großbritannien. AP

Brexit-Befürworter in London

In der Brexit-Debatte spielen Emotionen eine große Rolle – und der Traum nach einen starken souveränen Großbritannien.

Mein lieber Freund,

ich sitze hier in einem Pub am Trafalgar Square in London und möchte still in mein lauwarmes Bier weinen. Gesprächsthema Nr. 1 ist der Brexit – und der Mord an der jungen Labour-Abgeordneten Jo Cox, die für den EU-Verbleib war. Die scharfen Worte in der immer hässlicher werdenden Brexit-Debatte sind nicht länger reine Rhetorik.

Meine Kumpel, die mit mir in der Kneipe sitzen, lehnen einen EU-Austritt Großbritanniens ab. Sie fürchten die negativen Folgen eines Brexits für die britische Wirtschaft. Doch sie sorgen sich auch um die Entwicklung der britischen Gesellschaft.

Was haben Ukip-Chef Nigel Farage und andere – immer stärker an den rechten Rand rückende – britische Politiker nur angerichtet, dass es zu einem Mord an einer Abgeordneten kommen konnte? Dass ein Mann „Britain first“ („Großbritannien zuerst“) rief, bevor er auf die Politikerin schoss? Und all das in einem Land, das sich für seine Fairness und Anständigkeit rühmt? Wo man eine Tasse Tee trinkt, bevor man überstürzt handelt?

Die Vorstellung, nicht mehr zur EU zu gehören, sondern einfach nur eine verregnete Insel im Atlantik zu sein, war immer schockierend. Zumal der stärkste Verbündete ein von Präsident Donald Trump geführtes Amerika sein könnte. Trump als auch Marine Le Pen, Chefin der französischen Front National, stehen für eine Politik des Nationalismus und der Fremdenfeindlichkeit. Sie sind Todesengel unserer liberalen Ordnung. Und in diese Reihe gehören offenbar auch die Wortführer des Brexit-Lagers. Schockierend.

Die Deutsche Nina Hook-Zurlino lebt seit mehr als 20 Jahren in London. Sie hat dort ein Unternehmen mitgegründet und lange Jahre in der Finanzbranche gearbeitet.

Nina Hook-Zurlino

Die Deutsche Nina Hook-Zurlino lebt seit mehr als 20 Jahren in London. Sie hat dort ein Unternehmen mitgegründet und lange Jahre in der Finanzbranche gearbeitet.

Wie konnte es dazu kommen, dass der Brexit in Großbritannien auf so viel Zustimmung stößt? Die Vorteile der EU-Mitgliedschaft schienen so offensichtlich, dass die Brexit-Gegner – die „Bremainer“ – zu lange still hielten und nicht die Werbetrommel rührten. Erst als die Brexit-Befürworter anfingen, ins Horn des Patriotismus zu blasen, wurden die Bremainer wach.

Vor wenigen Monaten waren die Argumente in der polemischen Debatte noch unterhaltsam und ulkig. „Wir sind ein Volk, das seit jeher mutig den Sprung ins Ungewisse wagt”, sagte etwa Nathan Gill, Parteichef von Ukip Wales. „Hätte sich Captain James Cook von seinen großen Reisen abhalten lassen? Aber nein!“, rief Gill und berief sich dabei auf den großen Seefahrer des 18. Jahrhunderts. Nur weil der EU-Ausstieg ein Schritt ins Ungewisse sei, solle man sich davon nicht abschrecken lassen.

Die wichtigsten Personen in der Brexit-Debatte

David Cameron

Der britische Premierminister spielt mit dem Feuer. Die Idee eines Referendum brachte er ins Spiel, um seine Gegner und EU-Kritiker in der konservativen Partei ruhigzustellen. Bewusst definierte der 49-Jährige den Zeitraum anfangs eher vage, spätestens bis Ende 2017 solle abgestimmt werden, kündigte er vor der Parlamentswahl im Mai 2015 an. Öffentlich gab sich Cameron zunächst sehr EU-kritisch, forderte die Gemeinschaft zu Reformen auf.

Beim EU-Gipfel im Februar verkündete er einen Durchbruch. Vor allem beim Thema EU-Einwanderer habe er sich durchgesetzt. Über Nacht wurde Cameron zum EU-Fan. Ein Austritt würde die Wirtschaft und Sicherheit des Landes gefährden, sagt er nun. Zugleich drückt er aufs Tempo und legte als Termin für das Referendum den 23. Juni fest: Er fürchtet, eine erneute europäische Flüchtlingskrise oder neue Euro-Turbulenzen könnten Wasser auf den Mühlen seiner Gegner sein. Insider meinen, falls der Brexit kommt, bleibe Cameron nur der Rücktritt.

Boris Johnson

Der frühere Londoner Bürgermeister hat sich erfolgreich als Galionsfigur der Austrittsbefürworter etabliert – und ist zum direkten Gegenspieler Camerons avanciert. Der rhetorisch begabte Populist, der am 19. Juni – kurz vor dem Referendum – seinen 52. Geburtstag feiern kann, ist ein Freund verbaler Zuspitzung und Provokationen. Jüngstes Beispiel ist seine Behauptung, die EU wolle den Superstaat – wie einst Napoleon und Hitler. Dafür erntete er zwar reichlich Kritik, doch der Mann mit den markanten weiß-blonden Haaren ist bei den Briten populär. Einer jüngsten Umfrage zufolge halten ihn viele Briten sogar für glaubwürdiger als Cameron.

Brexit-Warnungen internationaler Organisationen wie etwa des Internationalen Währungsfonds (IWF) hält er für reine Angstmache. Ein EU-Austritt würde dem Londoner Parlament endlich Souveränität zurückgeben. Außerdem würden Mega-Zahlungen an Brüssel wegfallen. Doch Beobachter in London meinen, letztlich gehe es Johnson darum, Cameron zu beerben. Sollte das Austritts-Lager gewinnen, steigen seine Karriere-Chancen beträchtlich. Doch auch wenn es scheitern sollte, könnte Johnson gewinnen: Cameron könnte dann seinen Gegnern „Brücken bauen“ – und Johnson ins Kabinett holen.

Nicola Sturgeon

Die 45 Jahre alte schottische Regierungschefin hat vor allem ein Ziel – Unabhängigkeit von London. Im vergangenen Jahr ist sie damit bei einem Referendum knapp gescheitert. Doch die Schotten sind zugleich mehrheitlich EU-Fans. Sollte London die EU tatsächlich verlassen, würde das den schottischen Unabhängigkeitsbestrebungen erheblich Auftrieb verleihen. Für diesen Fall spekuliert Sturgeon mit einem zweiten Unabhängigkeitsvotum.

Jeremy Corbyn

Ein waschechter EU-Fan ist auch der 67 Jahre alte linke Labour-Chef nicht. In der Vergangenheit reihte er sich eher unter den Gemeinschafts-Skeptikern ein. Auch jetzt spricht er von Mängeln und Schwächen der Union. Doch es gebe keine Alternative: Man könne die EU nur reformieren und verbessern, wenn man dabei sei. Daher kämpft Corbyn jetzt für den Verbleib. Doch er ist angeschlagen, jüngst musste Labour bei Regional- und Kommunalwahlen Schlappen einstecken.

Nigel Farage

Der Chef der rechtspopulistischen Ukip-Partei gilt vielen als „Mr. Brexit“, ein Austrittskämpfer der ersten Stunde. Zunächst war er bei den Konservativen, doch als London 1992 dem Maastricht-Vertrag beitrat, verließ er die Partei und gründete Ukip. EU und Immigration sind die Leib- und Magenthemen des begabten Rhetorikers, der ebenfalls keine Spitze scheut.

Gegner werfen dem 52-Jährigen vor, er spiele mit der Angst. Bei der Parlamentswahl im Mai 2015 gewann die Partei zwar hinzu – wegen des Mehrheitswahlrechts brachte sie aber nur einen Abgeordneten ins Parlament. Farage ist stets für eine Überraschung gut, jüngst brachte er etwa die Idee eines zweiten Referendums ins Spiel – falls die EU-Befürworter am 23. Juni knapp gewinnen sollten.  

Man muss kein Experte der Geschichte Englands sein, um zu erkennen, dass in der Brexit-Debatte das britische Empire romantisiert und glorifiziert wird: Damals, so die Vorstellung, war die Welt noch in Ordnung – damals, als England die sieben Weltmeere beherrschte, Kolonien aufbaute und auch zu Hause auf der Insel alles in Butter schien.

Koloniale Nostalgie kommt in Großbritannien gut an. Einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Yougov zufolge sind 59 Prozent der Briten stolz auf das ehemalige Empire, mehr als jeder Dritte wünscht es sich sogar zurück. Reste der einstigen imperialistischen Größe schlummern offenbar nach wie vor in Herz und Hirn vieler Briten – und werden jetzt gerade wachgerüttelt.

Die Geschichte des Empires lässt sich famos einsetzen, um für einen EU-Ausstieg zu werben. Es gehe, so meinen die Brexit-Befürworter, beim Referendum um die Souveränität des Landes. Großbritannien solle sich nicht länger fremdbestimmen lassen – durch Brüssel, Deutschland, Frankreich und andere EU-Länder.

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