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23.06.2016

20:51 Uhr

Unicredit-Chefökonom Erik Nielsen

„Nie waren sich Ökonomen so einig“

VonDonata Riedel

Sollten die Briten sich gegen den Verbleib in der EU aussprechen, hätte das schwerwiegende Folgen. Unicredit-Chefökonom Erik Nielsen rechnet im Brexit-Fall mit einer Wirtschaftskrise in Großbritannien.

Der Chefvolkswirt der Unicredit diskutierte mit Kevin O'Brien, Chefredakteur der Handelsblatt Global Edition. Jiri Rezac

Erik Nielsen

Der Chefvolkswirt der Unicredit diskutierte mit Kevin O'Brien, Chefredakteur der Handelsblatt Global Edition.


Erik Nielsen ist optimistisch, dass das Referendum an diesem Donnerstag für den Verbleib Großbritanniens in der EU ausgehen wird. „Die Erfahrung lehrt, dass die Menschen überall im letzten Moment für das stimmen, was sie haben“, sagte der Unicredit-Chefökonom im Gespräch mit Kevin O’Brien, dem Chefredakteur der Handelsblatt Global Edition. Und es sei völlig eindeutig, dass ein Austritt aus der EU den Briten großen Schaden zufügen würde: „Ökonomen sind sich bei keinem Thema einig, außer bei diesem einen: Die britische Wirtschaft würde im Brexit-Fall einbrechen“, sagte er. So viel Einigkeit in seiner Zunft habe er noch nie erlebt.

Nielsen war am Mittwochabend Gast im vorübergehenden Handelsblatt-Domizil „Beagle“ in London, in dem die Redaktion während der Brexit-Woche Quartier bezogen hat und abends zu Diskussionen über das Referendum einlädt. Nielsen nutzt die Bühne für eine klare Warnung: „Der Brexit würde das britische Potenzialwachstum für Jahre auf das Niveau Italiens drücken“, sagte er. Sein Arbeitgeber, die italienische Großbank Unicredit, würde ihre Wachstumsprognose für Großbritannien von 2,1 Prozent auf null setzen , Rezession nicht ausgeschlossen.

Was denkt die Welt über den Brexit?

USA

Die US-Regierung will Großbritannien als elementaren Teil der EU behalten. US-Präsident Barack Obama stellte das bei seinem Besuch im Mai in London unmissverständlich klar. Er deutete auch an, dass ein US-Handelsabkommen mit Großbritannien nicht auf der Prioritätenliste steht. „Wir müssen uns um den großen Block kümmern„, sagte Obama. Damit nahm er eine klare Position ein, schlug aber auch vielen Briten vor den Kopf. Konservative Kreise in den USA freuen sich dagegen im Falle eines Brexits schon auf eine Zusammenarbeit mit einem Premierminister Boris Johnson. Großbritannien könne dann belastende EU-Regulierungen über Bord werfen und hätte seine Grenzen wieder stärker unter Kontrolle, sagte Nile Gardiner von der konservativen Heritage Foundation.

China

Trotz einer Delle beim Wirtschaftswachstum hat die weiter aufstrebende Volksrepublik kein Interesse an einem Brexit. Chinesische Investoren nutzen London als Einfallstor in die EU, dafür schlugen sie in den vergangenen Jahren kontinuierlich Pflöcke ein. So kaufte etwa die staatliche Industrial and Commercial Bank of China erst vor kurzem einen riesigen Goldtresor in London mit einem Fassungsvermögen von 2000 Tonnen auf. Die Kooperation mit Großbritannien ist eng, das britische Finanzministerium gibt als einziges außerhalb Chinas Anleihen in Yuan aus. Ein Ausscheiden Großbritanniens und damit ein möglicher Bedeutungsverlust der Londoner City könnte diese Kooperation langfristig in Frage stellen.

Arabische Länder

Die Scheichs haben Unsummen von Geld in britischen Investments liegen. Sie sind an großen Banken ebenso beteiligt wie an Ölfirmen oder Immobilien. Zur Diskussion stehen Beteiligungen an Großprojekten zur Verbesserung der maroden britischen Infrastruktur, etwa bei Flughäfen oder Schienenverbindungen. Politik spielt dabei keine große Rolle, es geht ausschließlich ums Geld verdienen. Für die Briten ist das Risiko und Chance zugleich. Sollte sich für die Entwicklung der Milliarden-Investments der Araber ein Brexit als günstig herausstellen, könnte noch mehr Geld fließen. Genauso schnell würden sie ihre Petro-Dollars aber wohl verlagern, wäre das Gegenteil der Fall. Andererseits wären etwa Waffendeals der großen britischen Rüstungskonzerne wie Rolls Royce oder BAE ohne EU-Regelwerk einfacher.

Russland

Präsident Wladimir Putin ist der einzige Staatsmann eines größeren Landes, der Großbritannien einen Brexit anrät. Gerätselt wird, wie gut dieser Rat gemeint ist. Beide Staaten verbindet eine Hassliebe. Großbritannien ist wirtschaftlich aufs Engste mit Russland verbunden, wenn nicht auf das Riesenreich angewiesen. Viele Oligarchen halten Unsummen in Londons Banken, repräsentative Immobilien in London sind in russischem Besitz, die Ölkonzerne BP und Rosneft arbeiten eng zusammen. Die Zusammenarbeit könnte in der Tat ohne EU leichter werden, wenngleich eher nicht zum Vorteil der Briten. Andererseits sind die politischen Beziehungen belastet, spätestens seit dem mysteriösen Tod des einstigen russischen Spions Alexander Litvinenko in London.

Japan

Die japanischen Autobauer sind ein enorm wichtiger Wirtschaftsfaktor für Großbritannien. Die britische Autoindustrie hat sich zuletzt stark erholt, ist zum Musterknaben für die beabsichtige britische Kehrtwende zurück zur Industrienation geworden. Nissan ist der mit Abstand größte Autobauer in Großbritannien, auch Toyota und Honda unterhalten große Werke. 57 Prozent der britischen Autoexporte gehen in die EU-Länder. Nissan-Chef Carlos Ghosn hatte bereits vielsagend angedeutet: „Wenn es Änderungen gibt, müssen wir unsere Strategie überdenken.“ Die Drohungen wurden jedoch zuletzt leiser, ein schnelles Deinvestment in Großbritannien steht wohl nicht mehr im Raum.

Der Rest Europas dagegen müsse in dem Fall nur mit kurzen Reaktionen der Finanzmärkte rechnen, denen die Europäische Zentralbank aber mit ihrer Politik des billigen Geldes begegnen könne. Europa werde dann eben ohne die Briten weitermachen: Er rechne nicht damit, dass andere EU-Staaten den Briten folgen würden; schon gar nicht aus der Euro-Zone: „Ein Austritt aus der gemeinsamen Währung wäre für jedes Euro-Land ein Alptraum“, sagte er.

Der 54-jährige Ökonom lebt seit 18 Jahren in London und ist regelmäßig mit international agierenden Unternehmern und Managern im Gespräch. „Außerhalb Großbritanniens versteht niemand die britische Debatte“, sagte er. Er selbst erklärt sich die harsche Ablehnung der EU vieler Briten mit der nicht bewältigten Globalisierung. „Es ist ein reales Problem, dass viele Arbeitnehmer im globalen Wettbewerb ihren Job verloren haben oder sich davor fürchten müssen“, sagte er. Deutschland habe diese Herausforderung vergleichsweise gut bewältigt, Großbritannien aber nicht. „Das ist aber kein Fehler Brüssels, sondern allein das Versagen der britischen Regierungen in den letzten 20 Jahren“, sagte er.


Auch den Vorwurf der Brexit-Befürworter, die EU sei undemokratisch, hält er für überzogen: So gebe es Kritik an der Bestellung von Jean-Claude Juncker zum EU-Kommissionspräsidenten. „Er warf aber der Spitzenkandidat der Fraktion, die bei der Wahl des Europa-Parlaments die meisten Stimmen bekommen hat“, erinnerte er: Dass er Kommissionspräsident wurde, sei also keinesfalls undemokratisch zustande gekommen.

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