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US-Politologe John Mearsheimer

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„Großmächte verhalten sich paranoid, wenn es um ihre Grenzen geht“

Es gilt der Grundsatz der Selbstbestimmung. Warum sollte die Nato Länder ablehnen, die ihren Schutz suchen?
Weil es nicht in ihrem Interesse ist. Wenn jemand sagt, spring von der Brücke, würden Sie dann springen? Natürlich nicht. Es ist nicht in Ihrem Interesse. Die Frage für den Westen sollte nicht sein, was im Interesse Georgiens oder der Ukraine ist, sondern, was im Interesse des Westens ist. Ein Konflikt mit Russland ist es sicher nicht.

Könnte es zum Krieg zwischen Russland und der Nato kommen?
Es ist unwahrscheinlich, aber möglich. Ich studiere die Beziehungen von Großmächten seit 40 Jahren und eine zentrale Erkenntnis ist: Großmächte verhalten sich paranoid, wenn es um ihre Grenzen geht. Wenn die Allianz, die Russland im Kalten Krieg besiegt hat, immer näher an die russische Grenze heranrückt, fühlt Moskau sich bedroht. Angesichts des russischen Nukleararsenals ist dies das Letzte, was wir tun sollten. Ich sehe keinen Grund, die Russen derart zu provozieren.

Die meisten Sicherheitsexperten argumentieren völlig anders: Russland verhalte sich aggressiv. Die Nato müsse dagegenhalten, um es nicht noch weiter zu ermutigen.
Es gibt keine Hinweise darauf, dass sich Russland aggressiv verhalten hat, bevor es in der Ukraine zum pro-westlichen Coup kam. Was Wladimir Putin getan hat, war weitgehend reaktiv. Er reagierte auf den Westen, nicht der Westen auf ihn.

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Sie sind einer der prominentesten Kritiker des außenpolitischen Mainstreams in den USA. Nun gibt es einen Präsidentschaftskandidaten, der einen radikalen Kurswechsel verspricht: Donald Trump. Was halten Sie von seinen Ideen?
Es ist schwer heraufzufinden, was seine außenpolitischen Positionen überhaupt sind. Er widerspricht sich häufig. Wenn man sich seine Reden anhört, werden aber zwei Dinge klar. Erstens, er ist der Ansicht, dass die interventionalistische Politik der USA gescheitert ist, dass die Vereinigten Staaten einen Scherbenhaufen im Nahen Osten hinterlassen haben. Zweitens, er will die Alliierten der USA in Europa und in Asien zwingen, mehr für ihre eigene Sicherheit zu leisten. Für beide Positionen gibt es erheblichen Rückhalt in der amerikanischen Bevölkerung. Sie decken sich sogar in Teilen mit der Politik von Barack Obama. Insgesamt aber bleibt Trump zu vage. Wir wissen nicht einmal, wer seine außenpolitischen Berater sind. Das ist einer der Gründe, warum ich auch glaube, dass er nicht Präsident wird. Wer Präsident werden will, braucht ein klares außenpolitisches Konzept.

Kommentare (17)

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Frau Annette Bollmohr

23.06.2016, 15:23 Uhr

Den Menschen die Freiheit zu geben, über ihre Angelegenheiten selbst zu entscheiden war noch nie eine Gefahr für den Frieden.

Nur Repression war und ist eine.

Beispiele gibt's ja zuhauf.

Lothar dM

23.06.2016, 15:32 Uhr

Mir macht auch mehr Sorgen, wie sich die wirtschaftliche Lage Südeuropas inkl. Frankreich kontinuierlich verschlechtert, ganze Generationen ohne Perspektive dort aufwachsen und dass nur, weil eine kleine Lobby den EUR über das Wohl der Menschen in Europa stellt.

Sollen die Menschen in Europa in Wohlstand leben, muss der EUR sterben oder es wird andersherum laufen.

Frau Annette Bollmohr

23.06.2016, 15:45 Uhr

Da hab' ich ein bisschen arg verkürzt. Außerdem hätte ich schreiben sollen "Den Menschen die Freiheit zu LASSEN, über ihre Angelegenheiten selbst zu entscheiden". Die Bedeutung liegt auf "Ihre" Angelegenheiten, heißt: Ihre eigenen.

Wenn dann keiner mehr Macht als andere auf sich allein vereint (ist, glaube ich, anschaulicher ausgedrückt als einfach zu schreiben "mehr Macht als andere HAT"), können Interessenskonflikte gar nicht erst in Kriege ausarten.

Weil sich dann immer ein Ausgleich finden lässt.

Die allermeisten Menschen sind schließlich nicht nur durchaus sehr vernünftig, sie wollen auch in Ruhe und Frieden leben können. Mit allen anderen.

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