Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

08.07.2016

12:39 Uhr

Verbrauchervertrauen nach dem Brexit

Im freien Fall

VonKatharina Slodczyk

Die Unsicherheit greift um sich: Das Verbrauchervertrauen in Großbritannien ist nach dem Brexit-Votum so tief gefallen wie seit 21 Jahren nicht mehr. Die Mehrheit der Briten erwartet nichts gutes für die Wirtschaft.

Das Verbrauchervertrauen auf der Insel ist so tief gefallen wie zuletzt Ende 1994. dpa

London im Nebel

Das Verbrauchervertrauen auf der Insel ist so tief gefallen wie zuletzt Ende 1994.

LondonDas Brexit-Referendum hat britischen Konsumenten massiv die Stimmung verdorben. Das Verbrauchervertrauen auf der Insel ist so tief gefallen wie zuletzt Ende 1994. Das geht aus einer Umfrage hervor, die das Marktforschungsunternehmen GfK in der Nacht zu Freitag veröffentlicht hat.

Demnach ging der entsprechende Index auf minus neun zurück – nach einem Wert von minus eins im Monat. Das sei ein eindeutiges Zeichen für die tiefe Verunsicherung der Menschen, so Joe Staton von der GfK.
In der Umfrage äußerten sich Gegner eines EU-Austritts Großbritanniens deutlich pessimistischer als die Befürworter eines solches Schritts. Beim Referendum über einen Abschied aus der Staatengemeinschaft vor zwei Wochen hatten 52 Prozent der Briten dafür gestimmt.

Insgesamt erwarten 60 Prozent der von den GfK-Marktforschern befragten Briten, dass sich die Konjunktur in den nächsten zwölf Monaten abschwächt. Im Vormonat lag dieser Anteil noch bei 46 Prozent. Ein Drittel der Befragten rechnet damit, dass die Preise deutlich steigen werden. Im Juni galt das noch für gerade mal 13 Prozent der Befragten.

Erst Brexit, dann doch nicht – Wie könnte das gehen?

Parlamentsentscheid

Wäre rechtlich möglich. Das Ergebnis des Referendums ist kein Gesetz, mehr eine „Empfehlung“. Das britische Unterhaus könnte abstimmen und beschließen, den berüchtigten Austritts-Artikel 50 nicht zu aktivieren. Es ist aber kaum auszudenken, welchen Aufschrei das im Land geben würde. Nicht vergessen: Insgesamt 17 410 742 Briten haben für den Brexit gestimmt.

Neuwahlen

Premierminister David Cameron dankt ab, die Suche nach einem Nachfolger läuft gerade an. Der könnte Neuwahlen ausrufen, schließlich hat vergangenes Jahr das Volk Cameron, nicht ihn – oder sie – ins Amt gewählt. Wenn dann zum Beispiel die Labour-Partei im Programm hätte, dass sie den Exit vom Brexit will, und gewinnen würde, dann könnte man das als demokratisch legitimiert betrachten.

Nochmal abstimmen I

Die Petition für ein zweites Referendum hat inzwischen mehr als vier Millionen Unterschriften gesammelt. Das Argument: Das Ergebnis ist zu knapp, die Wahlbeteiligung zu niedrig. Da aber im Vorhinein keine Regeln für so einen Fall festgelegt wurden, dürfte diese Forderung nichts bringen. Im Gespräch war auch mal, nach einem „No“ mit der aufgeschreckten EU einen neuen Vertrag mit aus britischer Sicht besseren Bedingungen auszuhandeln, und das Referendum dann zu wiederholen. Da hat EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker aber schon gleich den Daumen gesenkt.

Nochmal abstimmen II

Nicht einfach das Referendum wiederholen, sondern so tun, als gehe man, einen Ausstiegs-Deal mit der EU aushandeln und den dann dem Volk zur Abstimmung stellen, das ist die Idee von Jeremy Hunt, dem britischen Gesundheitsminister, der gegen den Brexit war. In seinen Augen hat das Land gegen die Freizügigkeit von EU-Bürgern in ihrer jetzigen Form gestimmt, nicht so sehr gegen die EU insgesamt. Das Echo war verhalten – und es ist kaum denkbar, dass Brüssel und die anderen 27 Staaten das mitmachen würden.

Wieder eintreten

Das ginge schon. Aber allein der Austritt dauert schon mindestens zwei Jahre. Dann kämen neue Verhandlungen, alle anderen Mitgliedstaaten müssten einverstanden sein. Bisher haben die Briten einen Sonderdeal. Dass der wieder auf dem Tisch läge, scheint gerade undenkbar. Für die nächsten paar Jahre hilft diese Perspektive also nicht.

Schotten-Veto

Nicola Sturgeon, Chefin der schottischen Regionalregierung, will den Brexit notfalls mit einem Veto des schottischen Parlaments verhindern – wenn möglich, sagte sie. Da sind sich Experten nicht einig. Grundlage wäre der Scotland Act von 1998, der Kompetenzen des schottischen Regionalparlaments bestimmt. Dort steht zwar, dass auswärtige Angelegenheiten von London geregelt werden, aber auch, dass es Sache Edinburghs sei, EU-Gesetze zu implementieren.

Vor gut 21 Jahren, als das Verbrauchervertrauen der Briten sich ähnlich stark eintrübte, waren es Steuererhöhungen und die Angst um den Arbeitsplatz, die die Stimmung belasteten. Jetzt ist es vor allem die Unsicherheit über das, was nach dem Brexit-Votum folgt.

Denn derzeit ist unklar, wer Noch-Premier David Cameron beerben wird, wann die offiziellen Gespräche mit der EU über einen Austritt beginnen werden und wie die künftigen Beziehungen zwischen London und Brüssel aussehen werden.

Bereits im Vorfeld des Referendums haben zahlreiche Experten, darunter auch die Bank of England gewarnt, dass Großbritannien in eine Rezession stürzten könnte, sollte die Mehrheit der Briten für einen EU-Austritt votieren. In einer Umfrage des Finanzdienstleisters Bloomberg nach dem Votum haben drei Viertel aller befragten Volkswirte angegeben, dass einen deutlichen Abschwung auf der Insel erwarten.

Einzelhändler, die beispielsweise über einen Rückgang ihrer Kundenzahlen klagen, sehen dafür bereits erste Signale – ebenso wie Personalvermittler, bei denen die Zahl der offenen Stellen zurückgeht.

Die OECD hat jüngst die Sorgen, dass diese Entwicklung den Arbeitsmarkt und das Lohnniveau belasten könnte, verstärkt: Das Austrittsvotum könnte die ohnehin schon schwache Erholung der Löhne und Gehälter noch mehr erschweren. Der Ausgang des Referendums schränke zudem die Möglichkeiten des Landes ein, neue Jobs zu schaffen, heißt es im OECD-Beschäftigungsausblick.

Kommentare (31)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Account gelöscht!

08.07.2016, 12:48 Uhr

Was soll den diese zweitklassige EU-Propaganda wieder einmal uns Bürger sagen....das es in der EU besser ist als in Großbritanien?! Das ich nicht lache!

GfK-Verbrauchervertauen....was soll das sein? Die Verbraucher werden tagtäglich das Konsumieren, was sie Brauchen oder was meinen brauchen zu müssen.
Es wird weiter hin Waren und Dienstleistungen in Großbritanien zu kaufen geben.

Aber vielleicht war es ja nur ein Ausrutscher von der GfK und hier wurde nicht das Vertauen der Verbraucher hinterfragt sondern das Vertauen der Bürger in die Politik. Das könnte man dann wirklich mal als glaubhafte Propaganda der EU Bevölkerung verkaufen.

Herr Josef Schmidt

08.07.2016, 12:54 Uhr

Wann hört diese anti UK Propaganda auf ?

Schreibt lieber über die kommende Bankenkrise in Italien und Frankreich und über die schumpfende Exporte im Mai oder das stetig "steigende" Konsumklimaindex in D.

Echt ein Witz diese staatlich verordnete Propaganda. Glaubt ihr die Leute sind wirklich so blöd ?

Herr Percy Stuart

08.07.2016, 12:55 Uhr

Die Wirtschaft ist doch selbst schuld, dass es so kam. Wer seit Jahren ums goldene globale Kalb tanzt, und dies großteils auf dem Rücken der eigenen Mitarbeiter/innen braucht sich über Brexit und zerfallende Gesellschaften nicht mehr zu wundern. Die Wirtschaftlobby und die Politik sollten sich endlich mal klar machen, dass Arbeitnehmer am Ende IMMER am längeren Hebel sitzen. Wenn wir kollektiv nicht mehr weiter mitspielen und die Arbeit niederlegen, dreht sich hier in diesem Land kein einziges Rad mehr. Wenn wir uns nicht mehr länger von den Kapitalmärkten und der globalisierten Wirtschaftslobby erpressen lassen, sind eure Dividenden und Renditen nur noch Geschichte. Wir haben es satt, uns weiterhin als willfähriger Hamster im globalen Hamsterrad für eure Bonzengehälter, Dividenden, Zinsgewinne abzurackern und dabei unsere psychische wie physische Gesundheit aufs Spiel zu setzen und zu ruinieren. Wenn wir euch die rote Karte zeigen, dann ist auch eurer Geschäftsmodell von Ausbeutung und Versklavung am Ende. Immer mehr Menschen wachen auf und leisten Widerstand oder steigen aus. Es wird der Tag kommen, an welchem sich die Menschen erheben werden und auch zum Teufel jagen werden. Wer ständig Wind sät, wird Sturm ernten!

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×