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22.06.2016

17:25 Uhr

Von Zockern und Spekulanten

Wetten auf den Brexit

VonAnke Rezmer, Katrin Terpitz

Wer auf einen Ausstieg der Briten aus der EU setzt, kann damit viel Geld verdienen. Mit welchen Anleihen, stabilen Währungen, Gold und direkten Wetten Investoren Kapital aus einem Brexit schlagen können.

Der Ukip-Parteichef besuchte in London ein Wettbüro von Ladbrokes. Er hat 1000 Pfund auf den Austritt aus der EU gesetzt. action press

Nigel Farage wettet auf den Brexit

Der Ukip-Parteichef besuchte in London ein Wettbüro von Ladbrokes. Er hat 1000 Pfund auf den Austritt aus der EU gesetzt.

LondonDas schummrige Wettbüro von Ladbrokes in einem Londoner Multikulti-Viertel ist zur Mittagszeit gut besucht. Gebannt verfolgen die überwiegend männlichen und farbigen Stammkunden die Wettquoten auf den großen Bildschirmen. Ein Mann schiebt dicke Geldbündel durch den Schalter. Er versucht sein Glück bei der Fußball-EM.

Auch auf den Brexit kann man hier Wetten abschließen. „Im Vergleich sind die Wettsummen aber eher klein“, erzählt der Ladenmanager hinter dickem Sicherheitsglas. „Die meisten, die politische Wetten abschließen, kommen nicht hierher, sondern stimmen im Internet ab.“ Der Trend aber ist überall eindeutig: „Die Mehrheit setzt auf Remain.“

Die Chance auf einen Verbleib Großbritanniens in der EU lagen bei Ladbrokes, der zu den führenden britischen Wettanbieter zählt, am Mittwoch bei 76 Prozent. Die Quote dafür stand bei 1/4 - das heißt: Wer vier Pfund setzt und Recht behält, bekommt ein Pfund Gewinn und seinen Wetteinsatz zurück, also insgesamt fünf Pfund. Wer dagegen auf einen Brexit setzt, kann weit mehr verdienen: Bei einem Pfund Einsatz sind drei Pfund Gewinn drin - aber nur wenn die Briten wirklich für einen Austritt stimmen.

Buchmacher Ladbrokes: „Wird David Cameron eine EU-Krawatte tragen?“

Buchmacher Ladbrokes

„Wird David Cameron eine EU-Krawatte tragen?“

Politische Wetten sind in Großbritannien ein Volkssport – und ein Millionengeschäft. Buchmacher liegen mit ihren Vorhersagen oft besser als Demoskopen. Jessica Bridge vom Wettanbieter Ladbrokes erklärt, warum.

Insgesamt sehen die britischen Buchmacher die Brexit-Gegner wieder deutlich in der Überzahl. „Am Donnerstag noch waren die Chancen auf einen Brexit auf 40 Prozent gestiegen, jetzt liegen sie wieder bei 24 Prozent“, sagt Wettexpertin Jessica Bridge von Ladbrokes. Der Mord an der Labour-Abgeordneten und EU-Befürworterin Jo Cox hat die Stimmung wieder in Richtung Verbleib gedreht.

Das EU-Referendum ist die größte politische Wette der britischen Geschichte. Die Buchmacher lagen bei den letzten politischen Entscheidungen meist goldrichtig - während sich viele Meinungsforscher blamierten. Denn letztere befragen nur eine relativ kleine Gruppe, die offenbar nicht immer repräsentativ ist. Bei den Wettquoten, die sich zudem meist in Echtzeit verfolgen lassen, geht es ums private Geld – da wettet man auch mal, dass der geliebte Fußballclub verliert. Realismus schlägt Hoffnungsdenken.

Die wichtigsten Personen in der Brexit-Debatte

David Cameron

Der britische Premierminister spielt mit dem Feuer. Die Idee eines Referendum brachte er ins Spiel, um seine Gegner und EU-Kritiker in der konservativen Partei ruhigzustellen. Bewusst definierte der 49-Jährige den Zeitraum anfangs eher vage, spätestens bis Ende 2017 solle abgestimmt werden, kündigte er vor der Parlamentswahl im Mai 2015 an. Öffentlich gab sich Cameron zunächst sehr EU-kritisch, forderte die Gemeinschaft zu Reformen auf.

Beim EU-Gipfel im Februar verkündete er einen Durchbruch. Vor allem beim Thema EU-Einwanderer habe er sich durchgesetzt. Über Nacht wurde Cameron zum EU-Fan. Ein Austritt würde die Wirtschaft und Sicherheit des Landes gefährden, sagt er nun. Zugleich drückt er aufs Tempo und legte als Termin für das Referendum den 23. Juni fest: Er fürchtet, eine erneute europäische Flüchtlingskrise oder neue Euro-Turbulenzen könnten Wasser auf den Mühlen seiner Gegner sein. Insider meinen, falls der Brexit kommt, bleibe Cameron nur der Rücktritt.

Boris Johnson

Der frühere Londoner Bürgermeister hat sich erfolgreich als Galionsfigur der Austrittsbefürworter etabliert – und ist zum direkten Gegenspieler Camerons avanciert. Der rhetorisch begabte Populist, der am 19. Juni – kurz vor dem Referendum – seinen 52. Geburtstag feiern kann, ist ein Freund verbaler Zuspitzung und Provokationen. Jüngstes Beispiel ist seine Behauptung, die EU wolle den Superstaat – wie einst Napoleon und Hitler. Dafür erntete er zwar reichlich Kritik, doch der Mann mit den markanten weiß-blonden Haaren ist bei den Briten populär. Einer jüngsten Umfrage zufolge halten ihn viele Briten sogar für glaubwürdiger als Cameron.

Brexit-Warnungen internationaler Organisationen wie etwa des Internationalen Währungsfonds (IWF) hält er für reine Angstmache. Ein EU-Austritt würde dem Londoner Parlament endlich Souveränität zurückgeben. Außerdem würden Mega-Zahlungen an Brüssel wegfallen. Doch Beobachter in London meinen, letztlich gehe es Johnson darum, Cameron zu beerben. Sollte das Austritts-Lager gewinnen, steigen seine Karriere-Chancen beträchtlich. Doch auch wenn es scheitern sollte, könnte Johnson gewinnen: Cameron könnte dann seinen Gegnern „Brücken bauen“ – und Johnson ins Kabinett holen.

Nicola Sturgeon

Die 45 Jahre alte schottische Regierungschefin hat vor allem ein Ziel – Unabhängigkeit von London. Im vergangenen Jahr ist sie damit bei einem Referendum knapp gescheitert. Doch die Schotten sind zugleich mehrheitlich EU-Fans. Sollte London die EU tatsächlich verlassen, würde das den schottischen Unabhängigkeitsbestrebungen erheblich Auftrieb verleihen. Für diesen Fall spekuliert Sturgeon mit einem zweiten Unabhängigkeitsvotum.

Jeremy Corbyn

Ein waschechter EU-Fan ist auch der 67 Jahre alte linke Labour-Chef nicht. In der Vergangenheit reihte er sich eher unter den Gemeinschafts-Skeptikern ein. Auch jetzt spricht er von Mängeln und Schwächen der Union. Doch es gebe keine Alternative: Man könne die EU nur reformieren und verbessern, wenn man dabei sei. Daher kämpft Corbyn jetzt für den Verbleib. Doch er ist angeschlagen, jüngst musste Labour bei Regional- und Kommunalwahlen Schlappen einstecken.

Nigel Farage

Der Chef der rechtspopulistischen Ukip-Partei gilt vielen als „Mr. Brexit“, ein Austrittskämpfer der ersten Stunde. Zunächst war er bei den Konservativen, doch als London 1992 dem Maastricht-Vertrag beitrat, verließ er die Partei und gründete Ukip. EU und Immigration sind die Leib- und Magenthemen des begabten Rhetorikers, der ebenfalls keine Spitze scheut.

Gegner werfen dem 52-Jährigen vor, er spiele mit der Angst. Bei der Parlamentswahl im Mai 2015 gewann die Partei zwar hinzu – wegen des Mehrheitswahlrechts brachte sie aber nur einen Abgeordneten ins Parlament. Farage ist stets für eine Überraschung gut, jüngst brachte er etwa die Idee eines zweiten Referendums ins Spiel – falls die EU-Befürworter am 23. Juni knapp gewinnen sollten.  

So lagen die Demoskopen beim Schottland-Referendum 2014 voll daneben, als sie eine Abspaltung vorhersagten – anders als die Buchmacher. Auch bei den Unterhauswahlen im Mai 2015 blamierten sich die Meinungsforscher, indem einige Labour-Kandidat Ed Miliband zum Sieger erklärten.

Die Zocker bei den Buchmachern dagegen glaubten: David Cameron bleibt in der Downing Street wohnen – und behielten Recht. „Meinungsforscher schauen nur auf eine Momentaufnahme. Aber Menschen ändern ihre Meinung, da spiegeln die Wettquoten ein viel konsistenteres Meinungsbild wider“, erklärt Bridge von Ladbrokes.

„Im Informationszeitalter sind die Wettmärkte zu sehr zuverlässigen Propheten geworden“, urteilt Leighton Vaughan Williams, Professor am Betting Research Institute an der Nottingham Business School. Er glaubt an die Weisheit der Vielen. „Wenn Meinungsforscher und Buchmacher das Gegenteil sagen – dann sollte man immer auf die Buchmacher hören.“

Kommentare (3)

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Baron v. Fink

22.06.2016, 17:47 Uhr

Viel zu schwierig, einfach auf das fallende Pfund setzen, bleiben die Briten drinn ist es egal, gehen die raus gibt es den Reibach.

Herr hartmut braune

22.06.2016, 18:08 Uhr

............was soll denn das ganze Speckulieren.......wer ein bischen von Psychologie gehört und verstanden hat.....kann doch davon ausgehen, daß die Briten drinbleiben werden.....wissen sie doch, dass der Laden Europa eine gewisse Stabilität....Strahlkraft...und auch Anziehungskraft in Form von Wirtschaftspotenzial besitzt....im Konzert der großen Märkte.....und man nicht so einfach einen eigenen Weg gehen möchte und wird......also... es wird sich nix (nichts) ändern....

Herr Zeno Heilmann

22.06.2016, 18:17 Uhr

Nach meinem Verständnis der Sachlage werden die Quoten der Buchmacher im Sekundentakt dem Wettverhalten der Kunden angepasst. Wenn zu Beginn 1 Million Euro auf Remain und 100000 Euro auf Brexit gesetzt werden, so wird die Quote bei <10 zu 1 angesetzt. Von dort an wird sie dynamisch angepasst. Auf diese Weise verdient der Wettanbieter seine Marge und verliert in keinem Fall Geld. So gesehen repräsentieren die Quoten der Buchmacher eine Art Schwarmintelligenz des Geldes. Würde heute jemand 1 Milliarde Euro auf Brexit setzen würden die "Vorhersagen der Buchmacher" sich automatisch zu dessen Gunsten wenden. Anders als bei den meisten Fußballspielen sind Brexit Gegner und Befürworter nicht gleichermaßen mit Geld ausgestattet, zudem steht viel mehr auf dem Spiel, weshalb ich die Quoten der Buchmacher bei dieser Abstimmung nicht überbewerten würde.

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