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19.06.2016

08:55 Uhr

Vor der Brexit-Abstimmung

Independence Day – oder: Der Tag, an dem die EU (beinahe) untergeht

VonCarsten Herz

Bleiben oder gehen? Darüber entscheiden die Briten am 23. Juni. Der Brexit würde London und die EU ins Mark treffen. Ein nicht ganz ernst gemeintes Szenario, wie der Tag danach im Fall eines Leave-Votums ablaufen wird.

Am 24. Juni ist es klar: Wollen die Briten in der EU bleiben oder nicht?

London

Am 24. Juni ist es klar: Wollen die Briten in der EU bleiben oder nicht?

LondonLondon, in der Nacht vom 23. auf den 24. Juni. Die Briten haben über den Verbleib in der EU abgestimmt. Das Ergebnis ist eindeutig: Sie wollen raus. Doch was passiert dann? Unser London-Korrespondent Carsten Herz hat sich Gedanken gemacht. Herausgekommen ist ein Protokoll für den Tag danach. Achtung - nicht ganz ernst gemeint.

1.21 Uhr: Es dringt noch kein Sonnenlicht durch die Fenster von Downing Street No. 10, als Pressechefin Helen Bower dem britischen Premierminister David Cameron einen kleinen Zettel in sein Arbeitszimmer reicht. Das sonst zur Rötlichkeit neigende Gesicht von Cameron verliert schlagartig an Farbe, nachdem der Premier einen Blick darauf geworfen hat. Die dunkle Ahnung des Tory-Spitzenpolitikers wird allmählich zur konkreten Gewissheit: Die Brexit-Befürworter liegen gut drei Stunden nach Schließung der Wahllokale bei den Prognosen der Meinungsforschungsinstitute in Führung. Langsam zieht Cameron die untere Schublade seines Schreibtisches auf, wo er einen 20 Jahre alten Malt-Whisky für Notfälle deponiert hat. Wenige Minuten später ist er auf dem Weg ins Bett. Er weiß, dass ein langer und schwieriger Tag vor ihm liegt.
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Kontra Brexit

Handel

Für EU-Freunde ist die Wirtschaft klar das größte Plus der Union. Drei Millionen Arbeitsplätze hingen am Handel mit der EU, heißt es bei der Kampagne „Britain stronger in Europe“. Dazu kämen täglich Investitionen in Millionenhöhe. Für jedes Pfund, das London nach Brüssel gebe, kämen so beinahe 10 Pfund zurück. Ein Brexit könne etwa Reisen und Lebensmittel deutlich teurer machen.

Arbeitsrechte

Mutterschutz, Urlaubstage und mehr – die EU garantiert Arbeitnehmern manches, was sonst vielleicht zur Debatte stünde. Ein wichtiges Argument vor allem für die sozialdemokratische Labour-Partei.

Außenpolitik

Eine Gemeinschaft aus 28 Staaten hat mehr Gewicht als ein einzelnes Land. Unter anderem wollen die USA, dass die Briten in der EU bleiben – und die Beziehung zu Washington ist für London traditionell besonders wichtig.

Sicherheit

Auch der Kampf gegen den Terror sei in der EU effektiver, sagen viele – sowohl direkt in Syrien als auch zu Hause. Die Geheimdienste MI5 und MI6 sind dafür, in der Staatengemeinschaft zu bleiben. So können sich die Sicherheitsdienste und Polizeibehörden einfacher austauschen.

3.45 Uhr: Im Finanzdistrikt der Londoner City und Canary Wharf brennt in den Hochhaustürmen der Banken schon auf vielen Etagen das Licht. Viele Händler sitzen mit noch leicht geröteten Augen vor den Terminals und tun das, was getan werden muss: Sie bereinigen großflächig ihre Positionen. Der Pfund-Kurs rauscht im frühen Handel um mehr als 15 Prozent in die Tiefe, Gold und US-Dollar haussieren dagegen. Von Ferne weht durch die Fenster das laute Feiern der Brexit-Befürworter, die durch die Straßen ziehen und immer wieder den David-Hasselhoff-Song „I am looking for freedom“ anstimmen.
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Pro Brexit

Kontrolle über die Grenzen

Immigration ist mit Abstand das wichtigste Argument der EU-Gegner. Zwar gehören die Briten nicht zum halbwegs grenzenlosen Schengen-Raum, aber EU-Bürgern dürfen sie die Einreise und das Arbeiten nicht verweigern. Vor allem Einwanderer aus Osteuropa, die angeblich wegen der Sozialleistungen kommen, sind bei manchen Briten nicht gut angesehen.

Kosten

Die Kampagne „Vote Leave“ hat errechnet, dass die EU das Land 350 Millionen Pfund pro Woche koste – mehr als 450 Millionen Euro. Und bis 2020 soll es noch viel teurer werden.

Eigene Gesetze

Was aus Brüssel kommt, sehen viele Briten traditionell kritisch. Erst recht, wenn es um Regulierung, Standards und Gesetze geht. EU-Gegner wollen, dass London wieder alles selbst entscheidet – von Baurichtlinien bis zum Arbeitsmarkt.

Handel

Zwar erarbeitet die EU Freihandelsabkommen mit den USA und Kanada – aber eigene Abkommen etwa mit China und Indien seien für das jeweilige EU-Mitglied nicht machbar, kritisieren Brexit-Fürsprecher.

4.10 Uhr: Cameron ist inzwischen wieder aufgestanden und arbeitet mit seinem Stab an einer ersten politischen Stellungnahme. Seine Frau Samantha, die noch im Pyjama im Bett bleibt, sondiert auf dem britischen Immobilienportal Zoopla.co.uk währenddessen bereits die Preise für gehobene Wohnlagen in den feinen Londoner Stadtteilen Kensington und Chelsea.
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5.45 Uhr: Die Meinungsforschungsinstitute sind sich inzwischen sicher. Mit einer knappen, aber stabilen Mehrheit erklären sie einheitlich die Leave-Kampagne der Brexit-Freunde zum Gewinner des historischen Referendums. Der Chef des britischen YouGov-Meinungsforschungsinstituts Stephan Shakespeare sagt der BBC, rein rechnerisch könne das Remain-Lager – auch wenn die Briefwahlergebnisse noch nicht feststehen – kaum mehr gewinnen. Ein sichtlich gelöster Boris Johnson, der wichtigste Wortführer der Brexit-Anhänger, der Wert auf seine humanistische Bildung legt, gibt wenige Minuten später im TV den für viele Briten etwas rätselhaft wirkenden Kommentar: „alea iacta est“ („Würfel sind gefallen“) und steckt sich anschließend einen Lorbeerkranz ins zerstrubbelte Haar.
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Noch immer haben viele Briten den Untergang ihres Weltreichs nicht verkraftet: Sie glauben, das Land könne ohne die EU zu alter Größe zurückfinden. Doch einen Alleingang kann es sich weder politisch noch wirtschaftlich leisten.

6.20 Uhr: In Brüssel beruft Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker eine frühe Telefonkonferenz mit EU-Ratschef Donald Tusk, EU-Parlamentschef Martin Schulz und dem amtierenden Ratsvorsitzenden Mark Rutte aus den Niederlanden ein, um das weitere Vorgehen zu besprechen. Juncker wirkt bei dem Treffen tief verstört. In Anlehnung an das berühmte EU-Zitat von Margaret Thatcher „I want my money back“ unterbricht der Luxemburger die Unterredung mehrfach mit dem lauten Stoßseufzer: „I want my Great Britain back“.
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