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24.06.2016

15:37 Uhr

Wirtschaftsstimmen zum Brexit

Schock, Schmerzen und Sorgen

VonThomas Tuma, Kirsten Ludowig

Nach dem Sieg der EU-Skeptiker auf der Insel ist die Stimmung unter Deutschlands Top-Managern gedrückt. Der Brexit schwächt die Wirtschaft Großbritanniens und Europas, da sind sich alle einig. Was wird aus der EU?

Kapitalmarktexperte zum Brexit-Votum

„Das ist es noch nicht gewesen“

Kapitalmarktexperte zum Brexit-Votum: „Das ist es noch nicht gewesen“

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LondonDie Briten wollen raus aus der Europäischen Union – und Deutschlands Top-Manager sind besorgt. Folgen nun weitere EU-Länder dem Beispiel Großbritanniens und treten aus der Staatengemeinschaft aus? Ausgeschlossen ist das nicht, befürchten prominente Wirtschaftslenker. Zwar lässt sich noch nicht viel über die Folgen des Leave-Votums für die Wirtschaft sagen. Vieles hängt davon ab, auf welche Bedingungen für den Ausstieg sich die Briten mit der EU verständigen. Klar aber ist: Es ist ein historischer Einschnitt, der die Europäische Union schwächt.

Allianz-Chef Oliver Bäte war einer der ersten, die am Morgen nach dem Brexit-Schock ihre Sprache wiederfanden: „Das ist mehr als ein Weckruf“, twitterte er. „Die EU muss sich nun schneller reformieren. Sonst wird das ein schwarzer Tag für Europa.“ Anders als die Aktien-und Währungsmärkte, die sofort und weltweit mit teils drastischen Kursstürzen auf den Abschied der Briten aus der EU reagierten, wirkten viele internationale Konzerne zunächst wie paralysiert.

„Jeder für sich“, das entspreche nicht der Gründungsidee der Europäischen Union, ist Elmar Degenhart überzeugt. Für den Chef des Automobilzulieferers Continental wiegt „der Zweifel an der europäischen Idee“ besonders schwer. „Gerade in diesen Tagen erleben wir, wie schwer es fällt, Frieden, Freiheit und Wohlstand zu verteidigen“, sagte der Top-Manager dem Handelsblatt. „Es scheint, als würden die ursprünglichen, gemeinsamen Absichten der EU-Mitglieder zunehmend in Vergessenheit geraten. Wir dürfen das nicht zulassen!“

Der Fahrplan nach dem Brexit-Votum

Freitag, 24. Juni

- Brüssel: Die Fraktionsvorsitzenden im Europaparlament tagen (08.00 Uhr).

- Brüssel: Parlamentspräsident Martin Schulz (SPD) gibt eine Erklärung ab (09.30 Uhr).

- Brüssel: Spitzentreffen von EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker, Ratspräsident Donald Tusk, Parlamentspräsident Schulz sowie dem niederländischen

- Regierungschef Mark Rutte, dessen Land derzeit den EU-Vorsitz innehat (10.30 Uhr).

- Luxemburg: Treffen sozialdemokratischer Außenminister der EU, darunter Frank-Walter Steinmeier und sein französischer Kollege Jean-Marc Ayrault (11.30 Uhr).

- Luxemburg: Rat für allgemeine EU-Angelegenheiten, der den EU-Gipfel in der kommenden Woche vorbereitet (14.30 Uhr).

Samstag, 25. Juni

- In Berlin beraten die Außenminister der EU-Gründerstaaten über die Lage (Deutschland, Frankreich, Luxemburg, Belgien, Niederlande und Italien)

Montag, 27. Juni

- Brüssel: Sitzung der EU-Kommission

- Brüssel: Mögliche Sondersitzung des Europaparlaments (oder Dienstag)

Dienstag, 28. Juni

- Brüssel: Die EU-Staats- und Regierungschefs kommen zu einem zweitägigen Gipfel zusammen

„Ich bin schockiert, dass sich die britischen Wähler entschieden haben, die EU zu verlassen“, gibt Peter Terium, Chef des Energiekonzerns RWE, offen zu. Mit dem Votum stehe das gesamte europäische Projekt in Frage, das 70 Jahre lang für Frieden und wachsenden Wohlstand gesorgt habe. Von einem solchen Schritt gehe das Signal aus, dass die Europäer untereinander uneins seien. „Damit schwindet ihr politischer Einfluss auf den Rest der Welt in Sicherheitsfragen, in grundlegenden Fragen der wirtschaftlichen Zusammenarbeit und des Klimaschutzes.“

Der Europäische Wirtschaftsverband Businesseurope warnte davor, dass der bevorstehende Austritt Großbritanniens die Wirtschaft dauerhaft belasten könnte. „Der Brexit birgt Faktoren von Unsicherheit“, erklärte Verbandschefin Emma Marcegaglia. Die politische EU-Führung müsse nun ein ganz starkes Signal ausgeben: „für den Binnenmarkt, für die gemeinsame Handelspolitik und für den Euro.“ Nötig seien außerdem „kluge Lösungen für einen geordneten britischen Ausstiegsprozess“. Die EU müsse „kühlen Kopf bewahren“, forderte die Präsidentin des Verbandes, dem auch der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) angehört.

Andere wurden deutlicher: „Dieses Ergebnis kennt nur Verlierer: Großbritannien wie Europa“, sagte Tom Enders, Vorstandschef der Airbus Group. Er glaubt zwar, dass die Briten „leiden werden“, zeigte sich aber auch zuversichtlich, dass sich das Land nun sogar noch mehr auf den Wettbewerb ihrer Ökonomie mit der EU und dem Rest der Welt fokussieren würde. Zugleich machte Enders klar: „Auch wir werden unsere Investmentstrategie für Großbritannien überprüfen... wie jeder andere das auch tun wird.“

Was das bedeutet, ließ sich am Freitag noch nicht abschätzen. Anders als Börsen und Banken haben Unternehmen und Branchen weltweit nun einen längeren Zeitraum vor sich, um sich sortieren zu können. Allein die Scheidungsverhandlungen mit Brüssel werden bis 2018 dauern. Was der Brexit für jede Firma bedeuten wird, muss sich zeigen. Wo immer es konkret wird, regiert indes bislang skeptischer Optimismus. So sprach Karen Hækkerup, Chefin der Vereinigung des dänischen Lebensmittelproduzenten von großer Unsicherheit für viele dänische Unternehmen. Als größter Schweinefleischproduzent Europas habe man enge wirtschaftliche Verbindungen mit Großbritannien. „Wir wissen, dass die Briten unseren Bacon lieben, und wir werden ihn natürlich weiterhin nach Großbritannien liefern“.

Pragmatismus hat Priorität: „Obwohl Shell einen Verbleib in der Europäischen Union bevorzugt hätte, respektieren wir die Entscheidung einer Mehrheit des britischen Volkes, welche sich für einen Austritt entschieden haben“, sagte ein Sprecher des Ölkonzerns am Freitag in London. Shells erste Priorität sei es, seine Kunden in Europa und Großbritannien zuverlässig mit bezahlbarer Energie zu versorgen. Das britisch-niederländische Unternehmen mit Sitz in London ist einer der größten Konzerne auf der Insel.

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