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30.05.2017

01:30 Uhr

Großbritannien vor der Wahl

Das ungleiche Fernduell

VonKatharina Slodczyk

Großbritanniens Premierministerin Theresa May wollte kein TV-Duell mit Labour-Chef Jeremy Corbyn. Doch es half nichts: In einer getrennten TV-Befragung übertraf Corbyn die Erwartungen, May gab sich dagegen erneut vage.

Ungewöhnliches TV-Duell

So kämpfen May und Corbyn um Wählerstimmen

Ungewöhnliches TV-Duell: So kämpfen May und Corbyn um Wählerstimmen

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LondonIrgendwann lacht das Publikum im Fernsehstudio sie einfach nur aus. Großbritanniens Premierministerin Theresa May weicht erneut einer Frage aus und versucht stattdessen, die oppositionelle Labour-Partei anzugreifen: Deren Zahlen im Wahlprogramm würden einfach nicht aufgehen und keinen Sinn ergeben, sagt sie. Ein Zwischenrufer aus dem Publikum unterbricht sie: „Sie haben in Ihrem Wahlprogramm gar keine Zahlen.“ Daraufhin bricht lautes Gelächter aus. Die Premierministerin schaut verdattert.

Spätestens an diesem Punkt in der Fernsehübertragung ist klar: Es läuft nicht gut für Theresa May an diesem Montagabend – eineinhalb Wochen vor der Wahl. Bereits in den Tagen zuvor hat sie in Umfragen ihren einst komfortablen Vorsprung vor Labour-Chef Jeremy Corbyn eingebüßt. Dieser ist von mehr als 20 auf fünf Prozentpunkte zusammengeschmolzen. Deshalb muss sie diesen Fernsehauftritt nutzen, um wieder in die Offensive zu gehen. Doch das misslingt.

Darum will May im Juni wählen lassen

Rückenwind für EU-Verhandlungen

Die Premierministerin steht mit ihrem Mantra „Brexit heißt Brexit“ inzwischen für den EU-Austritt. Die Verhandlungen werden zäh und kompliziert werden, und es gilt als sicher, dass sie Großbritannien erst einmal einiges kosten werden - May will sich beim Volk ein Mandat dafür holen und die Stimmen der Kritiker im Parlament dämpfen.

Komfortable Mehrheit

Die konservativen Tories regieren allein, haben aber nur eine Mehrheit von 17 Stimmen. Wie schon ihr Vorgänger David Cameron hat May mit „Rebellen“ in den eigenen Reihen zu kämpfen, vor allem den ultra-konservativen Hardlinern. Eine größere Mehrheit würde Gruppierungen innerhalb der Tories-Fraktion schwächen.

Gegner am Boden

Labour, die große Oppositionspartei, ist in desolatem Zustand - spätestens, seit die sozialdemokratische Basis den Parteilinken Jeremy Corbyn gegen den Willen seiner Fraktion an die Spitze gewählt hat. Nicht mal jeder sechste Brite traut ihm das Amt des Premiers zu, alles sieht nach einem klarem Sieg für May aus.

Eigenes Mandat

Nicht May hat die jüngste Wahl gewonnen, sondern David Cameron. Nach dem Brexit-Referendum ging sie aus einem ziemlich unschönen Machtkampf als seine Nachfolgerin hervor. An ihrer Machtstellung zweifelt zwar niemand - trotzdem würde ein Wahlsieg ihre Position noch einmal stärken.

Besser jetzt als später

Wer weiß, was 2020 ist? Bis dahin könnte Labour einen neuen Chef haben und sich berappeln, die britische Wirtschaft könnte nach dem Brexit straucheln, die Stimmung im Land könnte gekippt sein. Wenn am 8. Juni gewählt wird, haben Mays Tories die Macht bis 2022.

May wirkt erneut eher hölzern, teilweise unehrlich und vage – im Gegensatz zu Corbyn. So kommentiert der einstige BBC-Starjournalist Robert Peston am Ende über den Kurznachrichtendienst Twitter: „Ich glaube, jeder – mich eingeschlossen – hat die verführerische Kraft von Corbyns erstaunlich gutem Humor unterschätzt.“ Von May habe man dagegen nichts, aber auch gar nichts Neues dazugelernt.

Der Fernsehsender Sky hat beide Politiker an diesem Abend getrennt voneinander interviewt und von einem Studiopublikum befragen lassen. Auf ein echtes Duell wollte sich May nicht einlassen. Eine Münze entschied über die Reihenfolge: Corbyn ist zuerst dran, dann erst kommt die Premierministerin an die Reihe.

Der erste Teil des britischen Duells: Labour-Chef Jeremy Corbyn beantwortet bei der TV-Sendung Fragen des Studiopublikums. Reuters

Jeremy Corbyn

Der erste Teil des britischen Duells: Labour-Chef Jeremy Corbyn beantwortet bei der TV-Sendung Fragen des Studiopublikums.

Corbyn erscheint ruhig und konzentriert, er geht auf die Fragen aus dem Publikum ein – darauf, dass er angeblich mit der irischen Terrorgruppe IRA sympathisiert haben soll. Nein, wehrt er entschieden ab, er habe sich stets nur für einen Dialog mit den IRA-Mitgliedern eingesetzt, um ein Friedensabkommen zu erreichen.

Auch mit Kritik an seiner Person setzt sich Corbyn auseinander, etwa den angeblich fehlenden Führungsqualitäten, die einer der Zuschauer anprangert: Zu Führungsqualitäten gehöre auch die Fähigkeit zuzuhören und nicht nur anderen zu sagen, was zu tun sei, antwortet Corbyn. Das quittieren die Zuschauer mit Applaus.

Ähnlich reagieren sie auch bei anderen Antworten – auch wenn sie weniger konkret ausfallen als erhofft. So will ein Zuschauer wissen, ob Corbyn ähnlich wie Theresa May eine konkrete Zahl nennen könnte, wie hoch denn künftig die Nettoeinwanderung ausfallen werde. Nein, man werde die Einwanderung steuern und sie werde wahrscheinlich sinken, aber auf eine konkrete Zahl könne er sich nicht festlegen.

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Das Wahlprogramm der britischen Labour-Partei ist durchgesickert: Es enthält eine Liste radikaler Ideen, die so links ausfallen wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Kritiker sprechen von einem teuren Wünsch-Dir-Was-Programm.

Auch später beim Gespräch mit dem legendären Interviewer Jeremy Paxman, der für seine kritischen Fragen bekannt ist, schlägt sich Corbyn besser als gedacht und bringt die Zuschauer immer wieder zum Lachen – etwa bei dieser Frage: Warum denn seine Überzeugung, man müsse die Monarchie abschaffen, sich nicht im Wahlprogramm seiner Partei finde? „Es steht da nicht drin, weil wir dies nicht tun werden“, sagt Corbyn und fügt an: „Ich hatte übrigens mal eine sehr nette Unterhaltung mit der Queen.“

Paxman versucht Corbyn immer wieder zu unterbrechen, sobald dieser Luft holt. Doch der Labour-Chef lässt sich nicht aus der Ruhe bringen. Geduldig versucht er immer wieder die Fragen zu beantworten. Paxmans Angriffe gehen meist ins Leere.

Kommentare (1)

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Herr jürgen Beck

30.05.2017, 10:44 Uhr

Konservativ erbärmlich für die Demokratie nicht mit dem politischen Gegner sprechen zu wollen.

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