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09.06.2017

13:12 Uhr

Großbritannien-Wahl

Theresa May kämpft um ihr politisches Überleben

VonKerstin Leitel, Katharina Slodczyk

Theresa May zahlt einen hohen Preis für die vorgezogene Unterhauswahl. Ein stärkeres Mandat hat sie verfehlt, stattdessen muss sie um eine Minderheitsregierung ringen. Desaströse Fehler könnten sie ihre Position kosten.

Wahl in Großbritannien

Desaströse Nacht für May – kommt nun die Koalition?

Wahl in Großbritannien: Desaströse Nacht für May – kommt nun die Koalition?

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LondonDer Versuch der britischen Premierministerin Theresa May, ihre Mehrheit im Unterhaus auszubauen, ist gründlich schiefgegangen. Ihre Zeit in der Downing Street könnte bald vorbei sein. Es gibt Rücktrittsforderungen – sogar aus ihrer eigenen Partei. May will es aber zunächst mit einer Koalitionsregierung mit den Protestanten der nordirischen Democratic Unionist Party (DUP) versuchen.

Ein verkniffenes Lächeln, gefolgt von einer knappen Stellungnahme: „Das Land braucht eine Periode der Stabilität. Und wie auch immer die Wahl ausgeht, die konservative Partei wird sicherstellen, dass wir unsere Pflicht erfüllen und für Stabilität sorgen.“ Mit diesen Worten reagierte Großbritanniens Premierministerin in der Nacht auf Freitag auf die sich abzeichnende Pleite.

Das sagen Börsianer und Ökonomen zur Wahl

Dennis Snower, Präsident Institut für Weltwirtschaft

„Der Wahlausgang ist auch ein Votum gegen den harten Brexit, den May lautstark propagierte, der aber nie Gegenstand des ursprünglichen Brexit-Votums war und über dessen Gewinne und Verluste May die Bevölkerung im unklaren lies. Wer auch immer Premierminister wird, sollte das britische Volk ein zweites Mal über den Brexit abstimmen lassen, wenn alle Details verhandelt und die konkreten Folgen abschätzbar sind.“

Martin Wansleben, DIHK-Hauptgeschäftsführer

„Durch die unklaren Mehrheitsverhältnisse nach den Wahlen in UK steigt die Unsicherheit für die deutsche Wirtschaft. Der Fahrplan für die Brexit-Verhandlungen ist nun Makulatur. Trotzdem sollte die Zukunft der EU-Bürger in UK einer der ersten Verhandlungspunkte sein. Unsere deutschen Unternehmen brauchen eine schnelle Einigung auf den künftigen Status der in Deutschland lebenden Briten und der in UK lebenden EU-Bürger. “

Michael Hewson, Anlagestratege CMC Markets

„Was dies für die Brexit-Verhandlungen bedeutet, lässt sich schwer abschätzen. Da aber die Schottische Nationalpartei und die Liberaldemokraten im Binnenmarkt bleiben wollen, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass es gar nicht zum Brexit kommt.“

Marcel Fratzscher, DIW-Chef

„Die Überraschung der britischen Wahlen hat Premierministerin Theresa Mays Hand in den Brexit-Verhandlungen deutlich geschwächt. Die Verluste für Theresa May sind auch eine Absage an ihre harte Haltung in den Brexit-Verhandlungen. Die Wahlen haben das Land weiter gespalten und bedeuten viel verlorene Zeit in den Brexit-Verhandlungen. (...) Großbritannien wird einen hohen wirtschaftlichen Preis für die Brexit-Entscheidung zahlen, welcher sich durch die Wahlen weiter vergrößern wird.“

Ulrich Stephan, Chef-Anlagestratege Deutsche Bank

„Theresa Mays Plan ist nicht aufgegangen: Bei hoher Beteiligung versagten ihr die britischen Wähler eine stärkere Rückendeckung für ihren harten Brexit-Kurs. Nun steht die Konservative womöglich ohne eigene Mehrheit da – wenige Tage, bevor die EU-Austrittsverhandlungen starten.“

Ric Spooner, Chef-Analyst vom Broker CMC Markets

„Zu diesem Zeitpunkt ist es völlig unklar, welche Auswirkungen das Wahlergebnis auf die Brexit-Verhandlungen haben wird. Viel wird davon abhängen, wer der neue Premierminister sein wird. Eine geringere Mehrheit der Konservativen könnte den Brexit-Hardlinern innerhalb der Regierung ein größeres Gewicht geben. Bei einer Koalitions-Regierung könnte das Gegenteil der Fall sein, das würde ein stärkeres Gewicht für moderate, globalisierungsbefürwortende Kräfte bedeuten.“

Wenige Stunden später war klar: Die britischen Wähler haben dem Land den zweiten Schock innerhalb von noch nicht einmal einem Jahr beschert. Im Sommer vergangenen Jahres stimmten sie mehrheitlich für die Scheidung von der EU. Jetzt durchkreuzten sie Mays Pläne und bescherten ihr eine krachende Niederlage. Eigentlich wollte May die Mehrheit ihrer konservativen Partei im Unterhaus ausbauen. Doch nach einer Reihe desaströser Fehler im Wahlkampf haben die Tories ihre absolute Mehrheit verloren. Sie kommen jetzt auf 317 Sitze – vor der Neuwahl hatten sie 330.

Angesichts dieser unklaren Mehrheitsverhältnisse, einem „hung parliament“, wie es auf der Insel heißt, will May jetzt offenbar eine Koalitionsregierung formen – mit Hilfe der nordirischen Protestanten der Democratic Unionist Party (DUP), berichteten britische Medien mit Bezug auf Mays Umfeld.

Die Unsicherheit, die der Ausgang der Wahlen ausgelöst hat, hat die britische Währung zunächst um 2,4 Prozent gegenüber dem Dollar einbrechen lassen. Das Pfund erholte sich später leicht. Doch für Ökonomen und Investoren ist klar: Das ist „ein katastrophales Ergebnis“ für die konservative Partei, sagt Azad Zangana, Volkswirt bei der Fondsgesellschaft Schroders. „Es stellt die Zukunft von Theresa May in Frage.“ Die Verhandlungsposition Großbritanniens bei den bevorstehenden Brexit-Verhandlungen sei „schwer beschädigt“. Die EU könne die Forderungen des Königreichs ignorieren, selbst die Drohung, die Verhandlungen zu beenden, denn das sind nicht mehr als „leere Worte, weil es dafür keinen Rückhalt in der britischen Bevölkerung gibt“.

Szenarien für Großbritannien: Die Qual der Koalition

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Der Ausgang der Wahlen in Großbritannien sorgt für Rätselraten. Wird Premierministerin May nun weiterregieren? Mögliche Koalitionspartner zeigen ihr die kalte Schulter. Greift Labour-Chef Corbyn nach der Macht?

Selbst wenn es May gelingen sollte, mit einem Koalitionspartner eine Koalition zu bilden und damit weiter zu regieren, „sinkt die Autorität von Theresa May und ihre Fähigkeiten, einen Brexit zu verhandeln deutlich“, sagt sein Kollege, Fondsmanager David Docherty.

Kommentare (3)

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Herr Marcel Europaeer

09.06.2017, 13:23 Uhr

Unserer Bundeskanzlerin wäre das nicht passiert. Dazu ist die viel zu clever. Und Cleverness setzt sich auf Dauer gegenüber irgendwelchen "eisernen Ladies" durch.

Herr Old Harold

09.06.2017, 13:46 Uhr

Die jungen Briten haben offenbar erkannt, dass es dämlich war, nicht an der Abstimmung über den Brexit teilzunehmen und stattdessen am nächsten Tag gegen das Wahlergebnis zu protestieren.

Die jungen Briten misstrauen offenbar auch Wahlversprechen zu mehr Sicherheit und einem harten Brexit, wenn sie von Politikern kommen, die zuvor den Sicherheitsapparat ausgedünnt haben und gegen einen Brexit waren.

Herr Heinz Keizer

09.06.2017, 13:55 Uhr

@ Herr Marcel Europaeer09.06.2017, 13:23 Uhr

"Unserer Bundeskanzlerin wäre das nicht passiert. Dazu ist die viel zu clever. "

In D knn man ohne Trickserei den Bundestag nicht einfach mal auflösen. Das sollte auch generell verboten sein. Die Politiker sind für eine Legislaturperiode gewählt und sollten ihre Arbeit machen.

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