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09.06.2017

19:42 Uhr

Theresa May

Eine erste Entschuldigung

VonKatharina Slodczyk

Großbritanniens Premierministerin geht als große Verliererin aus den Wahlen hervor. An der Macht hält sie aber fest – und will gemeinsam mit der nordirischen DUB regieren. Teile ihres Kabinetts hat sie im Amt bestätigt.

Die Premierministerin will trotz Wahlpleite weiterregieren. AP

Theresa May

Die Premierministerin will trotz Wahlpleite weiterregieren.

London„Lasst uns an die Arbeit gehen.“ Mit diesem Satz beendet Theresa May Freitagmittag ihren ersten öffentlichen Auftritt nach ihrer Wahlniederlage, dreht sich von den Kameras weg und verschwindet hinter der schwarzen Tür von 10 Downing Street. Wenige Stunden später lässt sie ein erstes Ergebnis ihrer Arbeit verbreiten: Sie bestätigt, dass fünf wichtige Mitglieder ihres bisherigen Kabinetts ihren Posten behalten werden. So bleibt Philip Hammond Schatzkanzler und Boris Johnson Außenminister. Bei Hammond gab es im Vorfeld die Spekulation, dass er möglicherweise abtreten müsste. Er habe es sich mit May verscherzt, weil er ihren radikalen Brexit-Kurs kritisiert habe, hieß es.

Auch Brexit-Minister David Davis behält seinen Posten – ebenso wie Innenministerin Amber Rudd. Sie hatte May im Wahlkampf bei einer wichtigen Fernsehdebatte vertreten, an der die Premierministerin nicht teilnehmen wollte. Das hatte Gerüchte angeheizt, sie könnte einen wichtigeren Posten bekommen und Hammond als Schatzkanzler beerben. Doch May entschied sich anders. Auch an Michael Fallon hält sie fest und hat ihn erneut zum Verteidigungsminister ernannt.

Theresa Mays Weg zur Macht

1986 bis 1994

Neben ihrer Arbeit im Finanzsektor sitzt Theresa May im Stadtrat des Londoner Bezirks Merton.

1997

May wird Abgeordnete für die Konservative Partei (Tories) im Unterhaus. Sie vertritt den Wahlkreis Maidenhead westlich von London.

1999 bis 2009

Während der Labour-Regierung hat May verschiedene Posten im konservativen Schattenkabinett. Sie ist unter anderem zuständig für Bildung, Familie und Kultur.

2002 bis 2003

Als erste Frau in der Geschichte wird May „Chairman“ der Konservativen Partei, vom Amt her vergleichbar mit einer Generalsekretärin.

Mai 2010

May wird zur neuen Innenministerin („Home Secretary“) ernannt.

Juni/Juli 2016

Vor der Abstimmung über den Brexit spricht sich May erst spät für einen Verbleib in der EU aus. Nach dem britischen Votum für den Brexit setzt sich May im parteiinternen Machtkampf um die Nachfolge von Premierminister David Cameron durch.

11. Juli

May übernimmt den Vorsitz der Konservativen Partei von Cameron.

13. Juli

May wird britische Premierministerin und zieht damit in den Amtssitz in der Londoner Downing Street Nr. 10.

Angesichts der Pleite, die ihr die Wähler bescherten, könne May es sich nicht erlauben, angesehene Tory-Abgeordnete wie Hammond zur Seite zu schaffen, kommentierten Politikbeobachter. Andere Politiker wie der bisherige Handelsminister Liam Fox haben dagegen offenbar kaum Chancen, ihre bisherigen Jobs zu behalten.

May hat bei Neuwahlen, die sie ganz ohne Not ausgerufen hatten, die absolute Mehrheit der konservativen Partei aufs Spiel gesetzt und verloren. Die Tories kommen auf 318 der insgesamt 650 Sitze im Unterhaus – ein Dutzend weniger als vor dem Urnengang. Die Labour-Partei unter Jeremy Corbyn hat ihre Position dagegen auf 261 Sitze ausgebaut und 29 dazugewonnen.

Fünf Knackpunkte der Großbritannien-Wahl

Schottland

War es die Absage an ein zweites Unabhängigkeitsreferendum? Die schottische Nationalpartei SNP hat 21 Sitze verloren, Ex-Parteichef Alex Salmond ist sein Mandat los. Schottlands Regierungschefin Nicola Sturgeon gab zu, dass die Pläne „zweifellos“ ein „Faktor“ gewesen seien. 2014 hatten die Schotten sich zu 55 Prozent gegen die Abspaltung entschieden. Fast sensationell ist, dass die Tories 13 Wahlkreise gewannen. Sie hatten Erfolg mit einem ausdrücklichen Pro-Großbritannien-Wahlkampf – noch ein Zeichen dafür, dass die Schotten von Unabhängigkeit erst mal genug haben.

Junge Wähler

Der linke Querkopf Jeremy Corbyn, 68 Jahre alt, elektrisiert vor allem die Jugend. Viele Kommentatoren gehen davon aus, dass überdurchschnittlich viele junge Wähler ein Grund für das maue Tory-Ergebnis waren. Die Wahlkommission meldete schon im Mai, dass sich besonders viele junge Menschen registrieren ließen. Vorstellbar, dass sie nicht den gleichen Fehler machen wollten wie beim Brexit-Referendum im vergangenen Jahr. Da waren die Jungen ganz überwiegend für einen Verbleib in der EU – aber die Wahlbeteiligung war in dieser Altersgruppe niedrig. Dass Corbyn die Studiengebühren abschaffen will, hat sicher auch nicht geschadet.

UKIP

Von fast 13 auf rund 2 Prozent – die Anti-EU-Partei ist in dieser Wahl so gut wie in der Bedeutungslosigkeit versunken. Parteichef Paul Nuttall trat noch am Freitagvormittag zurück. Kein Wunder: Der Brexit war das große Projekt von Ukip, und der wird kommen. So gesehen hat sie sich zu Tode gesiegt. Vor der Wahl gingen viele davon aus, dass die EU-kritischen ehemaligen Ukip-Wähler automatisch die Tories wählen würden. Aber Experten betonten am Freitag, dass viele von ihnen aus dem Labour-Lager gekommen und dahin auch zurückgekehrt seien.

Brexit

Von Deutschland aus betrachtet sind die Folgen für die Ausstiegsverhandlungen wohl das wichtigste an dieser Wahl. In Großbritannien: na ja. May wollte im Wahlkampf über den Brexit reden, aber nach drei Anschlägen war die innere Sicherheit das größere Thema. Außerdem hatte Herausforderer Corbyn nicht allzu viel Lust, über den EU-Austritt zu debattieren, und stellte lieber soziale Gerechtigkeit in den Mittelpunkt seiner Kampagne. Ein eindeutiges Mandat für eine kompromisslose Trennung von der EU ist die Wahl jedenfalls nicht. Die Gewerkschaften haben sich schon zu Wort gemeldet und fordern einen neuen Plan, der Jobs und Arbeitnehmerrechte schützt.

Sympathie

Bei Wahlen zählen nicht nur Inhalte, es zählen auch Personen. Und was Sympathie und Ausstrahlung angeht, hatte Corbyn im Wahlkampf die besseren Karten. Während Mays Beliebtheit Umfragen zufolge abnahm und sie sich mit roboterhaftem Auftreten den Spitznamen „Maybot“ einfing, trauten immer mehr Briten dem kauzigen Corbyn zu, ein anständiger Premierminister zu sein. Zwar hatte May ebenso wie ihre Partei in den Umfragen immer die Nase vorn, aber der Abstand schmolz – offenbar ausreichend, um den Tories ihre Mehrheit zu nehmen.

Der Wahlausgang ist das Gegenteil dessen, was May und ihr Team sich erhofft hatten. Die Premierministerin wollte ihre Mehrheit eigentlich ausbauen, um ein größeres Mandat für die anstehenden Brexit-Gespräche zu haben. Aber eine Reihe von Fehlern, Terroranschläge und ein Labour-Chef, der mit seinem linken Programm deutlich mehr Wähler begeisterte als erwartet, brachten die Tory-Wahlkampagne zum Scheitern.

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