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31.05.2017

23:31 Uhr

TV-Debatte in Großbritannien

Kritik an May – Corbyn punktet

VonKerstin Leitel

Von britischer Höflichkeit ist im Wahlkampf in Großbritannien wenig zu spüren. Die Stimmung ist nach dem Ergebnis einer neuen Umfrage angespannt. Bei einer TV-Debatte gab es Kritik vor allem für die nicht anwesende May.

In einem Studio in der Universitätsstadt Cambridge stellten sich Politiker sieben verschiedener Parteien den Fragen des Publikums. Nicht dabei war Premierministerin Theresa May, an ihrer Stelle erschien Innenministerin Amber Rudd. Reuters

TV-Debatte in Großbritannien

In einem Studio in der Universitätsstadt Cambridge stellten sich Politiker sieben verschiedener Parteien den Fragen des Publikums. Nicht dabei war Premierministerin Theresa May, an ihrer Stelle erschien Innenministerin Amber Rudd.

London„Wo ist sie denn?“, fragt Tim Farron, Chef der britischen Liberaldemokraten am Mittwochabend, zur Prime Time im britischen BBC-Fernsehen. „Wie können Sie es wagen, eine Wahl auszurufen und dann hier nicht zu erscheinen?“, richtete er sich direkt an die Premierministerin Theresa May. Er war nicht der Einzige, der an diesem Abend heftige Kritik an der Regierungschefin übte.

Sieben Politiker verschiedener Parteien waren in dem kleinen Universitätsstädtchen Cambridge angetreten, um sich in einer TV-Debatte den Fragen des Publikums zu stellen. Seit sechs Wochen befindet sich Großbritannien im Wahlkampf, nachdem Premierministerin May überraschend Neuwahlen angestoßen hatte.

Die Regierungschefin selbst jedoch fehlte in Cambridge. An ihrer Stelle stand Innenministerin Amber Rudd im Fernsehstudio und diskutierte über Fragen zur zukünftigen Arbeitsmarktpolitik, der Situation der EU-Bürger in Großbritannien, der Inneren Sicherheit, dem Gesundheitssystem und den Folgen des bevorstehenden Brexits.

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Sie werde keine TV-Debatten mitmachen, hatte Theresa May bereits zu Anfang des Wahlkampfs erklärt. Auch mehrere direkte Aufforderungen hatten daran nichts geändert. Sie sehe keinen Sinn in einer solchen Show, hatte May erklären lassen, sondern stelle sich stattdessen „landauf und landab“ den Fragen. Daran waren allerdings Zweifel aufgekommen: Wie britische Medien berichtet hatten, wurden sie von Mays Team bei Wahlkampfterminen nicht vorgelassen. Auch Mitarbeiter von Firmen, die sie besuchte, berichteten, dass sie nach Hause gehen mussten, bevor die Premierministerin eine Runde im Unternehmen drehte.

Mays Kontrahent Jeremy Corbyn, Chef der Labour-Partei, scheint dagegen im Wahlkampf aufzublühen und macht beim Volk Punkte gut. Auch er wollte eigentlich nicht an TV-Debatten teilnehmen, wenn die Premierministerin nicht dabei ist, hatte er erklärt. Corbyn entschied sich dann aber kurzfristig um und fuhr doch nach Cambridge. „Es ist ein Zeichen der Schwäche von Theresa May, nicht Stärke, wenn sie nicht auch nach Cambridge kommt“, hatte Corbyn am Nachmittag öffentlich erklärt. Die Premierministerin ließ das nicht lange auf sich sitzen. Corbyn „liegt offenbar mehr daran, sich oft im Fernsehen zu zeigen”, ätzte die Premierministerin von einer Wahlkampfveranstaltung im Küstenort Bath, „dabei sollte er lieber ein bisschen mehr über die Brexit-Verhandlungen nachdenken”.

Es überrascht nicht, dass die Premierministerin dünnhäutig ist. Am Morgen hatte eine aktuelle Umfrage des Instituts YouGov den Konservativen eine böse Überraschung bereitet. Als Premierministerin May im April die Wahlen ausgerufen hatte, wurde ihr und ihrer Tory-Partei in Umfragen ein deutlicher Gewinn vorhergesagt. Doch seit Mitte Mai sinkt die Zustimmung für die Konservativen kontinuierlich.

Und am Morgen hatte die für „The Times“ gemachte Umfrage gezeigt, dass den Tories sogar ein Verlust der absoluten Mehrheit drohen könnte – eine Entwicklung, die zuvor noch kein anderes Institut prognostiziert hatte. Tritt dieses Szenario ein, „würde Theresa May zurücktreten“, ist Politik-Professor Matthew Goodwin von der Universität Kent überzeugt.

Dass es so weit kommen wird, ist keineswegs ausgemachte Sache. Am wahrscheinlichsten sei es, sagen Experten, dass die Tories gewinnen. Doch möglicherweise nicht so deutlich, wie es sich die Premierministerin gewünscht hat und wie es anfangs aussah.

Darum will May im Juni wählen lassen

Rückenwind für EU-Verhandlungen

Die Premierministerin steht mit ihrem Mantra „Brexit heißt Brexit“ inzwischen für den EU-Austritt. Die Verhandlungen werden zäh und kompliziert werden, und es gilt als sicher, dass sie Großbritannien erst einmal einiges kosten werden - May will sich beim Volk ein Mandat dafür holen und die Stimmen der Kritiker im Parlament dämpfen.

Komfortable Mehrheit

Die konservativen Tories regieren allein, haben aber nur eine Mehrheit von 17 Stimmen. Wie schon ihr Vorgänger David Cameron hat May mit „Rebellen“ in den eigenen Reihen zu kämpfen, vor allem den ultra-konservativen Hardlinern. Eine größere Mehrheit würde Gruppierungen innerhalb der Tories-Fraktion schwächen.

Gegner am Boden

Labour, die große Oppositionspartei, ist in desolatem Zustand - spätestens, seit die sozialdemokratische Basis den Parteilinken Jeremy Corbyn gegen den Willen seiner Fraktion an die Spitze gewählt hat. Nicht mal jeder sechste Brite traut ihm das Amt des Premiers zu, alles sieht nach einem klarem Sieg für May aus.

Eigenes Mandat

Nicht May hat die jüngste Wahl gewonnen, sondern David Cameron. Nach dem Brexit-Referendum ging sie aus einem ziemlich unschönen Machtkampf als seine Nachfolgerin hervor. An ihrer Machtstellung zweifelt zwar niemand - trotzdem würde ein Wahlsieg ihre Position noch einmal stärken.

Besser jetzt als später

Wer weiß, was 2020 ist? Bis dahin könnte Labour einen neuen Chef haben und sich berappeln, die britische Wirtschaft könnte nach dem Brexit straucheln, die Stimmung im Land könnte gekippt sein. Wenn am 8. Juni gewählt wird, haben Mays Tories die Macht bis 2022.

Sicher ist jedoch, dass die Labour-Partei während des Wahlkampfs kontinuierlich in den Umfragen zugelegt hat, darauf weist Politik-Experte John Curtice hin. „In den vergangenen drei Wochen hat sich die Situation dramatisch verändert“, betont der Professor der Universität von Strathclyde. Dafür sei nicht zuletzt der Labour-Chef Corbyn selbst verantwortlich, weil er sich „als nicht so schlimm wie befürchtet“ herausgestellt hatte. Vor der Wahl war der 68-Jährige sogar aus seiner eigenen Partei kritisiert worden, weil er zu ideologisch sei und nicht das Zeug dazu habe, ein Land zu führen, hieß es. Mittlerweile sind die Kritiker leise geworden.

Zudem war das Manifesto der Labour-Partei positiv aufgenommen worden, wie Politik-Experte Curtice unterstreicht – und die Konservativen hätten bislang keinen sehr guten Wahlkampf gemacht. „All das führte dazu, dass die Labour-Partei nun besser dasteht, als man sich jemals hätte vorstellen können.“

Auch in Cambridge konnte Corbyn punkten. Ruhig und bestimmt antwortete er auf die Fragen und ließ sich nicht provozieren. Er hielt sich - im Gegensatz zu den anderen anwesenden Politikern - mit Kritik an der Abwesenheit der Premierministerin zurück. Das Publikum schien auf seiner Seite zu stehen, applaudierte ihm mehrfach.

Dabei waren die Zuschauer speziell ausgesucht worden, um möglichst realistisch die Wähler Großbritanniens widerzuspiegeln: Die eine Hälfte der Zuschauer hatte bei dem EU-Referendum für den Ausstieg aus der EU gestimmt, die andere Hälfte für den Verbleib.

Innenministerin Rudd, die als Vertretung für die Premierministerin angetreten war, verteidigte die Politik ihrer Partei und Chefin. „Schauen Sie doch mal, wie diese Diskussion läuft“, erklärte sie, „so würde es zugehen, wenn diese Parteien eine Koalition bilden würden! Das wäre eine Koalition des Chaos“. Bei der Wahl solle man sich für Stabilität entscheiden und die Konservativen wählen. Nur May könne bei den bevorstehenden Brexit-Verhandlungen mit der EU ein erfolgreiches Ergebnis erzielen. Doch Rudd konnte das Publikum an diesem Abend nicht überzeugen – mehrfach wurde sie ausgebuht. Am 8. Juni wird sich entscheiden, wer das Rennen macht.

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