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08.06.2017

16:06 Uhr

Wahltag in Großbritannien

„Corbyn denkt doch, er wäre der Weihnachtsmann“

VonKerstin Leitel, Katharina Slodczyk

Der Wahlkampf von Labour-Chef Corbyn kommt an. Er hat viele Fans hinzugewonnen. Der verspricht doch allen nur Geschenke, kritisieren die Anhänger von Premierministerin Theresa May. Ein Stimmungsbericht aus London.

Premierministerin Theresa May kurz vor ihrer Stimmabgabe. Begleitet wird sie von ihrem Ehemann Philip. AFP

Auf dem Weg zur Stimmabgabe

Premierministerin Theresa May kurz vor ihrer Stimmabgabe. Begleitet wird sie von ihrem Ehemann Philip.

LondonGute Nachbarschaft zahlt sich aus: „Natürlich hab ich für Jeremy gestimmt, was sonst“, ruft der Mann den Journalisten zu. Fast ein Dutzend von ihnen steht an diesem Morgen vor dem Haus von Labour-Chef Jeremy Corbyn im Londoner Stadtteil Islington und wartet darauf, dass sich der Politiker zeigt. Solange er nicht rauskommt, unterhalten sich einige von ihnen mit einem seiner Nachbarn ein paar Häuser weiter, der rauchend vor seinem weißen Reihenhäuschen steht.

Seit sieben Uhr morgens sind die rund 40.000 Wahllokale in Großbritannien geöffnet, rund 47 Millionen Briten haben sich für die Wahl registrieren lassen. Sie wird spannender als erwartet. Als Premierministerin Theresa May vor knapp zwei Monaten überraschend Wahlen ausgerufen hatte, hatten Experten Corbyn eine Blamage vorhergesagt. Doch der 68-jährige Labour-Chef machte in Umfragen nach und nach Boden gut.

Wahl in Großbritannien: Theresa May – eine rätselhafte Premierministerin

Wahl in Großbritannien

Theresa May – eine rätselhafte Premierministerin

Mit einer raffinierten Strategie schaffte es Theresa May bis an die Regierungsspitze. Kritiker werfen der britischen Premierministerin Eiseskälte und Lügen vor. Heute ist der Tag der Wahrheit für „Theresa Maybe“.

Auf seiner Wahlkampftour durch das Land kommt Corbyn besser an als gedacht – genauso wie sei Wahlprogramm, in dem soziale Gerechtigkeit im Mittelpunkt steht. Im Gegensatz dazu nehmen es viele Briten Premierministerin Theresa May übel, dass sie eine stärkere Eigenbeteiligung bei den Kosten für Pflege einführen wollte. Das Vorhaben wurde nach heftigem Protest wieder aus dem Parteiprogramm gestrichen.

Der Plan ließ dennoch ihre Umfragewerte einbrechen. Doch das ist nicht das einzige, was die Briten gegen May einnimmt: „Ich hab bisher immer die Tories gewählt“, räumt Steward, ein 54-jähriger Banker aus dem Westen Londons ein, „aber nicht bei dieser Wahl.“ May bringe die alten Zeiten zurück, als sich Großbritannien von der Welt abgeschottet hat. „Ich bin gegen den Brexit und glaube, dass er uns schaden wird.“ May akzeptiere aber nicht, wenn man eine andere Meinung vertrete.

„Deswegen musste ich dieses Mal aus Protest die Liberaldemokraten wählen“, sagt Steward. Ähnlich geht es Andrew, einem 55-jährigen Anwalt, der etwas später das Wahllokal im Londoner Edelviertel Kensington betritt. Auch er habe die Liberaldemokraten gewählt, die sich für eine erneute Abstimmung über die künftigen Beziehungen zwischen London und Brüssel stark machen. „May lässt völlig außer Acht, dass 48 Prozent von uns für den Verbleib in der EU gestimmt haben.“

In den vergangenen Wochen haben die Terroranschläge in Manchester und London zu neuer Kritik an May geführt. Denn vor ihrer Zeit als Regierungschefin war sie als Innenministerin für harte Einschnitte bei der Polizei verantwortlich. Ist sie dabei zu weit gegangen? Hat das den Kampf der Sicherheitskräfte gegen den Terror erschwert? Das sind einige der Fragen, die sich die Briten seitdem stellen und die in Umfragen das Rennen zwischen May und Corbyn immer knapper gemacht haben.

Am letzten Tag des Wahlkampfs versucht May vor allem mit einem Thema zu punkten: mit dem Brexit und damit, dass sie einen besseren Deal in Gesprächen mi der EU herausholen kann als Corbyn.

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