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12.02.2015

11:31 Uhr

AfD-Spitzenkandidat Kruse

„Die AfD kann eine Volksbewegung werden“

VonDietmar Neuerer

ExklusivDie Alternative für Deutschland nimmt Kurs auf die Hamburger Bürgerschaft. Im Interview erklärt AfD-Spitzenkandidat Jörn Kruse, warum seine Partei trotz Querelen erfolgreich ist – und das Zeug zur Volkspartei hat.

Jörn Kruse, Spitzenkandidat der AfD für die Bürgerschaftswahl in Hamburg: „Der klassische Partner der AfD ist die CDU.“ dpa

Jörn Kruse

Jörn Kruse, Spitzenkandidat der AfD für die Bürgerschaftswahl in Hamburg: „Der klassische Partner der AfD ist die CDU.“

BerlinAls Wirtschaftsprofessor lehrte Jörn Kruse 16 Jahre an der Helmut-Schmidt-Universität Hamburg. Seinen Uni-Job hat er für die Alternative für Deutschland an den Nagel gehängt. Kruse ist Spitzenkandidat der AfD. Mit ihr will er den Sprung in die Hamburger Bürgerschaft schaffen.

„Sieben Prozent wären ein super Ergebnis“, sagt er, „das würde der AfD starken Rückenwind für andere Wahlen in anderen Bundesländern geben.“ Kruse ist überzeugt, dass seiner Partei noch Großes bevorsteht. „Ich glaube schon, dass die AfD eine Volksbewegung werden kann“, erklärt er selbstbewusst. Die entscheidende Voraussetzung dafür sei aber, dass die AfD in den Parlamenten zeige, dass sie eine „seriöse liberal-konservative Partei“ sei und nicht rechts.

Was man über die Hamburg-Wahl wissen muss

Ausgangslage

Hamburg wählt am 15. Februar eine neue Bürgerschaft. Seit 2011 regieren Bürgermeister Olaf Scholz und seine SPD mit absoluter Mehrheit. Das ist momentan einzigartig für einen Sozialdemokraten in Deutschland. (Quelle: dpa)

Wahl 2011

Eine Katastrophe für die CDU nach gut zehn Jahren Regierungszeit, ein Triumph für die SPD. 2011 stürzte die CDU im Vergleich zu 2008 von 42,6 auf 21,9 Prozent ab. Die SPD schoss von 34,1 (2011) auf 48,4 Prozent hoch. Die Grünen kamen auf 11,2 Prozent. Die FPD landete bei 6,7 und die Linke bei 6,4 Prozent.

Bürgerschaft

Das Landesparlament hat regulär 121 Sitze. Die Zahl der Mandate kann durch Überhang- und Ausgleichsmandate sowie erfolgreiche Einzelbewerber steigen. 2011 errang die SPD 62 Sitze, die CDU 28, die Grünen 14, die FDP 9 und die Linke 8.

Umfragen für 2015

Sie sehen die SPD bei 42 bis 44 Prozent und die CDU bei 20 bis 23 Prozent. Die Grünen werden auf 13 bis 14, die Linken auf 7 bis 9 Prozent eingeschätzt. Eng könnte es für die FDP werden (4 bis 5 Prozent), aber auch für die AfD (5 bis 6 Prozent).

Künftige Regierung

42 bis 44 Prozent für die SPD klingt nach viel, würde aber wohl nicht zur erneuten absoluten Mehrheit reichen. Zumal möglicherweise erstmals sechs Parteien ins Landesparlament kommen werden. Scholz hat den Grünen schon mal Gespräche angeboten.

Bewerber

Landesweit treten 13 Parteien und Wählervereinigungen an. Auf den Listen bewerben sich knapp 400 Kandidaten um ein Mandat.

Spitzenkandidaten

Die SPD setzt auf ihr Zugpferd Scholz, dessen Arbeit nach einer Umfrage 73 Prozent der Bürger gut finden. Die CDU schickt Fraktionschef Dietrich Wersich ins Rennen. Bei der FDP soll es die Fraktionsvorsitzende Katja Suding richten, bei der Linken Fraktionschefin Dora Heyenn und bei den Grünen Fraktionschef Jens Kerstan. Ihm steht gleichberechtigt Parteichefin Katharina Fegebank zur Seite. Die AfD bietet ihren Landeschef Jörn Kruse auf.

Wahlberechtigte

Rund 1,3 Millionen Bürger können ihre Stimmen abgeben. Erstmals dürfen auch 16- und 17-Jährigen mitwählen. Eine weitere Premiere: Erstmals wird das Landesparlament für die Dauer von fünf statt bislang vier Jahren gewählt.

Wahlkampf

Richtig große Themen mit hohem Streitpotenzial gibt es nicht. Unter den Wählern ist keine Wechselstimmung auszumachen.

Wahlkampfthema Verkehr

Nur hier kommt etwas Stimmung auf. Die Opposition wirft Scholz vor, Autofahrer durch sein rund 260 Millionen Euro teures Busbeschleunigungsprogramm im Stau ersticken zu lassen. Zudem setze er auf die übermäßig teure U-Bahn statt auf eine Stadtbahn.

Wahlrecht

Ist nicht ganz unkompliziert: Jeder Wähler hat zehn Stimmen, fünf für die Landes- und fünf für die Wahlkreisliste. Die Hamburger kommen mehrheitlich aber damit zurecht. Laut Umfrage halten 58 Prozent das Wahlrecht für „gut“, 40 Prozent für „nicht so gut“.

Wahlergebnis

Am Wahlabend werden nur die Landeslisten ausgezählt. Sie entsprechen den bisherigen Zweitstimmen und geben Auskunft über die Sitzverteilung. Die Direktkandidaten in den 17 Wahlkreisen müssen sich bis zum Montag gedulden.

Herr Kruse, Sie waren sehr lange Mitglied in der SPD und engagierten sich kurze Zeit auch bei den Freien Wählern. Warum sind Sie jetzt bei der AfD?

Jörn Kruse: Während meines Studiums war ich in der SPD sehr aktiv und danach nur noch Mitglied – bis ich ausgetreten bin. Dann kam der Zeitpunkt, wo viele Ökonomen gegen die Euro-Rettungsschirme rebelliert haben. Und wir haben uns überlegt, wie wir diese Kritik in konkrete Politik umsetzen können. Eine Parteigründung kam zunächst nicht infrage, also suchten wir Verbündete in anderen Parteien.

Aber wenig erfolgreich.

Die FDP hat unser Anliegen gleich abgeblockt. Dann kamen die Freien Wähler ins Spiel. Es war aber schnell klar: Das ist ein lahmer Haufen, der aus Bayern gesteuert wird. Das haben wir dann bleiben lassen und haben eine eigene Partei gegründet.

Was unterscheidet die SPD von damals von der SPD von heute?

Die SPD war damals den Bürgern näher. Sie war eine Volksbewegung. Grade in der 1968er-Zeit sind viele junge Leute zur SPD gekommen, weil sie dachten, dass sei die einzige wirklich Zukunftspartei. Das ist heute ja anders. Heute ist die SPD eine klassische sozialdemokratische Funktionärspartei, stark beeinflusst von gewerkschaftlichen Interessen.

Hat die AfD das Zeug, eine Volksbewegung zu werden?

Ich glaube schon, dass die AfD eine Volksbewegung werden kann. Die entscheidende Voraussetzung dafür ist, dass wir in den Parlamenten zeigen, dass wir eine seriöse liberal-konservative Partei sind und nicht rechts, wie uns das einige Medien und Politiker gerne unterstellen. Das heißt: Wenn wir den politischen Praxistest bestehen, dann werden wir noch sehr viel weiter wachsen, als es den anderen Parteien lieb ist.

Kommentare (14)

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Account gelöscht!

12.02.2015, 11:54 Uhr

Die AfD hat nur dann die Chance, eine Volksbewegung zu werden, wenn sie der gerade nach dem Parteitag in Bremen deutlich sichtbar gewordenen Versuchung einer Merkelisierung nicht erliegt und mit den Bewegungen, die im Volk virulent sind, wie z.B. Pegida, das Gespräch sucht, wie es Frau Petry in vorbildlicher Weise getan hat.

Sie hat nur als eine Alternative zu den Altparteien eine Chance, nicht als ihre Variante.

Da ist noch einiges abzuarbeiten:

Es fehlt z.B. bisher eine klare Distanzierung vom selbstmörderischen Wahnsinn der Energiewende.

Es fehlt auch eine eindeutige Betonung der Familie, wie sie etwa Frau von Storch vertritt, in der programmatischen Mitte der Partei.

Es fehlt auch eine deutlich Abgrenzung vom Antirußlandkurs der Regierung und die Forderung nach einer sofortigen Aufhebung der Wirtschaftssanktionen.

Die am Vorbild Bismarcks ausgerichtete Außenpolitik Gaulands wäre eine echte Alternative zur Haltung der Regierung, die mit den USA durch Dick und Dünn geht. Die AfD müßte sich auch dagegen aussprechen, daß mit TTIP eine neue Handelsbarriere zwischen dem Westen und Rußland aufgebaut werden soll. (Das ist ja das Ziel, das die USA mit diesem Projekt verfolgen. Und das ist das Gegenteil von freier Marktwirtschaft.)

In der letzten Zeit, in der sich die Griechenlandkrise wieder einmal zuspitzt, habe ich auch nicht viel der von AfD gehört.

Eine merkelisierte AfD werde ich definitiv nicht noch einmal wählen.



Herr Eduard Halasz

12.02.2015, 12:57 Uhr

Schade, dass das HB Kruse nicht nach Dirk Nockemann (Listenplatz 3), einst Schills Büroleiter, spaeter dessen Nachfolger als Innensenator gefragt hat. Kruse stellt ja den liberalen Professor dar, waehrend Nockemann Stimmen am rechten Rand sichern soll. Ueberhaupt waere ein Statement Kruses zu den ex-Schill-Parteimitgliedern interessant, die sich jetzt in der AfD tummeln. Sieht so eine angeblich buergerliche Partei aus, die angeblich nicht rechts sei, jedoch mit rechten Themen (u.a. gegen Islam und Zuwanderung, "Law-and'order") und z.T. mit ehemaligen Mitgliedern rechter Gruppierungen in den Wahlkampf zieht?

Herr Carlo Scholz

12.02.2015, 13:07 Uhr

Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich.

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