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06.02.2015

15:57 Uhr

Parteienforscher zur Hamburg-Wahl

FDP profitiert vom Suding-Effekt

VonDietmar Neuerer

ExklusivIn Hamburg könnte die FDP erstmals seit ihrem Debakel bei der Bundestagswahl wieder in einen Landtag einziehen. Rückenwind gibt den Liberalen ihre Spitzenkandidatin Katja Suding – und die Dauerschwäche der CDU.

Die FDP-Spitzenkandidatin für die Hamburger Bürgerschaftswahl 2015, Katja Suding:  „Sie verkörpert ideal das gewünschte neue Image der FDP“, sagt ein Parteienforscher. dpa

Katja Suding

Die FDP-Spitzenkandidatin für die Hamburger Bürgerschaftswahl 2015, Katja Suding: „Sie verkörpert ideal das gewünschte neue Image der FDP“, sagt ein Parteienforscher.

BerlinGut eine Woche vor der Bürgerschaftswahl in Hamburg erlebt die FDP einen ungeahnten Aufschwung. Laut dem am Freitag vom ZDF veröffentlichten Politbarometer Extra könnten die Liberalen erstmals seit ihrem Debakel bei der Bundestagswahl wieder in einen Landtag einziehen.

Die allein regierende SPD mit Bürgermeister Olaf Scholz liegt demnach weit in Führung, könnte aber in den kommenden fünf Jahren auf einen Koalitionspartner angewiesen sein. Scholz hat in den vergangenen Wochen stets erklärt, er werde das Gespräch mit den Grünen suchen, wenn er einen Regierungspartner benötige. Die CDU bliebe zweitstärkste Partei, würde in der Hansestadt aber ihr schlechtestes Ergebnis seit der Parteigründung erzielen. Der Einzug der eurokritischen AfD in das Landesparlament steht auf der Kippe.

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Der Sozialdemokrat will bei der Hamburger Wahl sein Amt als Erster Bürgermeister verteidigen. Im Interview nennt er die großen Probleme der nächsten Legislaturperiode und wettet gegen einen Wahlerfolg von FDP und AfD.

Das von der Forschungsgruppe Wahlen erhobene ZDF-Politbarometer zeigt damit ähnliche Trends wie die am Donnerstagabend veröffentlichte ARD-Umfrage von Infratest dimap. Für die SPD ermittelt das Politbarometer 45 (ARD: 46) Prozent, für die CDU 19 (18) Prozent, die Grünen elf (elf) Prozent, die Linke 9,5 (neun) Prozent, die FDP sechs (5,5) Prozent und die AfD fünf (5,5) Prozent.

Was man über die Hamburg-Wahl wissen muss

Ausgangslage

Hamburg wählt am 15. Februar eine neue Bürgerschaft. Seit 2011 regieren Bürgermeister Olaf Scholz und seine SPD mit absoluter Mehrheit. Das ist momentan einzigartig für einen Sozialdemokraten in Deutschland. (Quelle: dpa)

Wahl 2011

Eine Katastrophe für die CDU nach gut zehn Jahren Regierungszeit, ein Triumph für die SPD. 2011 stürzte die CDU im Vergleich zu 2008 von 42,6 auf 21,9 Prozent ab. Die SPD schoss von 34,1 (2011) auf 48,4 Prozent hoch. Die Grünen kamen auf 11,2 Prozent. Die FPD landete bei 6,7 und die Linke bei 6,4 Prozent.

Bürgerschaft

Das Landesparlament hat regulär 121 Sitze. Die Zahl der Mandate kann durch Überhang- und Ausgleichsmandate sowie erfolgreiche Einzelbewerber steigen. 2011 errang die SPD 62 Sitze, die CDU 28, die Grünen 14, die FDP 9 und die Linke 8.

Umfragen für 2015

Sie sehen die SPD bei 42 bis 44 Prozent und die CDU bei 20 bis 23 Prozent. Die Grünen werden auf 13 bis 14, die Linken auf 7 bis 9 Prozent eingeschätzt. Eng könnte es für die FDP werden (4 bis 5 Prozent), aber auch für die AfD (5 bis 6 Prozent).

Künftige Regierung

42 bis 44 Prozent für die SPD klingt nach viel, würde aber wohl nicht zur erneuten absoluten Mehrheit reichen. Zumal möglicherweise erstmals sechs Parteien ins Landesparlament kommen werden. Scholz hat den Grünen schon mal Gespräche angeboten.

Bewerber

Landesweit treten 13 Parteien und Wählervereinigungen an. Auf den Listen bewerben sich knapp 400 Kandidaten um ein Mandat.

Spitzenkandidaten

Die SPD setzt auf ihr Zugpferd Scholz, dessen Arbeit nach einer Umfrage 73 Prozent der Bürger gut finden. Die CDU schickt Fraktionschef Dietrich Wersich ins Rennen. Bei der FDP soll es die Fraktionsvorsitzende Katja Suding richten, bei der Linken Fraktionschefin Dora Heyenn und bei den Grünen Fraktionschef Jens Kerstan. Ihm steht gleichberechtigt Parteichefin Katharina Fegebank zur Seite. Die AfD bietet ihren Landeschef Jörn Kruse auf.

Wahlberechtigte

Rund 1,3 Millionen Bürger können ihre Stimmen abgeben. Erstmals dürfen auch 16- und 17-Jährigen mitwählen. Eine weitere Premiere: Erstmals wird das Landesparlament für die Dauer von fünf statt bislang vier Jahren gewählt.

Wahlkampf

Richtig große Themen mit hohem Streitpotenzial gibt es nicht. Unter den Wählern ist keine Wechselstimmung auszumachen.

Wahlkampfthema Verkehr

Nur hier kommt etwas Stimmung auf. Die Opposition wirft Scholz vor, Autofahrer durch sein rund 260 Millionen Euro teures Busbeschleunigungsprogramm im Stau ersticken zu lassen. Zudem setze er auf die übermäßig teure U-Bahn statt auf eine Stadtbahn.

Wahlrecht

Ist nicht ganz unkompliziert: Jeder Wähler hat zehn Stimmen, fünf für die Landes- und fünf für die Wahlkreisliste. Die Hamburger kommen mehrheitlich aber damit zurecht. Laut Umfrage halten 58 Prozent das Wahlrecht für „gut“, 40 Prozent für „nicht so gut“.

Wahlergebnis

Am Wahlabend werden nur die Landeslisten ausgezählt. Sie entsprechen den bisherigen Zweitstimmen und geben Auskunft über die Sitzverteilung. Die Direktkandidaten in den 17 Wahlkreisen müssen sich bis zum Montag gedulden.

ZDF wie ARD betonten, es handele sich nur um ein Stimmungsbild für die Parteien. Für den Fall eines Scheiterns einer der kleinen Parteien an der Fünf-Prozent-Hürde hält die Forschungsgruppe Wahlen eine absolute Mehrheit für die SPD möglich.

Den Aufschwung der Liberalen führt der Berliner Parteienforscher Oskar Niedermayer auf die Spitzenkandidatin Katja Suding zurück. „Sie verkörpert ideal das gewünschte neue Image der FDP, ihre unkonventionelle Kampagne sichert der Partei die unbedingt notwendige Medienaufmerksamkeit“, sagte Niedermayer dem Handelsblatt (Online-Ausgabe).

Kommentare (4)

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Herr Tobias Wahrsager

06.02.2015, 17:27 Uhr

Auch in der deutschen Innenpolitik sind die Verflachungstendenzen seit einigen Jahren auf dem Vormarsch. Substanzlose Schaumschlägerei zählt oft mehr als inhaltliche Substanz. Gerade in einer Stadt wie Hamburg zählt der Glitter oft mehr als innere Wertigkeit. Suding weiß dies und setzt auf einen Wahlkampf, der in vielerlei Hinsicht mehr Reeperbahndarbietung als politische Substanz symbolisiert. Zuerst die wohl mit Kalkül in Szene gesetzten meganackten Beine der Kandidatin, dann ein Wahlplakat, auf dem die Dame Suding keckforsch-aufreizend in der Art einer hanseatischen Bordsteinschwalbe den Bürgersteig entlang stolziert. Das ganze dann noch sekundiert, von einem FDP-Kraftprotz mit entblößtem Sixpack im Internet und von einer in der Substanz peinlichen, aber offensichtlich gewisse Instinkte bedienenden, "Drei Engel für Lindner"-Klatschblatt Foto Session in der Gala. Gut möglich, dass dies in einer Stadt wie Hamburg noch einmal über die 5 Prozent Hürde führt, aber es wird nur ein Phyrrussieg sein, denn zwei Verlierer stehen bei diesem widerlichen Schauspiel schon fest. Zum einen die politische Kultur in Deutschland, die durch solch oberflächlich-peinliches Gehabe Schaden nehmen muss. Zum anderen bereits mittelfristig die FDP selbst. Wer sich im Suding-Stil durch eine Mischung aus Betthäschengehabe und sonstiger Schaumschlägerei profilieren will und muss, der mag kurzfristig in Hamburg damit noch einmal punkten können-. Bereits mittelfristig führen derartige geschmacklose Verrenkungen für die FDP aber ins politische Abseits. wEr wird eine Partei, die ihre Seele so prostituiert, langfristig noch ernst nehmen?

Reality Check

06.02.2015, 19:14 Uhr

Ist das so? Seit wann hat Wahlkampf etwas mit Inhalten zu tun? Sehen sie sich die Plakate aller Parteien an. Je größer und etablierter die Partei ist, desto inhaltsloser ist der Wahlkampf. Da gefällt mir wohl kalkuliertes Kokettieren allemal besser als die sonst übliche Weltuntergangsstimmungsmache oder Missstandsdrohkulissen anderer Kleinparteien. Die FDP macht hier einfaches, mutiges und gutes Parteienmarketing und das ist in dieser Situation vollkommen in Ordnung. Wenn die FDP jetzt die angeschlagene digitale Freiheit der Bürger thematisiert und diese Kompetenz nicht nur den Piraten überlässt, dann hat sie auch eine Zukunft.

Herr Thomas Melber

07.02.2015, 08:10 Uhr

Suding sells!

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