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10.11.2014

00:00 Uhr

+++ Historischer Liveblog +++

„Jetzt wird Weltgeschichte geschrieben“

VonStefan Kaufmann

Als der 9. November 1989 zu Ende geht, ist die DDR Geschichte. Immer stärker wurde der Freiheitsdrang der Bürger – bis er die Mauer öffnete, die Berlin Jahrzehnte teilte. Verfolgen Sie hier die entscheidenden Stunden.

Die Grenze ist offen: Die Menschen strömen nach West-Berlin.

Die Grenze ist offen: Die Menschen strömen nach West-Berlin.

Was für ein Tag: Die deutsch-deutsche Grenze ist gefallen, Ostberliner und Westberliner liegen sich in den Armen, die Volkspolizei hält die strömenden Massen nicht auf. Eine neue Ausreiseregelung der SED-Führung hat es möglich gemacht. Bundeskanzler Helmut Kohl weilt noch in Warschau, hat aber schon verkündet: Heute wird Weltgeschichte geschrieben. Die Ereignisse des 9. November 1989 zum Nachlesen.


+++ 0:00 Uhr: Alle Berliner Übergänge jetzt offen +++
Schon 20.000 Ostberliner sollen sich schon im Westen aufhalten, weitere Zehntausend sind auf dem Weg. Die ersten Trabi rollen über die Grenze. Menschen liegen sich in den Armen, es fließen Tränen der Freude, Sektkorken knallen, andere starren ungläubig auf die Berliner Menschentrauben. „Wir haben es in den Nachrichten gehört und sind wir einfach losgefahren. Wir konnten es ja überhaupt nicht fassen, dass das tatsächlich gehen soll“, sagt ein Mann, als er mit seiner Familie den Grenzübergang Invalidenstraße erreicht. „Ein unheimlicher Moment.“

+++ 23:45 Uhr: „Jetzt wird Weltgeschichte geschrieben“ +++
Helmut Kohl hat sich in Warschau lange beraten. Kann er abreisen, ohne den Gastgeber zu brüskieren? Immerhin dürften die Ereignisse in Berlin bei den Polen auch Ängste wecken. Nun spricht der Bundeskanzler im überfüllten Ballsaal des Marriott-Hotels zu Journalisten. Jetzt werde Weltgeschichte geschrieben, prophezeit er. Zu einer möglichen Rückreise will er sich noch nicht öffentlich äußern. Allerdings ist zu hören, dass er morgen in Berlin sein will.

+++ 23:30 Uhr: Die Grenzsperre ist durchbrochen +++
Die Volkspolizei gibt auf, die ersten Bürger durchbrechen die Grenzsperren. Sie rennen geradezu in den Westen, berichtet unser Reporter von der Bornholmer Straße. Es gibt keine Kontrollen mehr, die Grenzschützer haben sich zurückgezogen, verfolgen die Massenflucht mit versteinerter Miene. Das Gedränge ist enorm. „Wisst Ihr wo Ihr hin wollt?“, wird einer gefragt. Seine Antwort: „Einfach rein!“ Rein nach West-Berlin.

+++ 22:50 Uhr: Mauerklopfer am Brandenburger Tor +++
Wie die Polizei in Westberlin meldet, sollen aufgebrachte Bürger am Brandenburger Tor die Mauer mit Hämmern beschädigt haben.


+++ 22:30 Uhr: „Die Reisen müssen beantragt werden“ +++
In der Nachrichtensendung „Die aktuelle Kamera“ gibt es eine Erläuterung zur neuen Rechtslage. Danach sind Ausreisen zwar möglich, müssen zuvor allerdings beantragt werden. Die Zehntausenden, die schon vor den Schlagbäumen ihren Freiheitswillen demonstrieren, wird diese Nachricht aber kaum erreichen. 


+++ 22:00 Uhr: Grenzschützern fehlen klare Ansagen +++
Auch an den Grenzübergängen Invalidenstraße und Heinrich-Heine-Straße reden immer mehr DDR-Bürger auf die Volkspolizei ein. Offenbar warten die Grenzschützer immer noch auf eine Anweisung aus dem Ministerium für Staatssicherheit.

+++ 21.40 Uhr: Kohl erfährt von den Ereignissen +++
In Warschau zieht sich die deutsche Delegation nach dem Staatsbankett zurück. Bundeskanzler Helmut Kohl fühlt sich wohl am falschen Platz – fürchtet aber einen Eklat, sollte er seine Polenreise so frühzeitig abbrechen. Wie es heißt, suchen die Diplomaten nach einem Ausweg aus dem Dilemma.  

Bundeskanzler Helmut Kohl fragt sich: Wie komme ich nun schnell nach Berlin? dpa

Bundeskanzler Helmut Kohl fragt sich: Wie komme ich nun schnell nach Berlin?

+++ 21:25 Uhr: Einige DDR-Bürger werden durchgelassen +++
Der Druck der Massen ist zu groß. Wie unser Reporter berichtet, lässt die Volkspolizei nun einige Ausreisewillige die Grenze passieren. Wie es heißt, bekommen sie einen Stempel auf ihr Passbild, was einer Ausbürgerung gleich käme. Manche zerreißen ihren Pass sogar von sich aus.

+++ 21:15 Uhr: „Tor auf, Tor auf!“ +++
Auf der Bornholmer Straße geht nichts mehr. Zehntausende drängeln auf der Straße, Autos stauen sich und der Ruf der DDR-Bürger wird immer lauter. „Tor auf, Tor auf“, skandieren sie. Und: „Wir kommen wieder, Wir kommen wieder!“

+++ 21:00 Uhr: Mann klettert auf Berliner Mauer +++
Ein Westberliner Bürger hat es gewagt, am Brandenburger Tor auf die Berliner Mauer zu klettern. Ein kurzes Aufbegehren: Die Volkspolizei der DDR bringt ihn schnell dazu, in den Westteil zurückzuspringen.


Die Berliner Mauer in Zahlen

Gesamtlänge

Die innerdeutsche Grenze war knapp 1400 Kilometer lang.

West-Berlin

Die Mauer um den Westteil Berlins umfasste 155 Kilometer und war knapp vier Meter hoch; 43 Kilometer davon trennten das Stadtgebiet von Ost- und West-Berlin.

Wasser

Auf 24 Kilometern durchquerte die Grenze Wasserwege.

Verkehr

Die Mauer unterbrach zwölf S- und U-Bahnlinien sowie 193 Straßen.

Grenzübergänge

Es gab acht Grenzübergänge zwischen West- und Ost-Berlin sowie sechs zwischen der DDR und West-Berlin.

Aufbau

Ab 1975 wird auf fast 42 Kilometern die Grenzmauer mit 3,60 Meter hohen Segmenten neu errichtet. Auf die jeweils 2,75 Tonnen schweren Elemente werden vier Meter lange Rohrauflagen gesetzt. Daneben besteht die Grenze um West-Berlin aus einer Mauer in Plattenbauweise, einem Metallzaun oder Gewässern.

Soldaten

11 500 Soldaten kontrollierten die Grenze rund um Berlin; sie spähten von 302 Beobachtungstürmen nach „Grenzverletzern“.

Signalzäune

Vor der Mauer gab es 127 Kilometer Signalzäune.

Gräben

105 Kilometer Gräben sollten ein Durchbrechen mit Autos verhindern.

Laufanlagen für Wachhunde

Zur Grenzbefestigung gehörten 259 Laufanlagen für Wachhunde.

Fluchtversuche

In den 28 Mauerjahren bewachen insgesamt mehr als 10.000 Soldaten der Nationalen Volksarmee die Berliner Grenze. Mehr als 5000 Menschen gelingt die Flucht - aus der gesamten DDR fliehen rund 40.000. Die Bundesrepublik kauft knapp 34.000 politisch Inhaftierte aus DDR-Gefängnissen frei.

Tote

Über 600 von ihnen kamen ums Leben. Mindestens 136 Menschen starben allein an der Berliner Mauer.

Grenzkontrollen

251 Reisende aus Ost und West starben während oder nach Kontrollen an Berliner Grenzübergängen, zumeist an Herzinfarkten.


+++ 20:50 Uhr: Sitzung des SED-Zentralkomitees beendet +++
Die SED-Führung verlässt im Gebäude des Zentralkomitees den Sitzungssaal. Von Generalsekretär Egon Krenz gibt es kein offizielles Statement zur neuen Ausreiseregelung. Im Bonner Wasserwerk versammeln sich die Parlamentarier zu einer Sondersitzung.


+++ 20:40 Uhr: Aufgeheizte Stimmung an der Grenze +++
Die Leute verlassen den Grenzbereich nicht. Im Gegenteil: Es werden immer mehr, die auf die Volkspolizisten einreden. Etwa 500 sind es derzeit, schätzt unser Reporter vor Ort. Außerdem bildet sich vor dem Schlagbaum auch schon eine Schlange von Autofahrern, die die Grenze passieren wollen.

+++ 20:25 Uhr: Verwirrung an Grenzübergängen +++
Unser Reporter aus dem Westberliner Büro hat den Grenzübergang zur Bornholmer Straße erreicht. Dort haben sich bereits knapp 100 DDR-Bürger versammelt, doch die Volkspolizei lässt sie nicht ausreisen. Eine Durchsage der Grenzschützer sorgt für Verwirrung: „Liebe Bürger, ich bitte Sie im Interesse der Ordnung und Sicherheit, den Platz vor der Grenzübergangsstelle zu verlassen.“ Die Ostberliner sollen sich an die Meldestellen wenden. Es sei nicht möglich, ihnen hier und jetzt die Ausreise zu gewähren.

+++ 20:15 Uhr: Topthema in der Tagesschau +++
Die Ereignisse in Berlin sind auch das beherrschende Thema in der ARD-Tagesschau. Sehen Sie selbst.





+++ 19.40 Uhr: Bundestag debattiert die neue Lage +++
Auch in Bonn heißt das Gebot der Stunde: Zurückhaltung. Die Sitzung läuft noch. In Warschau beginnt in Kürze das Staatsbankett, zu dem der polnische Ministerpräsident Tadeusz Mazowiecki den deutschen Bundeskanzler Helmut Kohl in das ehemalige Palais der Fürsten von Radziwill geladen hat.


+++ 19:20 Uhr: SED-Zentralkomitee tagt immer noch +++
Noch gibt es keine Bestätigung der SED-Parteiführung. Noch hat kein Offizieller das Gebäude des Zentralkomitees verlassen. Die Sitzung läuft noch, berichtet unser Korrespondent, der vor verschlossenen Türen wartet.

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