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08.07.2011

13:50 Uhr

15 Milliarden Euro

Privatsektor-Hilfe für Griechenland halbiert sich

VonRuth Berschens

ExklusivIhre Hoffnung auf einen 30-Milliarden-Beitrag der Banken für das Griechenlandpaket müssen die Euroländer begraben. Geplant wird nur noch mit der Hälfte. Die Drohungen der Ratingagenturen lassen Brüssel kalt.

Kirche in Athen: Das neue Hilfspaket soll 110 Milliarden Euro schwer sein. Quelle: dpa

Kirche in Athen: Das neue Hilfspaket soll 110 Milliarden Euro schwer sein.

BrüsselDie Euro-Finanzminister haben ihre Erwartungen an den Beitrag des Privatsektors zum neuen Hilfspaket für Griechenland deutlich heruntergeschraubt. Nach Informationen des Handelsblatts sollen Banken, Versicherungen und andere private Anleger jetzt nur noch maximal 15 Milliarden Euro beisteuern - die Hälfte des ursprünglich angepeilten Betrages.

"Wenn wir das schaffen, ist das schon sehr gut", sagte ein EU-Diplomat. Insgesamt soll neue Hilfspaket für Griechenland rund 110 Milliarden Euro umfassen und bis Ende 2014 laufen. Dazu sollen die Griechen selbst Privatisierungserlöse von rund 30 Milliarden Euro beitragen. Vom verbleibenden Betrag - etwa 80 Milliarden Euro - würde dann noch der Beitrag des Privatsektors abgezogen. Die restliche Summe - voraussichtlich 60 bis 70 Milliarden Euro - müsste zu Zwei Dritteln von den Euro-Staaten und zu einem Drittel vom Internationalen Währungsfonds finanziert werden.

Bei ihrem nächsten Treffen am kommenden Montag wollen die Euro-Finanzminister das Hilfspaket noch nicht beschließen und auch keine Zahlen bekannt geben. Die äußerst komplexen Verhandlungen mit den privaten Anlegern über deren Beitrag zum Hilfspaket würden sich noch bis September hinziehen, hieß es in diplomatischen Kreisen in Brüssel. "In der Eurogruppe am Montag legen wir nur die Schlachtordnung für die Zeit nach der Sommerpause fest. Spektakuläre Entscheidungen wird es nicht geben", sagte ein Diplomat.

Dass die Verhandlungen mit dem privaten Finanzsektor ergebnislos enden, wird in Brüssel ausgeschlossen. "Die Banken und die Versicherungen wissen, dass sie sich bewegen müssen. Denn sonst laufen sie Gefahr, noch mehr zu verlieren", sagte ein EU-Diplomat. Die Eurozone verlangt von den privaten Investoren einen Zahlungsaufschub für Griechenland, will einen Zahlungsausfall aber weiterhin unbedingt vermeiden.

Welche Folgen hätte eine griechische Staatspleite für Europa?

Banken

Mangels Käufer müssten weltweit Banken ihre Hellas-Anleihen in den Bilanzen abschreiben: an erster Stelle griechische und andere europäische Banken. Auch viele andere Institutionen wie Versicherungen oder Pensionsfonds haben die Papiere in ihren Büchern. Zudem wird ein Dominoeffekt ausgelöst: Wer für seine Anleihen eine Kreditausfallversicherung am Markt abgeschlossen hat, muss nun ausbezahlt werden. Weitere Abschreibungen sind die Folge. Griechische Anleihen sind auch in strukturierten Wertpapieren enthalten, die ebenfalls an Wert verlören.

Ansteckungsgefahr

Höchstwahrscheinlich würden auch die Refinanzierungskosten der anderen Euro-Schwächlinge Portugal und Irland sofort in die Höhe schießen. An den Kapitalmärkten würde spekuliert, dass Portugal als nächstes seinen Schuldendienst einstellen muss. Bereits jetzt wird an den Märkten die Wahrscheinlichkeit einer Pleite binnen der kommenden 24 Monate als sehr hoch eingeschätzt. Wackelt Portugal, rückt auch Spanien erneut ins Visier der Spekulanten. Denn spanische Banken sitzen nach Angaben der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) auf portugiesischen Schulden in Höhe von 80 Milliarden Euro. Ein Ausfall würde das ohnehin angeschlagene Banksystem hart treffen und damit den spanischen Staat, der seine Geldinstitute stabilisieren müsste.

Reißt die Krise Spanien mit in den Abgrund, wäre der GAU voraussichtlich da: Das Land hat die viertgrößte Volkswirtschaft in Europa. Der Euro-Rettungsschirms EFSF wäre überfordert. In der Folge würden auch Deutschland und Frankreich angesteckt: Französische Banken halten der BIZ zufolge spanische Anleihen im Umfang von etwa 140 Milliarden Euro - doppelt so viel wie griechische. Deutsche Institute sind mit 180 Milliarden dabei, sechs Mal soviel wie sie in Griechenland investiert haben.

Sicherheiten

Bei einer Staatspleite könnten griechische Banken griechische Staatsanleihen nicht mehr bei der Europäischen Zentralbank (EZB) als Sicherheiten für ihre kurzfristige Refinanzierung hinterlegen. Das griechische Bankensystem wäre in Windeseile pleite, wenn keine kurzfristige Lösung gefunden wird. Ein „bank run“ wäre kaum noch zu vermeiden: Vor den Filialen würden sich Schlangen bilden, jeder würde versuchen, schnell noch Geld abzuholen. Die
griechische Regierung müsste Auszahlungs-Limits erlassen, um den endgültigen Kollaps der Banken und einen Zusammenbruch des Bargeldverkehrs zu stoppen.

Die Bevölkerung würde auch an anderer Stelle hart getroffen: Der Staat könnte die Gehälter für Staatsdiener nicht mehr zahlen und Rechnungen etwa für Bauprojekte nicht mehr begleichen. Die Folge wäre ein sprunghafter Anstieg der Arbeitslosigkeit. Würde sich die EZB entschließen, die Pleiteanleihen doch zu nehmen, würde sie damit voraussichtlich Verluste einfahren. Muss infolgedessen die EZB rekapitalisiert werden, träfe das die anderen Euro-Länder, an erster Stelle das größte: Deutschland.

Von der Drohung der größten Ratingagentur Standard & Poors, den geplanten Zahlungsaufschub als Teil-Zahlungsausfall (Selective Default) zu werten, lässt sich die Eurozone nicht beeindrucken. Es handele sich lediglich um eine "simple Meinungsäußerung" eines Bonitätsprüfers, die für die Verträge zwischen Griechenland und seine Gläubiger keine rechtliche Relevanz habe, hieß es in Brüssel. Eine juristische Begründung habe S&P für seine Einschätzung bislang nicht geliefert. Die Eurozone warte dringend darauf.

Die Eurogruppe hält nichts davon, ihre neuen Kredite an Griechenland durch die von der Athener Regierung erzielten Privatisierungserlöse abzusichern. Eine entsprechende Forderung Finnlands wurde von den anderen Euro-Finanzministern zurückgewiesen.

Kommentare (10)

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HerrSaubermann

08.07.2011, 15:13 Uhr

Und irgendwann in der Zukunft wird es heißen, dass es nicht die Rating-Agenturen waren, die den Euro begraben haben, sondern die Eurokraten selbst.

ich_packs_nimmer

08.07.2011, 15:23 Uhr

Seit wann müssen ökonomische Analysen und daraus redultierende Ratings denn juristisch begründet werden?

Brüssel mutiert immer mehr zum Komödienstadel - aus Verzweiflung.

Seltsam, im deutschen Medienwald liest man nirgendwo, dass Spaniens Nettosteuereinnahmen im ersten Trimester um sage und schreibe 32% weggebrochen sind (Nachzulesen im österr. Der Standard v. 20.6.11).

Welche Auswirkungen dies auf noch kommende Ratings (und folgende Rettungsmassnahmen) haben wird, kann sich jeder ausmalen.

Aber bis dahin sind Ratings für EURO-PLEITE-Kandidaten ganz sicher verboten. Wetten?

Account gelöscht!

08.07.2011, 15:48 Uhr

" 'Die Banken und die Versicherungen wissen, dass sie sich bewegen müssen. Denn sonst laufen sie Gefahr, noch mehr zu verlieren', sagte ein EU-Diplomat."

Mich wundert nicht, dass der Zitierte seine Aussagen lieber im Halbschatten der Anonymität tätigt. Gerade noch wurde in irgendwelchen Hinterzimmern der private Anteil um 15 Mrd.€ reduziert und dieser Fatzke stellt sich vor die Presse und heuchelt Entschlossenheit im Umgang mit der privaten Lobby.
Na, sie bewegen sich doch. Nur halt gegen Null.

" 'Von der Drohung der größten Ratingagentur Standard & Poors, den geplanten Zahlungsaufschub als Teil-Zahlungsausfall (Selective Default) zu werten, lässt sich die Eurozone nicht beeindrucken.'...hieß es in Brüssel."

Wer spricht? Na, Brüssel halt!
"Und warum dann die Kürzung des Anteils?" möchte man Brüssel fragen, doch wird diese Frage wohl in den Gassen des dortigen Regierungsviertels unbeantwortet verhallen. Man hört nur ein Raunen, dass die EZB mittlerweile selbst die größten Anteile an griechischen Staatsanleihen schultert und sich somit verhandlungsmäßig in die Zwickmühle manövriert hat.
Und so werden denn Scharen von gesichts- und namenlosen EU-Diplomaten ausgesandt, um ungeminderte Entscheidungshoheit zu demonstrieren.

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